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Pharmaversuche in der DDR: Bundesregierung will Aufklärung mitfinanzieren

Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Jahn: "Keine moralischen Skrupel" Zur Großansicht
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Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen Jahn: "Keine moralischen Skrupel"

Westdeutsche Firmen haben in der DDR oft ohne Wissen der Betroffenen Medikamente getestet - die Bundesregierung will die Aufklärung des Skandals nun vorantreiben. Sie hat einem Projekt der Berliner Charité finanzielle Unterstützung versprochen.

Berlin - Gesundheitsminister Daniel Bahr war das erste Mitglied der Bundesregierung, das Druck machte: Bei SPIEGEL ONLINE setzte er sich dafür ein, dass die Medikamententests westdeutscher Pharmakonzerne in der DDR rasch aufgeklärt werden müssen. Nun sollen den Worten Taten folgen.

Die Bundesregierung will sich finanziell an einem Forschungsvorhaben der Berliner Charité beteiligen. Die Studie des Instituts für Medizingeschichte solle eine "historische und transparente Aufarbeitung der Arzneimittelversuche in der ehemaligen DDR leisten", erklärte das Innenministerium.

Der beim Innenressort angesiedelte Ostbeauftragte Christoph Bergner sagte, aus Sicht der Bundesregierung bestehe ein erhebliches Interesse an einer gründlichen Aufklärung des Sachverhalts. Er forderte auch die Bundes- und Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen ebenso wie den Verband forschender Arzneimittelhersteller, die Ärztekammern und etwaige Patientenvertreter auf, sich an der Studie zu beteiligen.

Nach Informationen des SPIEGEL wurden bis zum Mauerfall in mehr als 50 DDR-Kliniken unter anderem Herzmedikamente und Antidepressiva getestet - oft ohne Wissen der Betroffenen. Das geht aus bislang unbekannten Akten des DDR-Gesundheitsministeriums, der Stasi und des Instituts für Arzneimittelwesen der DDR hervor.

West-Pharmahersteller gaben demnach bei DDR-Kliniken mehr als 600 Arzneimittelversuche in Auftrag. Dabei kam es zu zahlreichen Todesfällen, auch wurden Tests wegen Nebenwirkungen abgebrochen. Auch Tests an 30 Frühchen mit einem Körpergewicht von nur 750 bis 1500 Gramm wurden mit dem als Dopingmittel missbrauchten Erythropoetin, dem sogenannten Epo, an der Ost-Berliner Klinik Charité durchgeführt. Sie bekamen das Hormon zur Anregung der Bildung von roten Blutkörperchen.

"Menschen blieben auf der Strecke"

Der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Roland Jahn, forderte westliche Pharmakonzerne aufgefordert, ihre Archive zu öffnen. Dass westdeutsche Firmen Medikamente an DDR-Patienten hätten testen lassen, sei ein "übler deutsch-deutscher Deal" gewesen, sagte Jahn der "Zeit".

In der DDR habe es keine öffentliche Kontrolle gegeben. "Unternehmen nahmen also billigend in Kauf, dass in der DDR Menschen auf der Strecke blieben." Nun sollten sich die Firmen bei der Aufarbeitung auch mit Geld beteiligen, sagte Jahn.

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG), Rainer Wagner, betonte, die Vorgänge zeigten, "wie die Verantwortlichen im Unrechtsstaat DDR hinterm Westgeld her waren und von daher keine moralischen Skrupel kannten". Kapitalistische Unternehmen hätten das für ihre finanziellen Zwecke ausgenutzt, sagte Wagner der "Berliner Zeitung" vom Dienstag. In eindeutigen Fällen müssten die Pharma-Firmen Betroffene entschädigen, "bis zu einem einmaligen Schmerzensgeld".

kgp/Reuters/AFP

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1. Allein der Glaube fehlt mir.
Nörgelkopf1 16.05.2013
Zitat von sysopREUTERSWestdeutsche Firmen haben in der DDR oft ohne Wissen der Betroffenen Medikamente getestet - die Bundesregierung will die Aufklärung des Skandals nun vorantreiben. Sie hat einem Projekt der Berliner Charité finanzielle Unterstützung versprochen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pharmaversuche-in-der-ddr-regierung-will-aufklaerung-mitfinanzieren-a-900139.html
Die Lobby wird alles tun um diese Aufklärung zu verhindern. Dafür steht die FDP mit ihren Ministern. Der Bürger wird wieder einmal betrogen. Was wurde bei Contergan alles gemacht um das Problem zu verstecken? So wird es wieder kommen.
2. Wieso Kosten?
rokitansky 16.05.2013
Zitat von sysopREUTERSWestdeutsche Firmen haben in der DDR oft ohne Wissen der Betroffenen Medikamente getestet - die Bundesregierung will die Aufklärung des Skandals nun vorantreiben. Sie hat einem Projekt der Berliner Charité finanzielle Unterstützung versprochen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pharmaversuche-in-der-ddr-regierung-will-aufklaerung-mitfinanzieren-a-900139.html
Die Linke sitzt doch im Abgeordnetenhaus, das reicht doch wenn man die Ex-DDR Genossen der SED befragt. Außerdem sitzen doch genug Ex-SED`ler in den Verwaltungen der neuen Länder. Der Präsident der Landesärztekammer Thrüingen, der selbst an Medikamententests beteiligt war, meinte doch im Interview, das die Patienten mit Westmedikamenten behandelt und geheilt wurden, Beispiel Rampiril, an die sie sonst nie rangekommen wären. Und wenn hier einer finanzieren muss dann aus dem SED-Vermögen und zu lasten der Pharmariesen aber doch nicht aus Steuergeldern.
3. Bundesregierung finanziert Aufklärung mit...
tasypi 16.05.2013
Zitat von sysopREUTERSWestdeutsche Firmen haben in der DDR oft ohne Wissen der Betroffenen Medikamente getestet - die Bundesregierung will die Aufklärung des Skandals nun vorantreiben. Sie hat einem Projekt der Berliner Charité finanzielle Unterstützung versprochen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pharmaversuche-in-der-ddr-regierung-will-aufklaerung-mitfinanzieren-a-900139.html
Ich lach mich schlapp, selten so gelacht...Garantiert hat keine damalige Bundesregierung von diesen Pharmaversuchen gewusst, oder? Dann ist ja alles gut, wenn die Bundesregierung ihre Hilfe zusagte.... Würde mich nicht wundern, wenn die Bundesregierung den Betrag, den sie als Hilfe zusagte, noch einmal aufbringt, um die Seite zu finanzieren, die es nicht wünscht, dass ein entsprechender Bericht plötzlich auftaucht...
4. Wäre schön...
arakiel 16.05.2013
Zitat von sysopREUTERSWestdeutsche Firmen haben in der DDR oft ohne Wissen der Betroffenen Medikamente getestet - die Bundesregierung will die Aufklärung des Skandals nun vorantreiben. Sie hat einem Projekt der Berliner Charité finanzielle Unterstützung versprochen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/pharmaversuche-in-der-ddr-regierung-will-aufklaerung-mitfinanzieren-a-900139.html
...wenn die Bundesregierung sich das Geld danach von den mitverantwortlichen Pharmakonzernen zurückholen würde. Naja Träumen darf man ja.
5. Wieso schon wieder Geld?
skeptiker97 16.05.2013
Akten müssen offengelegt und Auskunft gegeben werden, einfache Rechtspflichten erfüllt, genauso als wenn der Staatsanwalt oder das Finazamt kommt, weiter nichts. Der Staat beiteiligt sich an so etwas normalerweise nicht noch finanziell. Es müssen da noch lange keine Sondersubventionen für die beteiligten Firmen, weitere Bürokratenposten oder endlose "Forschungsprojekte" geschaffen werden. Geht noch mal was, ohne daß immer Firmen oder Personen erst "geschmiert" werden?
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