Früherer Bundestagspräsident Philipp Jenninger ist tot

Der CDU-Politiker Philipp Jenninger saß 21 Jahre im Bundestag, als dessen Präsident trat er 1988 wegen einer missglückten Rede über die NS-Zeit zurück. Nun ist er im Alter von 85 Jahren gestorben.

Philipp Jenninger (Archivbild von November 1988)
AP

Philipp Jenninger (Archivbild von November 1988)


Der frühere Bundestagspräsident Philipp Jenninger (CDU) ist tot. Er starb nach einer Mitteilung des Bundestags am Donnerstag im Alter von 85 Jahren. Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) teilte mit, Jenninger habe die deutsche Politik über viele Jahre in herausgehobenen Positionen maßgeblich mitbestimmt: "Ich habe Philipp Jenninger, mit dem ich eng, freundschaftlich und vertrauensvoll zusammengearbeitet habe, dabei als einen leidenschaftlichen Abgeordneten erlebt und ihn als überzeugten Demokraten sehr geschätzt."

Jenninger gehörte dem Bundestag von 1969 bis 1990 an. Von 1984 bis 1988 war er dessen Präsident. Seine missverständlich formulierte Gedenkrede zur antijüdischen Pogromnacht vom November 1938 löste 1988 national und international eine Welle der Empörung aus.

Der ehrgeizige Versuch, die Geschehnisse von 1938 in einer modifizierten historischen Sicht zu deuten, geriet zum Eklat, weil es Jenninger rhetorisch misslang, das "notwendige Maß an Betroffenheit" ("FAZ") erkennen zu lassen, und weil die vielen Zitate aus der NS-Zeit, die er in seiner Rede anführte, Anlass zu Missverständnissen gaben. Am Tag darauf trat Jenninger zurück.

Der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Ignatz Bubis, meinte Jahre später in einem Interview mit dem "Tagesspiegel", Jenninger habe "eine über weite Strecken hervorragende Rede einfach nur rhetorisch miserabel gehalten. Wenn es nach uns gegangen wäre, hätte er nicht zurücktreten müssen."

Jenninger blieb zwar Bundestagsabgeordneter und arbeitete im Auswärtigen Ausschuss des Bundestages mit, meldete sich aber, offenbar tief getroffen, in den Plenarsitzungen nicht mehr zu Wort. Die Enttäuschung über den mangelnden Rückhalt in Bonn bewog ihn auch, bei der Bundestagswahl 1990 auf eine erneute Kandidatur zu verzichten und in die Diplomatie zu wechseln.

1991 löste er Dietrich Graf von Brühl als deutscher Botschafter in Wien ab, wo er vier Jahre lang tätig war. Von Mai 1995 bis zu seiner Pensionierung im Juni 1997 war Jenninger deutscher Botschafter beim Vatikan in Rom.

cte/dpa



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