Zum Tode von Philipp Mißfelder Der Netzwerker

Mit nur 35 Jahren ist der Außenpolitiker Philipp Mißfelder an einer Lungenembolie gestorben. In der Hauptstadt sind viele schockiert, auch in der SPD hatte der CDU-Politiker Freunde. Sein Vorbild war Helmut Kohl.

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Noch vor wenigen Tagen saß Philipp Mißfelder im CNN-Studio in London. Der Außenpolitiker der Unionsfraktion gab der Starreporterin des US-Senders, Christiane Amanpour, ein Interview. Es ging um die Lage in Griechenland, um die Politik der Kanzlerin. Mißfelder sprach Englisch, er wirkte ruhig und gelassen. Er machte seine Sache gut.

In der Nacht von Sonntag auf Montag ist der 35-Jährige völlig überraschend gestorben. Eine Lungenembolie ist eine tückische Krankheit, die jeden treffen kann, in jedem Alter. Wer Glück hat, kann noch durch eine Infusion - eine Lysetherapie - gerettet werden. Mißfelder hatte es nicht, obwohl er noch ins Krankenhaus gebracht wurde. Er hinterlässt seine Frau, eine Ärztin, und zwei kleine Töchter.

Im politischen Berlin reagierten viele fassungslos. Mißfelder kannte viele aus seiner Altersklasse in den anderen Parteien, er hatte schließlich die Junge Union zwölf Jahre lang geführt. Da hatten sich nicht nur oberflächliche Kontakte ergeben. Björn Böhning und Niels Annen waren in diesen Jahren auch mal Vorsitzende der Jusos gewesen, dem SPD-Nachwuchs. "Ich trauere um meinen Freund Philipp Mißfelder", schrieb Böhning, inzwischen Chef der Berliner Senatskanzlei.

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CDU-Außenpolitiker: Philipp Mißfelder ist tot
"Wir haben damals, bei allen politischen Unterschieden, beide für eine eigenständige und starke Rolle unserer Jugendorganisationen gekämpft", sagte ein tief betroffener Niels Annen, inzwischen wie Mißfelder außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. "Diese Erfahrungen verbinden. Seither hatten wir ein enges Vertrauensverhältnis, das auch in Zeiten harter Auseinandersetzung belastbar war und für das ich Philipp sehr dankbar bin."

In der eigenen Fraktion war Mißfelder nicht unumstritten. Sein überraschender Abgang als transatlantischer Koordinator der Bundesregierung hatte viele irritiert, dann folgte im Mai vergangenen Jahres seine Teilnahme an einer Geburtstagsfeier für Ex-Kanzler Gerhard Schröder in St. Petersburg, an der auch Russlands Präsident Wladimir Putin teilnahm. Die Feier fiel in die Zeit nach der Annexion der Krim, die Union reagierte überrascht, in den Medien wurden auch Fragen nach seinen vielfältigen Ost-Kontakten gestellt. Mißfelder drohte ins Abseits zu geraten. Es war Peter Hintze, Vize-Bundestagspräsident und Leiter der einflussreichen nordrhein-westfälischen Landesgruppe in der Unionsfraktion, der rasch klarmachte, dass Mißfelder in seinem Amt als außenpolitischer Sprecher von der Fraktion wiedergewählt werden würde. So kam es dann auch.

Sein Vorbild war Kohl, nicht Merkel

Mißfelder hatte schon früh auf sich aufmerksam gemacht. Bundesweit bekannt wurde er 2003, als er vorschlug, künstliche Hüftgelenke für sehr alte Menschen nicht mehr auf Kosten der Solidargemeinschaft finanzieren zu lassen. Es folgte ein Sturm der Entrüstung, er trat danach zu einer Tour an die CDU-Basis an, an der Seite des Chefs der Senioren-Union. Mißfelder sah seinen Fehler ein, ihm wurde verziehen.

Mancher in der CDU konnte sich ihn sogar als Ministerpräsident oder am Kabinettstisch vorstellen - er war machtbewusst und durchsetzungsfähig. Sein Verhältnis zu Angela Merkel allerdings war nie spannungsfrei. Zu ihren engen Vertrauten zählte er nicht. Mißfelder war vom Typus ein junger Kohlianer: Er telefonierte viel und pflegte ein enges Netzwerk, ganz wie sein Vorbild Helmut Kohl. Sechs Jahre lang gehörte er dem CDU-Präsidium an, zuletzt war er auch Schatzmeister der CDU in Nordrhein-Westfalen. Mit 14 Jahren war er wegen Kohl in die Junge Union eingetreten, mit dem Altkanzler pflegte er bis zuletzt als einer der Wenigen in der Partei noch einen engeren Kontakt. Spott musste er 2004 ertragen, als er auf einer Veranstaltung der Jungen Union in Oldenburg Helmut Kohl mit den Worten begrüßte: "Wir sagen Danke für eine glückliche Kindheit."

Obwohl er kräftig austeilen konnte, war Mißfelder durchaus dünnhäutig. Mit dem Verfasser dieser Zeilen, der seinen Auftritt in Oldenburg auf SPIEGEL ONLINE kritisch beschrieben hatte, sprach er ein Jahr lang nicht mehr. Das teilte er kurz und bündig auf einem abendlichen Parteifest vor einem CDU-Parteitag in Düsseldorf mit. Irgendwann traf man sich dann doch wieder zum Abendessen in Berlin.

Auch als der SPIEGEL 2009 ein mehrseitiges Porträt über ihn veröffentlichte, in dem er als Prototyp des karriereorientierten Jungpolitikers beschrieben wurde, reagierte Mißfelder tief getroffen. Es herrschte wochenlang Funkstille. Es bedurfte einiger Telefonate, bis Mißfelder seine Kontaktsperre wieder aufhob.

Danach blieben wir im Gespräch. Zuletzt gab er SPIEGEL ONLINE am Tag vor dem Besuch der Queen seine Einschätzung zu den deutsch-britischen Beziehungen. Er plädierte für einen Verbleib Großbritanniens in der EU. Auch da war er, bei aller zuletzt geübten Nachsicht gegenüber Russland, dann doch seinem Vorbild Kohl sehr ähnlich: Deutschlands Platz war für Mißfelder der Westen und Europa.

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