Philippsburg Schlüssel für Atomkraftwerk verschwunden

Schwere Panne im Atomkraftwerk Philippsburg: In der Reaktoranlage sind seit dem 10. März mehrere Schlüssel verschwunden, die Türen zu Sicherheitsbereichen öffnen. Erst eine Woche später informierten die Betreiber die Behörden. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.

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Stuttgart/Philippsburg - Die Spur der Schlüssel verliert sich am Nachmittag des 10. März. An jenem Montag, so der Stand der Ermittlungen, lässt sich ein Mitarbeiter des Kernkraftwerks im baden-württembergischen Philippsburg morgens im Block 1 einen Schlüsselbund aushändigen. Der Mann soll Kontrollarbeiten vornehmen, offenbar an einem Notstromaggregat, die Übergabe des Bundes wird ordnungsgemäß schriftlich dokumentiert. Stunden später sind die zwölf Schlüssel weg, drei davon ermöglichen den Zugang zu sicherheitsrelevanten Bereichen, allerdings nicht zum "primären Reaktorbereich", wie es heißt.

Kernkraftwerk Philippsburg: "Mehrfach gestaffeltes und diversitär aufgebautes Sicherungssystem"
AP

Kernkraftwerk Philippsburg: "Mehrfach gestaffeltes und diversitär aufgebautes Sicherungssystem"

Auch nach tagelanger Suche bleiben sie unauffindbar. Nach fünf Tagen informiert der Schichtleiter den Kraftwerksleiter, eine Woche nach dem Verschwinden erfährt das für die Atomaufsicht zuständige Umweltministerium davon.

Der Betreiber des Atomkraftwerks Philippsburg, die Energie Baden-Württemberg (EnBW), Landeskriminalamt (LKA) und das Stuttgarter Umweltministerium bestätigten SPIEGEL ONLINE heute den Zwischenfall. Ein LKA-Sprecher erklärte, es werde wegen des Verdachts des Diebstahls oder der Unterschlagung gegen Unbekannt ermittelt.

Ein Sprecher des Umweltministeriums sagte, die EnBW habe den Verlust der Schlüssel am Freitagabend, dem 17. März, telefonisch gemeldet. Am Montag darauf sei der Fall dann bei einer Sicherheitsbesprechung im Kraftwerk auf den Tisch gekommen. Die Staatsanwaltschaft Karlsruhe wurde eingeschaltet und beauftragte das LKA mit den Ermittlungen. Im Ministerium ist man über die Verzögerung der Meldung nicht erfreut. "Auch wenn es sich nach derzeitigem Stand nicht um ein meldepflichtiges Ereignis handelt, erschließt sich uns nicht, warum das so lange gedauert hat", sagte Sprecher Karl Franz. Die Vorgänge seien noch nicht "abschließend bewertet", das Ministerium habe bei der EnBW einen detaillierten Bericht zur Chronologie der Ereignisse angefordert.

Die EnBW will zu dem mysteriösen Verschwinden bislang nur schriftlich Stellung nehmen. In der Erklärung heißt es, der Vorgang sei nicht meldepflichtig, "so das Ergebnis der vom Schichtleiter vorgenommenen Prüfung". Der sichere Betrieb der Anlage sei zu jedem Zeitpunkt gewährleistet gewesen. Grundsätzlich gelte, schreibt EnBW, "auch wer unbefugt im Besitz dieser Schlüssel ist, kann nicht unbemerkt die betreffenden Räume betreten. Hierfür sorgt ein mehrfach gestaffeltes und diversitär aufgebautes Sicherungssystem". Trotzdem seien weitere Maßnahmen veranlasst worden. Welche, wird in der Erklärung nicht weiter aufgeführt.

Schlösser werden ausgetauscht

Dem Umweltministerium gegenüber hat der Betreiber jedoch versichert, mit dem Austausch aller betroffenen Schlösser begonnen zu haben. Davon habe man sich vor Ort überzeugen können, sagte Ministeriumssprecher Franz. Aufgrund der großen Zahl werde der Austausch sich jedoch noch bis Ende der Woche hinziehen. Wie viele Schlösser genau gewechselt werden müssen, ist nicht bekannt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sind es jedoch weit über Hundert.

Von außen sei ein Zugang zum Reaktor mit Hilfe der Schlüssel offenbar nicht möglich, berichtet die "Stuttgarter Zeitung". Der Leitende Oberstaatsanwalt der Staatsanwaltschaft Karlsruhe, Gunter Spitz, sagte SPIEGEL ONLINE, nach derzeitigem Erkenntnisstand ermöglichten die Schlüssel auch keinen Zugriff auf radioaktives Material.

Vor einigen Jahren hatte ein spektakulärer Fall von Plutonium-Schmuggel Aufsehen erregt: Um den Jahreswechsel 1999/2000 hatte ein Arbeiter Plutonium aus der stillgelegten Wiederaufbereitungsanlage in Karlsruhe gestohlen, dieses zunächst monatelang in seiner Wohnung gelagert und dann weggeworfen. Bei dem Diebstahl wurden der Täter, seine Lebensgefährtin und deren Tochter schwer strahlenverseucht. Der Mann wurde 2002 vom Landgericht Karlsruhe zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt.

Die baden-württembergischen Grünen kritisierten nach Bekanntwerden des Vorfalls in Philippsburg das Sicherheitssystem des Betreibers scharf. Die zugesagte neue Sicherheitsphilosophie des Energiekonzerns habe kläglich versagt, sagte der Grünen-Landtagsabgeordnete Boris Palmer.



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