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Pierre Vogel in Hamburg: Hassprediger, hahaha

Von Nora Gantenbrink

Seine Masche ist perfide. Der radikale Prediger Pierre Vogel gibt sich harmlos - und doch schafft er es, Männer und Frauen zu trennen, den Gesichtsschleier zu empfehlen, den Weg ins Paradies zu weisen. Mitten in Hamburg.

Islamisten-Kundgebung in Hamburg: Nicht willkommen, trotzdem da Fotos
DPA

Hamburg - Er ist gekommen, um vor den Brüdern und Schwestern über die Rolle der Frau im Islam zu sprechen und eigentlich auch, um die Frage "Warum sollte die Bundeswehr Afghanistan verlassen?" zu klären. Nur in Hamburg darf er, der Fundamentalist, das Terrornetzwerk al-Qaida und auch Bin Laden überhaupt nicht erwähnen. Ja gibt's denn so was? "Schweinerei", schreit jemand. Die Masse buht.

Von der Polizei hat Pierre Vogel für seine Versammlung in Hamburg rund ein Dutzend Auflagen verordnet bekommen. Denn der umstrittene Vogel ist niemand, der eine Stadt durch Anwesenheit schmückt. Wer es irgendwie kann, erteilt ihm Hausverbot. In die Schweiz darf der radikale Prediger nicht mehr einreisen. Anfang dieses Jahres verwehrte ihm die Uni Kiel den Einlass in das Audimax. "Herr Vogel ist auch in Hamburg nicht willkommen, aber verbieten können sie den halt nicht", sagt Frank Reschreiter, Sprecher der Innenbehörde. Nur regulieren.

Vermummungsverbot und keine Geschlechtertrennung sind zwei der Auflagen, die von der Polizei erlassen wurden und trotzdem stehen Frauen in Burka links vor der Bühne. Links, weil die Männer rechts stehen sollen. "Geht ihr bitte rüber zu den Brüdern", weist eine Schwester zwei junge Männer an. Sie nicken und ziehen ab.

Wer ist dieser Mann, der im Jahr 2011 Männer und Frauen freiwillig spalten kann?

Ein dicklicher 32-Jähriger in weißem Gewand und Häkelmützchen. Die Oberlippe rasiert er sich, den roten Kinnbart lässt er wuchern. So hat es Mohammed, der Prophet, auch gemacht. Vogel, einst Profi-Boxer heute Prediger fundamentalistischer Islam-Theorien, wird vom Verfassungsschutz überwacht und von seinen Anhängern wie ein Popstar gefeiert. 2001 konvertierte der Deutsche zum Islam, heute bringt er andere dazu zu konvertieren. Besonders Jugendliche himmeln ihn an, weil er - wenn es so was überhaupt gibt - die Sprache der Jugend spricht. Hip Hopper, Kick-Boxer, Gesamtschüler. Auf der Bühne trinkt er Red-Bull. Er sei auch schon so ein Red Bull, sagt er - ein roter Bulle. Die Menge lacht. Vogel grinst.

Mein Schleier, mein Wille

Vom Verfassungsschutz wird Vogel den Salafisten zugeordnet - einer besonders strengen und rückwärtsgewandten Strömung des Islams. Laut dem Verfassungsschutz streben Salafisten in letzter Konsequenz einen islamischen Gottesstaat an, in dem wesentliche Grundrechte und Verfassungspositionen nichts gelten. Einige Salafisten nehmen dafür auch den Einsatz von Gewalt in Kauf. Vogel spricht sich öffentlich zwar gegen Gewalt aus, wird aber als gefährlich eingestuft.

Vogel sagt, er sei nicht gefährlich, sondern ganz friedlich. Er werde nur sehr oft missverstanden. Zum Beispiel hätte er nie gesagt, der Gesichtsschleier der Frau sei Pflicht. Er sei nur sehr erwünscht. Seine Frau zum Beispiel trage ihn freiwillig. Vor der Bühne wird geklatscht. Im Hintergrund kreischen die Gegendemonstranten.

Manche Teilnehmer halten Plakate nach oben: "Mein Schleier, mein Wille, mein Recht und Freiheit!" steht auf einem. "Danke Pierre!" auf einem anderen. Vogels Zielgruppe sind die Jungen, die Suchenden, die Taumelnden. Darum hat die Kundgebung Jugend-Treff-Charakter. Sie stehen nebeneinander in Cliquen. Männer und Frauen zumeist getrennt. Sie halten ihre iPhones nach oben. Das Idol im Taschenformat. Die Männer tragen Lederjacken, Sonnenbrillen, Ed-Hardy-Shirts und Adidas-Schuhe. Einer trägt einen "I love Islam"-Pullover. Neben komplett verschleierten Frauen stehen junge Mädchen mit Leggings und Lipgloss.

Anweisung für die Schwestern: Nicht sprechen

Dazwischen stehen Ulrike Wesse und ihr Mann Udo. Sie sind aus Essen angereist, um sich anpöbeln zu lassen. "Wir sind eine erfahrene Zwei-Mann-Demonstration", sagt Ulrike Wesse, ärmelloses Top, Oberarm-Tätowierung, die Haarpracht rosa-blond gesträhnt. Wenn Vogel spricht, dann trillert Wesse und ihr Mann hält Plakate hoch. Auf denen steht, dass Vogel die Demokratie gefährde. "Haut ab", schreit einer. "Eure Priester vergewaltigen Kinder", sagt ein anderer. Wesse trillert weiter aus Trotz und schreit: "Ich bin für ein Vermummungsverbot in ganz Deutschland." "Dann und wann bilden sich Trauben von halbstarken Jugendlichen um das ältere Ehepaar. "Pierre Vogel ist ein Sektenfänger", ruft Wesse dann.

Das Feindbild der Teilnehmer sind die Gegendemonstranten und die Medien. Bevor Vogel die Bühne betreten hat, verteilte eine Frau Zettel an die "Schwestern". Darauf steht, sie sollen nicht mit den Medien sprechen und nicht mit den Gegendemonstranten diskutieren. Sondern unter sich bleiben. "Versteckt euch nicht, geht offen mit eurem Glauben um", schreit Vogel von der Bühne.

Wenn man bei Ibrahim Alalmani, einem Bruder Vogels nachfragt, wie das denn zusammengehe, dass Vogel Offenheit propagiere und dann solche Zettel verteilt werden, dann bekommt man als Antwort, damit hätten die Veranstalter überhaupt nichts zu tun.

Auf der Bühne bittet Vogel nun diejenigen zu sich, die gekommen seien um zu konvertieren. Sieben Personen steigen auf den Lkw-Anhänger, von dem Vogel spricht. Sie alle wollen sich bekennen zum Islam. Deshalb ist ein junger Mann extra aus Bayern angereist und eine Mutter mit drei Kindern sieben Stunden Zug gefahren.

"Lasst euch von niemandem etwas erzählen", schreit Vogel zum Abschluss von der Bühne seinen Anhängern zu. "Haltet an eurem Glauben fest, auch wenn sie euch in der Schule dafür anmachen. Vertraut nur auf den Koran, denn der Islam ist das Größte und der Weg ins Paradies." "Allahu akbar", schreit die Menge und jubelt, Gott ist groß. Einige Männer recken dabei ihre Faust gen Himmel.

Geld für den Guru

Vogel gibt jetzt den Medien, die er so hasst, noch ein paar Interviews. Er mag sie nicht, aber er braucht sie: Je mehr Medien ihn kritisieren, desto größer wird der Zusammenhalt unter der Vogel-Gemeinschaft. Desto lauter kann er schimpfen: "Hassprediger, hahaha. Bin ich etwa gefährlich, weil ich den Islam liebe?" Seine Masche ist perfide und kindlich. Ständig schreit er: "Stimmt alles nicht!" Die Medien, die Politiker, die Polizei - alle Teil eines großen, gemeinen Plans gegen den Islam und er, der Prediger, der ihn durchschaut hat.

Viele Menschen wollen nach dem zweieinhalbstündigen Vortragsmarathon noch nicht nach Hause. Sie drängen zu der Pierre-Vogel-Truppe rund um den weißen Lkw, suchen die Nähe des Teams. Fragen: Wie kann man euch treffen? Wie bekomme ich mehr Kontakt? Warum beantwortet ihr meine E-Mails nicht. Es hat etwas Verzweifeltes.

Ein 19-jähriger deutscher Junge, Baseballkäppi, fehlender Bartwuchs steht bewundernd vor zwei Ordnern. "Kann ich so ein Bändchen haben", fragt er und weist auf das weiße Gummiband, welches die Ordner von Pierre Vogel während der Veranstaltung am aufgepumpten Oberarm platzierten. "Ne Bruder, das brauchen wir noch." Ein Pappkarton wird herumgereicht, Scheine reingelegt. Geld für den Guru.

Die anderen Brüder und Schwestern stehen in kleinen Gruppen auf dem Platz herum, tauschen Telefonnummern, planen Treffen und geben den Neukonvertierten Ratschläge. Der junge Mann aus Bayern, der aussieht als würde er sonst am Wochenende in Indierock-Clubs gehen, sagt den Gratulanten er meine es sehr ernst, er wolle den Islam jetzt leben, fünf Mal am Tag beten. Der Presse sagt er "kein Kommentar" und wendet sich ab. Fremde Menschen fallen ihm in die Arme. Der Bayer, ein Bruder. Drei Jungs stecken den Teilnehmern Flyer mit dem Titel "Einladung ins Paradies" zu.

Der Großteil der Menschen strömt jetzt gen U-Bahn. Die kleinen Kinder müssen ins Bett gebracht werden. Ein alter Mann sagt, er sei glücklich gesehen zu haben, wie der Islam weiterleben wird. Der Jugend verlangt es nach Cheeseburgern und Mc Flurry.

Was bleibt nach so einer Kundgebung?

Sieben neue Muslime.

Hunderte euphorisierte Vogel-Fans.

Unzählige verteilte Flyer eines salafistischen Vereins.

Ein Ehepaar, das mit zerknickten Pappschildern zurück nach Essen fährt.

Eine Polizeieinsatzleitung, die zu Protokoll geben wird, dass alles friedlich war.

Pierre Vogel und seine Anhänger steigen in den weißen Lkw. Ihr nächstes Ziel wird Frankfurt sein.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Und
calido46 10.07.2011
warum wird die Kundgebung von so jemandem: "Vom Verfassungsschutz wird Vogel den Salafisten zugeordnet - einer besonders strengen und rückwärtsgewandten Strömung des Islams. Laut dem Verfassungsschutz streben Salafisten in letzter Konsequenz einen islamischen Gottesstaat an, in dem wesentliche Grundrechte und Verfassungspositionen nichts gelten. Einige Salafisten nehmen dafür auch den Einsatz von Gewalt in Kauf. Vogel spricht sich öffentlich zwar gegen Gewalt aus, wird aber als gefährlich eingestuft." der in seinen Ansichten eklatant vom GG abweicht nicht verboten? Vor was haben die zuständigen Richter Angst?
2. Salafisten?
Erebos 10.07.2011
Salafisten? War da nicht etwas mit Saudi-Arabien und Unterstützung von Salfisten im Ausland? Hab ich mich bestimmt verhört.
3. Pierre Vogel in Hamburg
huaroux 10.07.2011
...wie der Name dieses fehlgeleiteten Schaf's schon sagt.... flieg ab Du Vogel!!! zu Deinen Brüdern aber nicht Schwestern in eine Region wo Du deinen Blödsinn an leichtgläubige Schafe bringen kannst. Als ehemaliger Boxer, hat er zu viel auf die Birne bekommen, nun lebt er dieses Trauma aus. Von was lebt der eigentlich so, doch hoffentlich nicht von Hartz IV ?
4. Solche Männer braucht das Land!
Fritz Motzki 10.07.2011
Zitat von sysopSeine Masche ist perfide. Der radikale Prediger Pierre Vogel gibt sich harmlos - und doch schafft er es, Männer und Frauen zu trennen, den Gesichtsschleier zu empfehlen, den Weg ins Paradies zu weisen.*Mitten in Hamburg. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,773459,00.html
Und zwar solche, die in der Lage sind, dagegen zuhalten. In Mönchengladbach formieren sich deswegen schon Wutbürger.
5. Pierre Vogel
A.L.Dreyfus 10.07.2011
Als Kind in einer stark muslimischen Kultur aufzuwachsen (oder in einer stark religiösen Kultur unabhängig von der spezifischen Religion) ist schwer, und es verdient großen Respekt, sich davon loszusagen. Pierre Vogel ist genau das Gegenteil: er wuchs in einer liberalen, aufgeklärten Gesellschaft auf und wurde ein engstirniger Radikaler. Das ist eine der erbärmlichsten Entwicklungen eines Individuums, die man sich vorstellen kann.
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