Berliner Solidaritätskundgebung "Neuen und alten Antisemitismus bekämpfen"

In mehreren deutschen Städten setzen Bürger mit Solidaritätsbekundungen ein Zeichen gegen Antisemitismus. Hilft das? Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, fordert weit mehr.

Pinchas Goldschmidt
imago/ ITAR-TASS

Pinchas Goldschmidt

Ein Interview von


In der Hauptstadt hat die Jüdische Gemeinde für diesen Mittwochabend unter dem Motto "Berlin trägt Kippa" zu einer Kundgebung gegen Antisemitismus aufgerufen. Auch in anderen deutschen Großstädten zeigen die Menschen in diesen Tagen ihre Solidarität. Die Demonstrationen sind eine Reaktion auf einen antisemitischen Übergriff aus der vorigen Woche, bei dem in Berlin ein Kippa tragender junger israelischer Araber attackiert wurde.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht Pinchas Goldschmidt, Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz, über das Symbol der Kippa, den Antisemitismus der "neuen Deutschen" sowie die Gefahren für jüdisches Leben in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Herr Goldschmidt, der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, hat Einzelpersonen davon abgeraten, sich in deutschen Großstädten öffentlich mit der Kippa zu zeigen. Was halten Sie davon?

Pinchas Goldschmidt: Es ist ein trauriger Tag für Europa, wenn die jüdische Gemeinde sagt, es sei zu gefährlich eine Kippa zu tragen. Ich halte so einen Aufruf aber für eine Kapitulation vor dem Antisemitismus. Wenn man sich versteckt, kann man den Antisemitismus nicht besiegen.

Zur Person: Pinchas Goldschmidt
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    Der Rabbiner Pinchas Goldschmidt, Jahrgang 1963, ist Präsident der Europäischen Rabbinerkonferenz. Er ist außerdem Oberrabbiner von Moskau und Vorsitzender der Rabbinischen Gerichte in Russland und der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Er studierte in Israel und den USA. Goldschmidt ist verheiratet und hat sieben Kinder.

SPIEGEL ONLINE: Welche Signalwirkung geht von der Kundgebung "Berlin trägt Kippa" aus?

Goldschmidt: Das ist ein positives Zeichen. Noch viel positiver aber wäre es, wenn während solcher Attacken, wie sie vor wenigen Tagen in Berlin stattgefunden haben, Zivilcourage gezeigt würde. Jeder hat heute ein Handy oder ein Smartphone. Die Umstehenden sollten diese Angriffe fotografieren und filmen. Damit hilft man auch der Polizei bei der Aufklärung.

SPIEGEL ONLINE: Heute Abend in Berlin tragen auch Frauen und nicht-jüdische Männer Kippa. Was sagen Sie dazu?

Goldschmidt: Das finde ich großartig, es ist ein starkes Signal. Im Übrigen ist es ja so, dass es im Judentum selbst unterschiedliche Auffassungen über das Kippa-Tragen gibt. In liberalen Synagogen tragen auch viele Frauen die Kippa, in orthodoxen Synagogen sind die Kopfbedeckungen der Frauen klassischer, also zum Beispiel ein Hut oder ein Kopftuch.

SPIEGEL ONLINE: Was würde gegen Angriffe wie den in Berlin helfen?

Goldschmidt: Die Politik muss klarmachen: Wenn Personen, die erst kürzlich nach Deutschland eingewandert sind, solche Straftaten begehen, dann werden sie nicht in diesem Land bleiben können. Ich bin sicher, dass davon eine gewisse Abschreckungswirkung ausgehen würde und man diesen Spuk rasch wieder los wäre.

SPIEGEL ONLINE: So einfach?

Goldschmidt: Ja, sicher. Wichtig ist: Man darf nicht einfach wegschauen, wenn solche Attacken passieren.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Politik konkret tun?

Goldschmidt: Wir haben auf der Europäischen Rabbinerkonferenz im Jahr 2015 nach den großen Attentaten in Paris eine Empfehlung herausgegeben: Drei Maßnahmen, um religiösen Extremismus zu bekämpfen. Einmal muss und soll die geistliche Führung der religiösen Gemeinden möglichst in Europa ausgebildet werden, auf jeden Fall aber nach europäischen Werten. Die Geldspenden müssen transparent gemacht werden und nicht aus einschlägigen Interessensgemeinschaften stammen. Drittens muss es in den Religionsgemeinschaften Verantwortliche geben, die sich mit der Auslegung der Texte befassen und gegen eine mögliche Radikalisierung von Jugendlichen vorgehen. Diese Empfehlung ging an alle Innenminister in Europa.

SPIEGEL ONLINE: Welche Antworten haben Sie bekommen?

Goldschmidt: Von etwa 20 Prozent der Länder haben wir eine positive Rückmeldung erhalten. Zwei Länder haben die Empfehlungen gesetzlich verankert, Frankreich und Österreich. Deutschland hat sich bis heute nicht zu den Vorschlägen geäußert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sprechen bisher ausschließlich über den Antisemitismus muslimischer Einwanderer. Was ist mit den Deutschen?

Goldschmidt: Antisemitismus ist mitnichten nur ein Problem, das teilweise durch Einwanderung aus der muslimischen Welt nach Deutschland getragen wird, sondern Antisemitismus gehört auch zur Geschichte Deutschlands, wie wir wissen. Man muss zwischen säkularem und religiösem Antisemitismus unterscheiden. Die Zivilgesellschaft, die Sicherheitsbehörden und die Bildungseinrichtungen müssen alles dafür tun, den neuen und den alten Antisemitismus zu bekämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie die größten Gefahren für jüdisches Leben in Europa?

Goldschmidt: In Frankreich gab es letztens zwei Mordfälle aus dem Umkreis des neuen Antisemitismus. Aber wir sehen auch einen wachsenden politischen Antisemitismus. Beispielsweise in England. Der Labour-Party-Chef Jeremy Corbyn hatte gerade ein Treffen mit der jüdischen Gemeinde in Großbritannien, in seiner Partei ist Antisemitismus weit verbreitet. Das Treffen verlief nicht zufriedenstellend.

SPIEGEL ONLINE: Und in Deutschland?

Goldschmidt: Wenn wir von der Politik sprechen: In Deutschland gibt es den politischen Willen, Antisemitismus, egal, ob er von links, rechts oder von religiöser Seite kommt, zu benennen. Wir müssen alle gemeinsam Antisemitismus bekämpfen, wo immer er sich zeigt. Ob in Gotteshäusern, am Stammtisch oder in sozialen Netzwerken. Wir dürfen nicht abwarten, bis Menschen körperlich verletzt werden.



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