Piñeras Besuch beim Bundespräsidenten Chiles Präsident und die falsche Hymne

"Deutschland über alles": Ausgerechnet mit der geächteten ersten Zeile des Deutschlandlieds hat sich Chiles Staatschef Sebastián Piñera im Gästebuch des Bundespräsidenten verewigt - eine peinliche Panne.

"Über alles, nicht wahr?": Der chilenische Präsident Sebastián Piñera trägt sich ins Gästebuch des Präsidialamtes ein
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"Über alles, nicht wahr?": Der chilenische Präsident Sebastián Piñera trägt sich ins Gästebuch des Präsidialamtes ein

Von Anna Fischhaber


Berlin - Im Glanz der Rettung der 33 Minenarbeiter kam der chilenische Präsident Sebastián Piñera nach Deutschland. Doch er hinterließ dort eine wenig glanzvolle Botschaft.

Dabei hatte alles so gut begonnen: Bei einem Besuch im Schloss Bellevue bedankte sich Piñera Ende vergangener Woche bei Bundespräsident Christian Wulff für die deutsche Hilfe und ließ sich noch einmal als strahlender Retter feiern. Bei seinem Eintrag ins Gästebuch unterlief dem konservativen Politiker jedoch eine peinliche Panne: Um seinem Dank Ausdruck zu verleihen, wählte er mit "Deutschland über alles" ausgerechnet den Beginn der ersten Strophe des Deutschlandlieds, die seit der NS-Zeit geächtet ist. Gut gemeint, schlecht gemacht.

"Über alles, nicht wahr", soll sich Piñera die Worte sogar noch einmal in Erinnerung gerufen haben, als er sich über das Gästebuch beugte. Dann fragte er bei Jorge O'Ryan Schütz, Chiles Botschafter in Deutschland, nach, wie man "über" denn schreibe. Der Diplomat, seit vier Monaten in Berlin, diktierte bereitwillig. Wulff soll erschrocken aufgehorcht haben, wollte den ausländischen Gast aber wohl nicht öffentlich düpieren.

Eine Sprecherin des Präsidialamtes erklärte am Montag, der Gast habe sicher positives über Deutschland äußern wollen. In der chilenischen Botschaft zeigte man sich überrascht: Dort hatte man den peinlichen Patzer offenbar nicht bemerkt.

In seiner Heimat allerdings ist der Milliardär und Unternehmer Piñera für seine seltsamen Äußerungen und Versprecher bekannt: Den Romanhelden Robinson Crusoe hielt er für eine reale Figur aus der Geschichte, den betagten, aber lebendigen chilenischen Dichter Nicanor Parra erklärte er für tot. Auch Entgleisungen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus gab es in seiner Familie schon: Bruder José Piñera, einst Arbeitsminister unter Pinochet, verglich den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende im vergangenen Sommer mit Hitler.

Zumindest der Fehltritt mit der deutschen Nationalhymne sollte Piñera aber nicht weiter grämen. Selbst erfahrenen Europäern ist das schon passiert: Als Angela Merkel im vergangenen Jahr als erster deutscher Regierungschef an den offiziellen Feiern zum französischen Sieg im Ersten Weltkrieg teilnahm, war die Begeisterung im Élysée groß. So groß, dass der Pressedienst laut "FAZ" ankündigte, der Chor der Französischen Armee werde in Paris "Deutschland über alles" singen.

Damals wurde der Fehler rechtzeitig bemerkt: Beim Auftritt Merkels beschränkte sich der Chor auf die dritte Strophe des Deutschlandlieds, seit 1952 die Nationalhymne der Bundesrepublik und seit 1991 auch des wiedervereinigten Deutschlands.

Im Gästebuch steht der Satz "Deutschland über alles" dagegen nach wie vor. Das Präsidialamt will die Angelegenheit nun vertraulich mit der chilenischen Botschaft besprechen. Das gebiete die Höflichkeit gegenüber dem Gast. Piñera könnte dann die Gelegenheit bekommen, seinen Eintrag noch einmal nachzubessern.



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Seite 1
enigma2.0 25.10.2010
1. .
Zitat von sysop"Deutschland über alles": Ausgerechnet mit der geächteten ersten Zeile des*Deutschlandlieds hat sich Chiles Staatschef Sebastián Piñera im Gästebuch des Bundespräsidenten verewigt - eine peinliche Panne. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725140,00.html
Die zweite Strophe wäre doch auch gut gewesen: Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang...
creativefinancial 25.10.2010
2. aus Südamerika
Zitat von sysop"Deutschland über alles": Ausgerechnet mit der geächteten ersten Zeile des*Deutschlandlieds hat sich Chiles Staatschef Sebastián Piñera im Gästebuch des Bundespräsidenten verewigt - eine peinliche Panne. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725140,00.html
In Südamerika sehen wir das ganze nicht so eng. Deshalb hat auch der Chilenische Botschafter Ihre Aufregung nicht verstanden... saludos
beobachter1960 25.10.2010
3. kein Titel
Auch wenn der Alt 68er Geist noch so stöhnt: Als das "Lied der Deutschen" gedichtet wurde waren die Nazis noch nicht mal geboren. Wenn Sie schon eine "Nazi-Hymne" benennen wollen, dann eher das Horst-Wessel-Lied!
ellereller 25.10.2010
4. Das Lied der Deutschen als "Nazi-Hymne"
zu bezeichnen ist in meinen Augen ein grober Fehlgriff. Das Lied wurde 1841 geschrieben und vom sozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert zur Nationalhymne erklärt. Das ganze Lied war auch in der Bundesrepublik bis 1991 Nationalhymne. Im Briefwechsel zwischen Heuss und Adenauer wurde lediglich bestimmt, dass BEI OFFIZIELLEN ANLÄSSSEN nur die dritte Strophe gesungen werden sollte. Ich hätte dem chilenischen Präsidenten auch davon abgeraten, diese Zeile zu zitieren, aber die Nazi-Keule hätte hier getrost mal im Regal liegen bleiben können.
Larnaveux 25.10.2010
5. Eine Nazi-Hymne? Da ist wohl vorauseilender Gehorsam am Werk.
Zitat von sysop"Deutschland über alles": Ausgerechnet mit der geächteten ersten Zeile des*Deutschlandlieds hat sich Chiles Staatschef Sebastián Piñera im Gästebuch des Bundespräsidenten verewigt - eine peinliche Panne. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,725140,00.html
Welch vorauseilender Wahnsinn hat nur Frau Fischhaber die Finger beim Tippen dieses Artikels geleitet? Die Nazi-Hymne? Jemand, der keine Ahnung von Geschichte hat, wird nicht begreifen, dass das Deutschlandlied und somit auch die erste Strophe, zunächst einmal originär nichts, aber auch überhaupt nichts mit dem Nationalsozialismus zu tun hat. Das Lied ist schließlich mehrere schlappe Dutzend Jahre älter als der Nationalsozialismus in Form einer "völkischen Bewegung". Wenn man Frau Fischhaber folgt, wäre indirekt auch Friedrich Ebert ein Nazi gewesen, denn er hat als Reichspräsident das gesamte Lied zur Nationalhymne erklärt. Frau Fischhaber fügt dann zwar später ein "seit der NS-Zeit" ein, doch die plakative Überschrift der Nazi-Hymne bleibt dem Leser im Sinn. So läuft seriöser Journalismus nicht, das ist nur Rumpeljournalismus im Stile einer schlechten Boulevardpresse. Unstrittig ist, dass die erste Strophe durch die später rassischen Interpretationen und durch das gemeinsame Absingen mit dem Horst-Wessel-Lied verunglimpft und geschändet wurde und dass deshalb heutzutage besser auf das Absingen verzichtet wird. Dennoch, und das mag vielleicht Frau Fischhaber erstaunen: Es ist nicht verboten, diese erste Strophe öffentlich zu singen, diese angebliche NS-Hymne... Das Lied kann nichts für seinen schrecklichen Missbrauch.
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