Parteivorstand: Ponader stiehlt Piraten die Show

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Parteichef Schlömer: "Ich lächle zurück"

Piratenchef Bernd Schlömer kann machen, was er will: Sein Gegenspieler im Vorstand, Johannes Ponader, stiehlt ihm immer die Show. Bei einem Auftritt in Berlin reicht die bloße Anwesenheit des umstrittenen Geschäftsführers, um für einen Affront zu sorgen.

Berlin - Wenn Bernd Schlömer schon nicht die Politik retten kann, dann doch wenigstens seine Partei. Miese Umfragen, lähmende Querelen, all das würde er so gern abräumen. Also lädt der Bundeschef der Piratenpartei am Montag Journalisten zum Brunch ins St. Oberholz, dem Zentralcafé der Digitalszene. Dass ihm sein prominentester Gegenspieler mal wieder in die Parade fahren wird, ahnt Schlömer zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Erst einmal will der Parteichef gute Nachrichten verkünden. Tausende Piraten haben in einer vom Vorstand angeregten Umfrage gegen eine Neuwahl der Spitze votiert, sie haben ihrem Bundeschef das Vertrauen ausgesprochen und wollen lieber am Programm feilen. Schlömer spricht von "Wechselstimmung im ganzen Land" und von einer "klugen Kampagne". Zwischendurch lockt er seinen Dalmatinerhund Jack mit Schnalzlauten.

Eine hübsche Szenerie, die ausstrahlen soll: Wir sind immer noch die coole Partei. Bei uns kriegen Sie keinen sterilen Tagungsraum, sondern eine hippe Berlin-Mitte-Location. Wir schicken keine Krawattenträger in den Bundestag, sondern einen Gothic-Band-Produzenten und eine Webdesignerin. Und wenn wir ein Problem haben, fragen wir unsere Basis. Schlömer erklärt, um die Klientel der Grünen buhlen zu wollen. Bürgerrechte, Mitbestimmung, Datenschutz, Netzpolitik, diese Themen werde man sich mit Sicherheit nicht klauen lassen.

"Herr Ponader lächelt mich an, ich lächle zurück"

Große Ankündigungen also, wieder einmal. Fast hätte es funktioniert, das Schauspiel. Doch das größte Problem der Piraten ist nicht gelöst, es steht mitten im Raum - und zwar im buchstäblichen Sinne: Johannes Ponader, der politische Geschäftsführer, lehnt an einem Pfeiler, zehn Meter von den anderen Vorstandskollegen entfernt.

Ponader hält die Umfrage, in der die Basis ihre Spitzenpiraten mit Schulnoten bewerten sollte, für falsch und unsinnig. Er wollte zu diesem Anlass nicht mit Schlömer gemeinsam vor die Medien treten. Doch einfach fernbleiben und schweigen, das wäre nicht sein Stil.

Also lässt Ponader seinen Bundeschef lieber vor versammelter Hauptstadtpresse auflaufen, während dieser versucht, das Bild einer arbeitsfähigen Piratenspitze aufrechtzuerhalten. "Die Personaldebatten sind vom Tisch", sagt Schlömer und flachst: "Herr Ponader lächelt mich an, ich lächle zurück". Dann fragt er, ob "Johannes" vielleicht selbst etwas zu seinen Umfrageergebnissen sagen will. Johannes will nicht.

Was ihn nicht davon abhält, eine halbe Stunde später seine Meinung vor einem halben Dutzend Kameras und Mikrofone auszubreiten. Der Pressebrunch ist vorbei, Schlömer und seine Begleiter stehen für Kommentare bereit. Doch die Reporter wollen lieber Ponader ausfragen. Der Geschäftsführer kriegt seine Bühne, und er nimmt sie mit einem Lächeln.

Es kommt zu der absurden Situation, dass Parteichef und Geschäftsführer getrennt voneinander befragt werden müssen, weil es gemeinsam nicht geht. In jedem anderen Parteivorstand wäre das ein beispielloser Affront, ein Todesurteil für die Teamarbeit. Bei den Piraten ist es mittlerweile Normalität.

Ein knapper Händedruck, das ist alles

Die Umfrage, die den im Vorstand isolierten Ponader abstrafen, vielleicht sogar zum Rücktritt bewegen sollte, ist zum Bumerang für den restlichen Vorstand geworden. Zwar verpassten mehr als tausend Piraten ihrem politischen Geschäftsführer eine Sechs, überfluteten ihn mit teilweise schwer beleidigendem Feedback, doch das Votum hat für Ponader keine Gültigkeit. Anscheinend hat ihn das Resultat nicht einmal geschwächt, im Gegenteil: Freiwillig gehen, das machte er am Montag erneut klar, werde er nicht. "Ein Rücktritt hieße ja, ich hätte einen schweren Fehler im Amt begangen. Und das habe ich nicht", sagte Ponader selbstbewusst.

Gleichzeitig will er sich nicht den Vorwurf des Am-Machtsessel-Klebens anheften lassen. Er sei bereit, sein Amt beim kommenden Parteitag im Mai "zur Verfügung zu stellen, wenn die Basis mich dazu auffordert", so Ponader weiter. Das heißt alles und nichts. Auf jeden Fall heißt es aber: Die Personaldebatte im Spitzengremium der Piraten, sie ist noch lange nicht durch.

Schlömer und seinen Kollegen bleibt nichts anderes übrig, als den Chef-Querulanten im Führungsgremium mit anderen Mitteln einzuhegen. Der Vorstand soll im Wahlkampf "die Rolle eines Trainerteams" übernehmen, die Hauptverantwortung soll in den Händen der Spitzenkandidaten aus den Ländern liegen. Den gesamten Vorstand aus der Schusslinie nehmen, um am Ende damit auch Ponaders Einfluss zu schwächen, ist das Kalkül, das dahinter steckt.

Ob das funktioniert, ist fraglich - Ponader bleibt unberechenbar, und Schlömer ist dagegen weitgehend machtlos. Also müssen die Piraten erst einmal mit einer vergifteten Doppelspitze leben. Wie die in der Praxis aussieht, konnte man im Berliner St. Oberholz beobachten. Nachdem Ponader seine Statements verteilt hatte, ging er auf seine Vorstandskollegen zu, gab Schlömer die Hand. Der Händedruck hielt weniger als eine Sekunde.

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insgesamt 43 Beiträge
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1. warum wird über diesen haufen noch berichtet
dertheo 04.03.2013
sie haben sich selber zerlegt. ok, ansatz war gut, aber doch nicht so. einfach eine menge schwachmatten.
2. achgott
hinzkunz001 04.03.2013
Zitat von sysopPiratenchef Bernd Schlömer kann machen, was er will: Sein prominenter Gegenspieler im Vorstand, Johannes Ponader, stiehlt ihm immer die Show. Bei einem Auftritt in Berlin reicht die bloße Anwesenheit des umstrittenen Geschäftsführers, um für einen Affront zu sorgen. Piraten-Auftritt in Berlin: Ponader stiehlt Schlömer die Show - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/piraten-auftritt-in-berlin-ponader-stiehlt-schloemer-die-show-a-886751.html)
Lieber Spon, wir wissen das bald wahlen sind, und wir wissen auch wie man eure berichte zu den Piraten verstehen muss, ist das nun vorgabe von der partei das jeden Tag mindestens ein Artikel gegen die Piraten erscheinen muss? Alles ist immer gleich super dramatisch, da gibt es gegenspieler, da wird von Affront geredet......blabla
3.
pilatus0381 04.03.2013
Die können einem schon richtig leid tun (keine Ironie!) . Haben sich mit dem Ponader echt ein fieses Ding eingetreten. Ich hab den Eindruck, dem Ponader ist es völlig egal, was er damit anrichtet, Hauptsache, es nutzt ihm selbst. Solche Leute können einen unglaublichen Schaden anrichten und sie kleben an einem wie Kaugummi an der Fusssohle. Eine einzige Person, die massiv und zu großen Teilen den Glaubwürdigkeitsverlust einer ganzen Partei verursacht. Das muss man auch erstmal schaffen...!
4.
Olaf 04.03.2013
Zitat von sysopPiratenchef Bernd Schlömer kann machen, was er will: Sein prominenter Gegenspieler im Vorstand, Johannes Ponader, stiehlt ihm immer die Show. Bei einem Auftritt in Berlin reicht die bloße Anwesenheit des umstrittenen Geschäftsführers, um für einen Affront zu sorgen. Piraten-Auftritt in Berlin: Ponader stiehlt Schlömer die Show - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/piraten-auftritt-in-berlin-ponader-stiehlt-schloemer-die-show-a-886751.html)
Europa liebt eben sein Clowns. Das war schon immer so.
5. Und wieder...
Lobbykratie 04.03.2013
...hetzen die Hofmedien vor der Wahl gegen die Piraten. Und morgen titeln wir: "FDP über 5% und Piraten (austauschbar durch "Linke") unter 5%"...
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