Polit-Senioren: Aufmarsch der alten Piraten

Von Katharina Fuhrin, München

Sie haben Ideen, sie haben Zeit, sie wollen etwas bewegen: Die Piratenpartei zieht immer mehr Ältere an. In der "AG Senioren" finden sich Alt-68er, Manager und Betriebsräte. Und um was geht es ihnen? Beispielsweise um Freiheit, Umwelt und Rentenrevolution.

"AG Senioren": Silver-Surfer der Piratenpartei Fotos
Katharina Fuhrin

Kaum zu glauben: Jetzt haben nicht nur die Alt-Parteien, sondern auch die Piraten ihren Senioren-Stammtisch. In der Geschäftsstelle der Partei im Münchner Norden trifft sich regelmäßig die "Arbeitsgruppe 60+". Ein bisschen anders als bei SPD und CDU beispielsweise geht es da aber schon zu.

Neuankömmlinge werden erst einmal in das Geheimnis des Piratenpads eingeweiht, jener Mitmachplattform im Netz, auf die die Partei so stolz ist. "Das Piratenpad ist eine Art Arbeitsblatt", erklärt Herbert, 65. Jeder kann an diesem Dokument mitschreiben, es ist immer online zugänglich.

Praktisch findet das Pirat Mauri, 56. Er kann seine Ideen direkt einfügen. Anwesenheit beim Senioren-Stammtisch ist keine Pflicht mehr. Parteifreundin Freia, 57, erzählt, sie lese Ergänzungen auch dann, wenn sie daheim auf ihre Enkel aufpasst.

Wie genau sich die Altersstruktur der Piraten zusammensetzt, ist unbekannt. Geschlecht, Jahrgang und Beruf werden bei der Neuaufnahme eines Mitglieds bewusst nicht erhoben. An Stammtischen und auf Parteitagen zeigt sich schnell, dass die Piraten bisher eher junge Menschen anziehen. Das typische Piratenmitglied ist zwischen 20 und 40 Jahren alt.

Das könnte sich nun ändern. Zunehmend engagieren sich auch Ältere wie Herbert, Mauri und Freia aus München für die neue Partei. Die Münchner "AG 60+" ist die Keimzelle einer neuen AG Senioren, die bundesweit wachsen soll.

Gegen Personenkult und Hinterzimmergeklüngel

Nachnamen spielen auch unter Senior-Piraten keine Rolle. Duzen ist Pflicht - und alle Einträge bleiben ohnehin anonym. Daher weiß beim Stammtisch plötzlich niemand, von wem der Satz unter dem Punkt "Positionen" ins Piratenpad eingetragen wurde: "Senioren kennen sich in der Politik meist besser aus als junge Menschen."

Dieser Satz erscheint den Alt-Piraten nicht ganz unproblematisch. Die Gruppe diskutiert. Im Raum nebenan sitzen junge Menschen. Wollen sich die Alten mit denen anlegen? Bescheiden einigt sich die AG auf die Aussage: "Wir sind nicht unbedingt besser, aber wir sind gelassener geworden."

Mehr politische Erfahrung als die Jungen haben tatsächlich nur wenige aus der Münchner Gruppe. Die meisten der Senior-Piraten waren in den vergangenen Jahrzehnten wenig bis gar nicht politisch aktiv, weil sie bei den etablierten Parteien Personenkult und Hinterzimmergeklüngel abschreckten, wie sie einhellig erklären.

"Bei den Piraten sieht man sofort, was man tut, das begeistert immer mehr ältere Menschen", sagt Manfred, 54, der auch Beisitzer im Bezirksvorstand Oberbayern ist. Fast jeden Montag stellen sich neue Interessenten vor, die mitmachen wollen. 42 Mitglieder, größtenteils Männer, haben sich seit der Gründung der Gruppe im Januar schon auf die Mailingliste eintragen lassen, wo Ideen und Arbeitsfortschritte präsentiert werden.

"Wir haben das Internet erfunden!"

Die Senioren wollen das Parteiprogramm auf eine breitere Basis stellen. Zu Umwelt und Bildung wollen sie Positionen erarbeiten, zu Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik und zur Infrastruktur im Alter. Besonders am Herzen liegt ihnen die Revolution des Rentensystems, ein erstes Positionspapier dazu ist auf dem Landesparteitag in Straubing gerade verabschiedet worden.

Fast jede Woche haben die Senioren zwar einen Experten zu Gast, aber bei ihrer Meinungsbildung nutzen sie sämtliche Instrumente, die sich innerhalb der Partei etabliert haben. Das Konferenz-Programm Mumble, die Plattform Liquid Feedback und natürlich die Pads. Berührungsängste mit der virtuellen Welt gibt es nicht. "Warum auch?", fragt Manfred, "die meisten Menschen um die 60 haben doch mindestens zehn Jahre beruflich mit dem Internet gearbeitet. Die Jungen denken immer, sie hätten das Internet erfunden. Dabei waren das doch wir!"

Fritz, deutlich über 70 und eher der Intellektuelle in der Runde mit Beziehungen an US-Elite-Universitäten, hielte es für einen Fehler, wenn sich die Piraten von ihrem Image als Internetpartei lösen würden. "Das Internet als Tool ist elementar wichtig für die politische Meinungsbildung", findet er und plant, die teils unübersichtlichen Plattformen in einem internationalen Projekt überarbeiten zu lassen. Wer noch Probleme hat, sich in den verschiedenen Portalen zurechtzufinden, bekommt natürlich Hilfe direkt vor Ort, unterstützt von den Jung-Piraten.

Langhans spendete Honorar vom Dschungelcamp

Die Beziehung zu den jüngeren Parteifreunden ist ausgezeichnet, sagen die Senioren. Die Mittzwanziger erklären gerne, was es eigentlich mit Online-Tauschbörsen auf sich hat und warum so hitzig über das Urheberrecht diskutiert wird, was nicht unbedingt zum Kern-Programm der Senioren gehört. Dafür bringen die ihr Know-how aus mehreren Jahrzehnten Berufserfahrung ein. Dieter zum Beispiel ist Unternehmensberater und Experte im Berechnen von Finanzierungsmodellen, Herbert war lange Zeit im Betriebsrat und kennt sich mit sozialer Vorsorge aus.

Fritz ist zuständig für das Design des geplanten Flyers, der die Gruppe nun schon seit Wochen beschäftigt. "Selbstbestimmtes Leben bis ins Alter" soll das Motto sein. Damit wollen sie andere Senioren ansprechen, die sich bisher noch nicht für die Piraten interessiert haben. Auch wenn die Gemeinsamkeiten zwischen den Hauptthemen der Piraten und den Interessen der Senioren auf den ersten Blick nicht immer leicht zu erkennen sind - "im Prinzip geht es uns allen doch um Freiheit", sagt Manfred.

Die anderen nicken. Unter der Piratenflagge sei endlich möglich, was damals in den sechziger Jahren bei der Studentenrevolte alle gefordert haben, sagt Manfred. Das gefällt den Alten. Sogar Rainer Langhans, den Manfred von früher kennt, und der einen Großteil seines Honorars aus dem Dschungelcamp an die Piraten gespendet hat. Mit seinen 71 Jahren und Wohnsitz in München wäre er eigentlich ein idealer Kandidat für die AG 60+. "Aber der Rainer ist auf einer anderen Ebene", meint die Gruppe. "Mehr so spirituell."

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1. Die Piraten...find ich gut!
kdshp 01.05.2012
Zitat von sysopSie haben Ideen, sie haben Zeit, sie wollen etwas bewegen: Die Piratenpartei zieht immer mehr Ältere an. In der "AG Senioren" finden sich Alt-68er, Manager und Betriebsräte. Und um was geht es Ihnen? Beispielsweise um Freiheit, Umwelt und Rentenrevolution. Polit-Senioren: Aufmarsch*der alten Piraten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829431,00.html)
Hallo, kann ich gut verstehen denn gerade die Die Grünen haben die 68er verraten mit ihrer unsozialen politik und daher kommen wohl die meisten die jetzt zu den Die Piraten gehen und DAS ist auch gut so.
2. Alternative zur FDP
MiniDragon 01.05.2012
Zitat von sysopSie haben Ideen, sie haben Zeit, sie wollen etwas bewegen: Die Piratenpartei zieht immer mehr Ältere an. In der "AG Senioren" finden sich Alt-68er, Manager und Betriebsräte. Und um was geht es Ihnen? Beispielsweise um Freiheit, Umwelt und Rentenrevolution. Polit-Senioren: Aufmarsch*der alten Piraten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829431,00.html)
Kurz bevor ich das las, habe ich dem Herrn Clement geraten, sich auch mal mit der Piratenpartei zu befassen. :-)
3. die haben viel Zeit
rundertischdgf 01.05.2012
Zitat von sysopSie haben Ideen, sie haben Zeit, sie wollen etwas bewegen: Die Piratenpartei zieht immer mehr Ältere an. In der "AG Senioren" finden sich Alt-68er, Manager und Betriebsräte. Und um was geht es Ihnen? Beispielsweise um Freiheit, Umwelt und Rentenrevolution. Polit-Senioren: Aufmarsch*der alten Piraten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829431,00.html)
Ja, die haben viel Zeit, haben das Leben als Erfahrung, sind meistens materiell unabhängig, brauchen nicht mehr buckeln, auch nicht vor Piratenführern, die sind schlichteg für alle gefährlich, auch in den etablierten Parteien. Notfalls sagen sie, ihr könnt mich mal! Die PC und Internethandhabung der Frauen und Männer mit grauen Haaren sollte man nicht unterschätzen. Die jungen Piraten können gar nicht so schnell gucken, wie sie von den Alten geentert werden. Der neue Vorsitzende ist wohl als Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium für Verwaltungsaufgaben auch nicht mehr so ganz taufrisch. Nach Feierabend verkleidet sich der Regierungsdirektor als Pirat « rundertischdgf (http://rundertischdgf.wordpress.com/2012/04/30/nach-feierabend-verkleidet-sich-der-regierungsdirektor-als-pirat/)
4. Der Vorsitzende Herr Schlömer ...
cinder_cone 01.05.2012
... wo arbeitet der nochmal? Ja nee - alles klar. Freibeuter sind das eine - verbeamtete Freibeuter was neues, aber eher nix besseres. "I'm the pied piper, follow me ..." Im Westen und Osten von Hameln - nix neues.
5. Kontrastprogramm
Trivalent 01.05.2012
Zitat von sysopSie haben Ideen, sie haben Zeit, sie wollen etwas bewegen: Die Piratenpartei zieht immer mehr Ältere an. In der "AG Senioren" finden sich Alt-68er, Manager und Betriebsräte. Und um was geht es Ihnen? Beispielsweise um Freiheit, Umwelt und Rentenrevolution. Polit-Senioren: Aufmarsch*der alten Piraten - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829431,00.html)
Eines werden die Senior-Piraten den Jungen sagen müssen: Passt Euch nicht an, um des Ansehens, oder des "Futtertroges" willen. Sonst landet die politische "Freibeuterei" schneller auf gesellschaftlichem Eis, als man auf 3 zählen kann. Schon die Art, ja Angst, ins braune Fascho-Lager verschoben zu werden, hat eine saubere demokratische Auseinandersetzung und Aufarbeitung mit Ewiggestrigen, einige Vorstandsmitglieder geradezu panisch reagieren lassen. Gefestigte Freiheit nimmt es cooler mit solchen Problemen auf.
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