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Piraten-Ikone Weisband: "Die Partei ist im Arsch"

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Ein Spitzenpirat nach dem anderen verschwindet, auch der umstrittene Johannes Ponader schmeißt hin. Nur eine bleibt vom Chaos unangetastet: Marina Weisband. Die 25-Jährige meldet sich mit einem Buch zurück, will die Piraten aus dem Umfragetief holen - und geht mit ihrer Partei hart ins Gericht.

Berlin - Sie ist die einzige Piratin, die ohne Risiko provozieren darf. "Ich bin halt süß!", antwortet Marina Weisband, 25, ironisch-kokettierend auf die Frage, warum sie in ihrer Partei selten abgestraft wird. Den Vorsitzenden beschimpft die Basis als "Amokläufer", der scheidende Geschäftsführer wird mit Schmähungen überzogen.

Und Weisband? Wird geliebt. Noch immer. Von fast allen.

Obwohl sie Sätze sagt wie: "Wir sind im Arsch." Wie bitte? "Wir sind im Arsch", wiederholt Weisband. "Aber keiner, aus dem man nicht wieder rauskommt."

Wer die frühere Spitzenpiratin in diesen Tagen trifft, sieht eine veränderte Weisband. Früher relativierte sie Kritik an ihrer eigenen Partei sofort. Aus Bedacht, die Piraten nicht zu verprellen, aus Furcht, als profilierungssüchtig und mediengeil zu gelten. Jetzt gibt sie sich aufmüpfig. "Wen interessiert es, ob Johannes Ponader auf einer Pressekonferenz Kakao getrunken hat, was Christopher Lauer wann zu ihm gesagt hat?", sagt sie. "Wir nehmen uns mit solchen Debatten selbst gefangen."

Seit Monaten zerlegen sich die Piraten, in der Nacht zum Donnerstag kündigte der umstrittene politische Geschäftsführer Ponader seinen Rücktritt an. Weisband will die Lage erst nicht kommentieren ("Dann wäre ich nur eine weitere Stimme, die mitschreit"), kommt aber immer wieder selbst auf die Querelen der Parteipromis zurück. Zu viele Piraten machten das eigene Handeln vom Vorstand abhängig, kritisiert sie. "Also das, was wir eigentlich nie wollten." Weisband ruft ihre Partei zu "mehr Dankbarkeit" auf. "Immer nur den Vorstand bashen, das geht gar nicht. Das macht mich sehr wütend."

"Meine Seele an die Partei verkauft?"

Weisband mahnt aus einer komfortablen Position heraus. Sie hat kein Amt, kein Mandat, schon lange keinen Führungsposten mehr inne. Und trotzdem ist sie in jede kleinste Zuckung, jedes Ränkespiel der Partei eingeweiht. Passiert etwas, klingelt ein paar Minuten später ihr Telefon. Sie kann auf die Dramen der Piraten blicken, ohne den Kopf hinhalten zu müssen, darf trotzdem für die Partei sprechen. Jetzt spricht sie wieder. Mit einem Buch.

"Wir nennen es Politik" heißt es und wird in der kommenden Woche veröffentlicht. Weisband beschreibt darin ihre Vision einer modernen Demokratie mit digitalen Mitteln. Es sind viele Ideen der Piraten auf 180 Seiten, angereichert mit ihrer persönlichen Biografie. Ein paar Basismitglieder haben zum Boykott aufgerufen. "Aber da entgegne ich: Womit steht die Partei in den Schlagzeilen? Streit im Bundesvorstand", sagt Weisband. "Wenn ich mal wieder Bürgerbeteiligung und Transparenz in den Fokus rücke, ist das vielleicht nicht die Schlimmste für die Partei, oder?" Angesichts von Umfragewerten um die drei Prozent wohl nicht.

Der Vorwurf, sie schlachte ihre Prominenz für den eigenen Profit aus, ärgert sie. "Als ich ein Jahr lang ohne einen Cent 70 Stunden die Woche für die Partei gearbeitet habe, war das für alle okay", sagt Weisband. "Wenn es jetzt einige aufregt, dass ich mit einem Buch Geld verdiene, frage ich mich schon: Wann genau habe ich eigentlich meine Seele an die Partei verkauft, dass sie mir mein Leben lang vorschreiben kann, was ich tun und lassen darf?"

Ungewohnt harsche Worte von der Piraten-Ikone. Doch Weisband ist darauf bedacht, sich nicht zu sehr von der Partei zu distanzieren. "Die Piraten haben in mir und vielen anderen meiner Generation eine Flamme geweckt. Die kriegt man nicht so schnell tot", sagt sie. Es klingt immer noch überzeugt.

Lanz, Illner, Beckmann sind gebucht

Das Buch ist nicht nur als Wahlkampfhilfe, sondern auch als Comeback zu verstehen - auch wenn sie selbst das natürlich anders sieht. Bei ihr klingt Lebensplanung immer nach Zufall. Sie zog sich zurück, dann kam das Buchangebot. Sie schrieb es, und naja, so ein Buch müsse man halt vermarkten. Kein Kalkül, beteuert Weisband. "Ich habe die Partei nicht im Stich gelassen", sagt sie über ihren Rückzug aus dem Amt. "Ich hatte keine andere Wahl, ich konnte körperlich nicht weitermachen." Im Buch thematisiert sie erstmals ausführlicher ihr Leben mit einer chronischen Krankheit.

Katzenhaare am Pulli, Mitfahrgelegenheiten, Wodka-Tweets: Weisband pflegt ihr unprätentiöses, authentisches Image. Im Medienwirbel der nächsten Zeit wird es schwer sein, dieses aufrechtzuerhalten. Auf der Buchmesse tritt sie mit "FAZ"-Herausgeber Frank Schirrmacher auf. Lanz, Beckmann und Illner sind gebucht, am Wochenende macht sie ein Fotoshooting im Tangokleid. Zwei Piraten kümmern sich um Dienst-E-Mails und Terminmanagement. Früher ging sie unvorbereitet in Talkshows, heute informiert sie sich darüber, wer in der Runde sitzen wird.

Eine aktive Rolle in der Politik kommt bis auf weiteres nicht in Frage, diese Meinung hat sie nicht geändert. Zugleich sagt Weisband: "Ich plane nicht über den Sommer hinaus". Lesetour, Diplom, Hochzeitsreise, ein bisschen Wahlkämpfen, intern will sie die Ständige Mitgliederversammlung vorantreiben.

Vielleicht ist es klüger, sich nicht festzulegen. Wer weiß, was noch kommt.

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1.
Steinwald 07.03.2013
Verstehe nicht so recht, warum die Weisband, so nett sie ist, derart abgefeiert wird als Quasi-Heilige. Sie ist eine etwas seltsame Gestalt, die wie ausgestanzt spricht, aber wahrlich keine brutal progressiven Gedanken hat. Sie gilt einfach unter den selbt für Politikerverhältnisse sehr unattraktiven Piraten als hübsch, aber das kann ja keine Qualifikation sein. Ich wünsche Weisi alles Gute, aber ich denke, die Öffentlichkeit braucht sie nicht.
2. war die
gesell7890 07.03.2013
"partei" je woanders?
3. Gibt es irgendeinen
schindelbeck 07.03.2013
sachlichen Grund, warum Frau Weisband jetzt täglich bei SPON erscheinen muss? Hatte die nicht das Piratenschiff schon verlassen? Ich habe von ihr bisher eher wenig gelesen, was diese Präsenz rechtfertigen würde und warum sie zur "Ikone" stilisiert wird weiß wohl nur der Autor des Artikels.
4. seheich auch so
troy_mcclure 07.03.2013
Zitat von SteinwaldVerstehe nicht so recht, warum die Weisband, so nett sie ist, derart abgefeiert wird als Quasi-Heilige. Sie ist eine etwas seltsame Gestalt, die wie ausgestanzt spricht, aber wahrlich keine brutal progressiven Gedanken hat. Sie gilt einfach unter den selbt für Politikerverhältnisse sehr unattraktiven Piraten als hübsch, aber das kann ja keine Qualifikation sein. Ich wünsche Weisi alles Gute, aber ich denke, die Öffentlichkeit braucht sie nicht.
Evtl. sollte man statt "Piraten-Ikone" den Begriff "Ex-Covergirl der Piraten" verwenden. So nett sie rüberkommt und hübsch sie ist, ich kann Ihrem Beitrag nur zustimmen.
5. Die Alternative
bertrebscher 07.03.2013
die Ansätze der Piraten war ja ganz interessant: Basisdemokratie, Internetwahlkampf. Aber den Piraten fehlt die Substanz. Vielleicht schauen Sie sich mal folgende Seite im Netz an: alternativefuer.de (Das ist kein Schreibfehler). Wir wollen auch die Einführung der Basisdemokratie, aber bei uns steckt dann doch ein bisserl Substanz dahinter. Wir sind keine "Ein-Ziel-Partei"!!!
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