Von Annett Meiritz und Ole Reißmann
Berlin - Das Copyright ist eines der größten Streitthemen der digitalisierten Welt: Die Frage nach einer fairen Regelung von Urheberrechten im Internetzeitalter spaltet Kreative, Verwerter und Konsumenten. Es geht um einen Milliardenmarkt, um die Rechte von Gestaltern und Nutzern, um den sinnvollen Umgang mit Kultur, Wissen und Kunst, wenn man geistige Güter unbegrenzt und massenhaft verbreiten kann.
Bislang hat keine Partei eine Antwort darauf gefunden, wie man die Quadratur des Kreises - die Existenz von Kulturschaffenden schützen, kopierende Nutzer nicht pauschal kriminalisieren - lösen soll (einen Überblick der Parteipositionen gibt es unter anderem hier).
Klar ist nur: Das Urheberrecht in seiner jetzigen Form ist längst nicht mehr zeitgemäß. Am lautesten drängt die Piratenpartei auf ein reformiertes Urheberrecht, sie will laut Grundsatzprogramm das nichtkommerzielle Kopieren und Nutzen von Werken fördern. Vor einigen Monaten zogen die Piraten deshalb einen Proteststurm der Kreativenszene auf sich.
Doch so provokant ihre Forderungen klingen, so schwammig sind sie an vielen Stellen im Wahlprogramm formuliert. Was in der breiten Öffentlichkeit hängen geblieben ist, ist das Image der Kostenlos-Partei.
Weichgespülte Reformforderungen
Nun gibt es erstmals einen konkreten Vorschlag aus den Reihen der Piraten, der ausführt, an welchen Stellen man das Urheberrechtsgesetz ändern müsste. Der Gesetzentwurf liest sich im Vergleich zu den ursprünglichen Piraten-Forderungen allerdings auffallend zurückhaltend.
Das 14-seitige Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt, soll zeigen, "welche Gestaltungsspielräume es im Urheberrecht aufgrund der Vorgaben des Grundgesetzes, der EU und internationaler Abkommen aktuell in Deutschland gibt", so Verfasser Christopher Lauer, Fraktionschef im Berliner Abgeordnetenhaus.
Das ist eine nette Umschreibung dafür, dass in dem Papier allenfalls kleine Nadelstiche gesetzt werden. Im Gesetzentwurf findet sich zum Beispiel kein Wort über Remixe, Mashups oder freies Filesharing. Stattdessen werden vorwiegend Wünsche angerissen, die bei den meisten Parteien Konsens sein dürften.
Ein paar Beispiele:
Grüne, Linke und SPD haben zum Urheberrecht mutigere Ideen
Zusammenfassend lässt sich sagen: Beim Lesen des Papiers wird man das Gefühl nicht los, Grüne, Linke, selbst die SPD hätten zum Urheberrecht mutigere Ideen. Statt das jetzige Urheberrecht gründlich zu entrümpeln, sollen laut Piraten-Entwurf Nischen geschaffen werden, in denen mit freien Lizenzen wie Creative Commons gearbeitet werden kann. Monatelang wurde in der Berliner Piratenfraktion an dem Papier gefeilt - warum kam nur ein Reförmchen dabei raus?
Mehr sei erst mal nicht drin, findet Christopher Lauer, schließlich müssten etwa Schutzfristen international diskutiert werden. "Wir wollen Gestaltungsspielräume aufzeigen, um bei den potentiell Betroffenen glaubwürdig um Akzeptanz werben zu können." Das klingt ziemlich etabliert.
Vermutlich ist vielen Piraten - so aufmüpfig sie sich auch geben mögen - ohnehin bewusst, dass sie mit ihren Copyright-Forderungen in der Realpolitik auf Granit beißen würden. Das "sogenannte geistige Eigentum" stehe der Wissens- und Informationsgesellschaft entgegen, poltern sie in ihrem Parteiprogramm. Statt veralteter Gesetze fordern sie "freies Kopieren und freie Nutzung", wettern gegen Kopierschutzmaßnahmen, wollen Werke aus den Fängen der Urheber in den öffentlichen Raum überführen.
Den Berliner Vorstoß kann man deshalb auch als Handausstrecken an die etablierten Parteien verstehen: Seht her, wir können auch ernsthaft, so das Signal.
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