Piraten in Neumünster: "Ich will einfach mitmachen"

Von , Neumünster

Die Spitzenpolitiker der Piraten gewinnen allmählich Profil. Die politische Richtung wird jedoch weiterhin von der Parteibasis festgelegt. Wer sind die Mitglieder, wie ticken sie und was wollen sie? Fünf Piraten im Kurzporträt.

Mit großem Ernst gehen sie zur Sache, die Formalitäten-Schlachten der vergangenen Parteitage sind Geschichte: In Neumünster präsentiert sich die Piratenpartei erwachsener - auch wenn der Charme des Amateurhaften bleibt. Die rund 1400 angereisten Mitglieder wählten eine neue Führungsspitze, der bisherige Parteichef Sebastian Nerz und sein Stellvertreter Bernd Schlömer tauschten die Posten.

Immer im Blick: die Basis. Denn die Piratenpartei hat zu wichtigen Fragen der Politik keine ausgearbeiteten Programme, oft gibt es allenfalls rudimentäre Diskussionsgrundlagen. Dafür rühmen sie sich ihrer Offenheit. Sie wollen anders sein als die etablierten Parteien mit ihren Hinterzimmern.

Wer aber drängt da eigentlich in die Politik? SPIEGEL ONLINE hat sich auf dem Parteitag umgesehen und fünf typische Piraten getroffen.

Die Neupiratin

Vogelgesang: "Ich will einfach mitmachen" Zur Großansicht
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Vogelgesang: "Ich will einfach mitmachen"

Seit Februar ist Anna Vogelgesang bei den Piraten. In Neumünster entschied sie am Wochenende mit, wer die Partei künftig führt - die Piraten kennen keine Delegierten, abstimmen dürfen alle Mitglieder. Die 26-jährige Altenpflegerin aus Dresden hat den ersten Ortsverein der Piratenpartei in der Dresdner Neustadt mitgegründet.

"Ich will einfach mitmachen", sagt Vogelgesang. An den Piraten schätzt sie die große Dynamik - kaum dabei, ist sie schon stellvertretende Vorsitzende des Ortsvereins. Mit einem Reisebus sind Piraten aus Sachsen angereist, in Neumünster fühlt sie sich wohl. "Ich kenne kaum jemanden, aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich hier auf Fremde treffe", sagt sie.

Sie engagiert sich in der Arbeitsgruppe Gesundheit, die sich gerade erst gegründet hat. Ein Thema, mit dem die Piraten bisher nicht aufgefallen sind - die Altenpflegerin will mithelfen, das zu ändern. Vogelgesang will mit den Piraten diskutieren, wie man das Gesundheitssystem verbessern kann. "Wir wollen keine neue Strukturen, sondern gucken, wo sich was im Detail verbessern lässt."

Der Berufspirat

Burger: "Wir werden immer sortierter" Zur Großansicht
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Burger: "Wir werden immer sortierter"

"Ich wollte da rein", sagt Steffen Burger. Der 28-Jährige sitzt für die Piratenpartei in der Bezirksversammlung in Berlin-Neukölln. Mehr als 20 Stunden in der Woche gehen dafür drauf. "Ich bin fast schon ein Berufspirat", sagt Burger. Sein Leben finanziere er von der Aufwandsentschädigung und mit Nebenjobs. Seit August 2009 ist er bei den Piraten.

Mit seinen drei Piraten-Kollegen will Burger dafür sorgen, dass die Menschen im Bezirk mitbekommen, was dort passiert. Gerade hat er auf einer Online-Karte mit Stecknadeln die Orte in Neukölln markiert, wo etwas anliegt. Klickt man darauf, wird man zu den Druckvorlagen des Bezirks weitergeleitet. "Wir machen das einfach, das ist ein Service der Piratenpartei."

Den Parteitag in Neumünster findet er sehr effektiv. "Wir werden immer sortierter", sagt Burger. Das klingt schon fast nach Erwachsenwerden. Da muss der Berufspirat lachen: "Den Charme des Chaos haben wir immer noch." Die eigentliche Arbeit finde ohnehin nicht im Vorstand statt, sondern online - in Squads, Pads und Mumble.

Der Jungpirat

Marvin: Nicht immer nur über "die da oben" jammern Zur Großansicht
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Marvin: Nicht immer nur über "die da oben" jammern

Sein Vater hat schon angerufen, weil er die Piraten in den Fernsehnachrichten gesehen hat. Die Eltern finden sein Engagement gut, sagt Marvin aus Erfurt, der Hauptstadt Thüringens. Er ist 17 Jahre alt, seit einem Jahr Mitglied der Partei - aber nur, weil das Mindestalter 16 Jahre ist. Pirat ist er schon länger, hat in Erfurt eine Crew der Jungen Piraten mitgegründet.

Marvin will Politik machen, damit nicht immer über "die da oben" geklagt wird. Er will, dass Politiker wieder mit Menschen reden und sich für direkte Demokratie einsetzen. Seinen Parteifreunden gibt er die Hand, wenn er nicht aufpasst, spricht er manchmal schon wie ein Politiker aus dem Fernsehen.

Ein offizielles Amt in der Piratenpartei hat er nicht, Marvin ist ein Basispirat. Weil die Piraten auf Delegierte verzichten und jeder Anträge stellen kann, heißt das nicht, dass er weniger Einfluss hätte. Er habe schon Vorschläge eingebracht und sei ernstgenommen worden, sagt der Nachwuchspolitiker. Er klingt begeistert.

Die Protestpiratin

Jasper: "Hatte die Faxen dicke" Zur Großansicht
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Jasper: "Hatte die Faxen dicke"

Sie komme ursprünglich aus der konservativen Ecke, sagt Kathie Jasper über sich selbst. Die Mittdreißigerin aus Quickborn steckt mitten im Landtagswahlkampf, kommende Woche wird in Schleswig-Holstein abgestimmt. Früher habe sie mal CDU gewählt, nun habe sie "die Faxen dicke" - Politik werde weitgehend ohne Bürger gemacht. Die Piraten sind für sie eine ehrliche Alternative, Mitte des vergangenen Jahres ist sie beigetreten.

Samstags erklärt sie potentiellen Wählern am Piraten-Infostand, was es mit den Piraten auf sich hat. Drei bis vier Stunden spricht sie über Umweltschutz, Netzpolitik und Bürgerrechte. "Wenn Plakate geklebt werden müssen, bin ich schon mal den ganzen Tag für die Piraten unterwegs."

Einen Listenplatz hat sie nicht, auch Jasper zählt zur Basis. Sie berichtet vom Stammtisch in Pinneberg: "Beim letzten Treffen waren wieder 17 neue da, wir müssen uns bald einen neuen Treffpunkt suchen, weil wir einfach so viele sind." In Schleswig-Holstein hätten die Piraten bereits etwas erreicht, sagt Jasper: "Jedes dritte Wort von Torsten Albig, dem Spitzenkandidaten der SPD, ist plötzlich 'Transparenz'."

Der Kulturpirat

Vietke: "Demokratie weiterentwickeln" Zur Großansicht
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Vietke: "Demokratie weiterentwickeln"

Vinzenz Vietzke erfüllt das Klischee der Piratenpartei, wenn es das überhaupt noch gibt: Der 28-Jährige aus Augsburg ist IT-Systemdienstleister - und er wollte lange Zeit nichts mit Parteipolitik zu tun haben. Ihn beschäftigt, dass Kulturgüter vor allem als Ware wahrgenommen würden. "Wir sollten mit Kulturgütern umgehen wie mit Kunst und sie für alle zugänglich machen", sagt Vietzke.

Das Urheberrecht will er nicht abschaffen. "Natürlich sollen Künstler reich werden können", sagt er, es brauche eben neue Geschäftsmodelle. Aber zuallererst müssten die Zugangsmöglichkeiten aufgebrochen werden, jeder soll Kulturgüter in Anspruch nehmen können, unabhängig vom Einkommen.

Bei den Kommunalwahlen in Bayern in zwei Jahren hofft er auf einen Erfolg der Piratenpartei. "In den Kommunen sitzen dieselben Leute seit 20 oder 30 Jahren, da wird man eben betriebsblind", sagt Vietzke. Er sieht das nicht als Vorwurf, will aber mehr Transparenz in die Politik bringen "Wir zeigen, wie man Demokratie weiterentwickeln kann."

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1.
hansemann9 29.04.2012
Mehr Jubelartikel ueber die Piraten bitte.
2.
fritzkatzfuß 29.04.2012
Supergut! Die Piraten sind einfach supergut, das Erfolgsrezept ist ganz einfach: Türen auf, Schwelle runter, man ganz einfach dabei sein und wen n man Glück hat gibts auch ne ganze Menge zu verteilen und zu verdienen... Die etablierten Parteien wollen einfach keine neuen Mitglieder, wer da mitmachen will, kriegt nur auf die Fresse.
3. sehr kritische Entwicklung...
mainstreet 29.04.2012
Zitat von sysopDie Spitzenpolitiker der Piraten gewinnen allmählich Profil. Die politische Richtung wird jedoch weiterhin von der Partei-Basis festgelegt. Wer sind die Mitglieder, wie ticken sie und was wollen sie? Fünf Piraten im Kurzporträt. Piraten in Neumünster: "Ich will einfach mitmachen" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,830457,00.html)
Sicherlich zeichnet sich bei den Piraten bei kritischer Begleitung aber auch ein kurioses merkwürdiges Gefühl ab wenn man bedenkt das jemand man vom Verteidigungsministerum ausgerechnet der Piraten erster Chef wird. Irgendwie habe ich das Gefühl das dies alles ein bißchen ägyptisch ist unter dem Motto “das Verteidigungsministerium hat alles unter Kontrolle.“ Nicht das Menschen vom Verteidigungsministerium keine politischen Positionen haben dürften aber ausgerechnet bei den Piraten ? Das frage ich mich schon.- So werde ich die Piraten nicht wählen auch weil dieser Chef gleich von Regierungsbeteiligung spricht und die Hoffnung auf mehr Demokratie jetzt entsprechend geschwunden ist. Eine Demokratie die offen ist für rechts und links und lediglich Sachfragen in eigenen und Volksabstimmungen dem Bürger näher bringt. Eine Regierungsbeteiligung dürfte das letzte sein was man vorsehen sollte. – Die Tendenz der Piraten wird so deutlich nach unten gehen-wenn man es kritisch sehen wollte.
4.
loncaros 29.04.2012
Zitat von mainstreetSicherlich zeichnet sich bei den Piraten bei kritischer Begleitung aber auch ein kurioses merkwürdiges Gefühl ab wenn man bedenkt das jemand man vom Verteidigungsministerum ausgerechnet der Piraten erster Chef wird. Irgendwie habe ich das Gefühl das dies alles ein bißchen ägyptisch ist unter dem Motto “das Verteidigungsministerium hat alles unter Kontrolle.“ Nicht das Menschen vom Verteidigungsministerium keine politischen Positionen haben dürften aber ausgerechnet bei den Piraten ? Das frage ich mich schon.- So werde ich die Piraten nicht wählen auch weil dieser Chef gleich von Regierungsbeteiligung spricht und die Hoffnung auf mehr Demokratie jetzt entsprechend geschwunden ist. Eine Demokratie die offen ist für rechts und links und lediglich Sachfragen in eigenen und Volksabstimmungen dem Bürger näher bringt. Eine Regierungsbeteiligung dürfte das letzte sein was man vorsehen sollte. – Die Tendenz der Piraten wird so deutlich nach unten gehen-wenn man es kritisch sehen wollte.
Hat dein Beitrag auch irgendwo Bezug zum Artikel?
5. Klar Linie bei SPON?
el-gato-lopez 29.04.2012
Zitat von hansemann9Mehr Jubelartikel ueber die Piraten bitte.
Naja, das ist doch nicht so sehr ein "Jubelartikel", sondern vielmehr (zum Glück) ein nüchtern objektiver Beitrag über Partimitglieder. Sowas ist ja selbst beim "Qualitätsmedium" Spiegel/SPON mittlerweile selten - gerade was die Piraten angeht... Peinlich ist ja gerade, dass der Spiegel anscheinend seinen redaktionellen/politischen Kompass irgendwo in den tiefen des Befindlichkeitsjournalismus-Ozeans willentlich versenkt hat. Keine klare Linie, keine begründete Positionierung gegenüber dem neuen "Parteiphänomen" weder in contra noch pro Richtung. Stadtdesse mal Panikmache dann wieder Jubelgeschreibe - dann wieder Belanglosigkeiten auf BILD-Niveau, wenn interessiert etwa, dass Fr. Weissband mittlerweile verolobt ist? Und was ist da genau der politjournalistische Infromtiongehalt? Anyway - dieser Artikel hier über die Parteimitglieder - die dümmlichen "Piratenwortspiele" mal bei seite gelassen, war wenigsten mal lesenswert.
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Bundesparteitag: Piraten wählen Bernd Schlömer zum neuen Vorsitzenden

Piraten in #neumonster
Worum geht es?
Die Piratenpartei trifft sich zum Parteitag im schleswig-holsteinischen Neumünster - von den Piraten in #neumonster umgetauft. Alle Mitglieder können kommen und abstimmen, es gibt keine Delegierten. Derzeit zählt die Partei nach eigenen Angaben rund 26.000 Mitglieder. Tatsächlich erwartet werden um die 2500 Piraten. Auf Twitter wird der Parteitag mit #BPT12 abgekürzt. Im Dezember hatten sich rund 1500 Piraten in Offenbach zum Parteitag getroffen.
Wer trifft sich dort?
Die Piratenpartei Deutschland wurde im September 2006 in Berlin gegründet und versteht sich als liberale Bürgerrechtspartei, die intern und darüber hinaus für Basisdemokratie und Transparenz eintritt. Ihr Programm ist noch nicht abgeschlossen und soll ausgehend von den Internet-Kernthemen nach und nach erweitert werden. Umfragen sehen die Partei derzeit bei über zehn Prozent. In Berlin (8,9 Prozent) und im Saarland (7,4 Prozent) stellen die Piraten Abgeordnete.
Wer wird Parteichef?
Nach einer internen Umfrage sieht alles nach einer Entscheidung zwischen dem bisherigen Parteivorsitzenden Sebastian Nerz (28) und seinem Stellvertreter Bernd Schlömer (40) aus. Insgesamt kandidieren zwölf Piraten für den Chefposten, darunter zwei Frauen. Nur zehn Minuten hat jeder Kandidat zur Verfügung, um sich vorzustellen und Fragen zu beantworten.
Wer steht noch zur Wahl?
Neben in der Partei bekannten Personen bewerben sich eine ganze Reihe Außenseiter auf Posten - im Spott "Fünf-Minuten-Piraten" genannt. Einige wollen wohl die Bühne - es haben sich rund 250 Journalisten angemeldet - für sich nutzen. Gute Chancen auf einen Platz im Vorstand haben außerdem Julia Schramm, Mathias Schrade, Johannes Thon, Johannes Ponader und Klaus Peukert. Mehr über Kandidaten und Wahl-Procedere auf SPIEGEL ONLINE.
Ist das alles?
Auf dem ersten von zwei geplanten Parteitagen dieses Jahr ist vor allem die Wahl einer neuen Parteispitze vorgesehen. Außerdem liegen fast 200 Anträge vor - auch zum Umgang mit Rechtsextremen innerhalb der Partei. In den vergangenen Wochen waren die Piraten wegen allzu großer Toleranz heftig kritisiert worden und hatten über Konsequenzen gestritten. Auch Basisdemokratie und Amtszeiten könnten Thema werden.
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Sympathisanten der Parteineulinge: Wir, die Piraten

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