Piraten-Parteitag in NRW Wahl der Qual

Die Piraten lassen auf dem Landesparteitag in Münster nicht nur ihren Vorsitzenden durchfallen, sie ergehen sich auch in quälend-langen Mitmachspielchen. Die Offenheit der jungen Alternativen macht sie unberechenbar. Das beeinträchtigt ihre politische Schlagkraft enorm.

dapd

Von und , Münster


Als der Oberpirat zum Mikrofon marschiert, entfährt ihm dieses Wörtchen: "Unbelievable" murmelt er - unglaublich. Michele Marsching wird gleich auf dem Podium zweieinhalb Minuten lang ausführen, warum er seine Piraten als Spitzenkandidat in den Düsseldorfer Landtag führen könnte, weshalb er der Richtige wäre, um den etablierten Parteien dort einzuheizen. Doch wahrscheinlich fürchtet er schon auf der Rampe, die hinauf zur Bühne führt, dass es anders kommen wird.

Das Problem nämlich ist: Die Piraten sind ein zutiefst unberechenbarer Haufen - der Segen ihrer basisdemokratischen Struktur ist der Fluch jedes Funktionärs. Und tatsächlich erhält am Samstagabend, nach fast acht quälend langen Stunden der Kandidatenvorstellung und Debatte, nicht der Parteivorsitzende Marsching den Listenplatz Nummer eins, sondern ein 54-jähriger Medienpädagoge aus Neuss.

202 der 398 Piraten sprechen sich überraschend für Joachim Paul aus - der wiederum um kurz nach 19 Uhr sichtlich bewegt in den Saal ruft: "Für mich zählt nur das Wir!" Dann stürzt er aus dem Raum und klärt Entscheidendes. Er ruft nämlich seine Frau an, wie er später bestens gelaunt berichtet: "Sie steht voll hinter mir!"

Also wird Paul, der im Netz unter dem Namen "Nick Haflinger" auftritt, als Piraten-Frontmann in den Wahlkampf ziehen. Der "rote Faden" seines Lebens seien "Netzwerke aus Menschen, Medien und Maschinen", so der promovierte Biophysiker, der seit 2009 Pirat ist und sich bislang an der Basis vor allem mit Bildungsthemen beschäftigte.

Vollbart, Sakko, ergrautes Haar - Joachim Paul passt nicht in das Klischee des jungen, hippen, unangepassten Protestparteimitglieds. Er habe nie eine politische Heimat gefunden, sagt er, erst sein Sohn habe ihn auf die Piraten aufmerksam gemacht. Dass er, der Neuling, gleich als erster Kandidat für die Landtagswahl nominiert wird, ist für Paul ziemlich aufregend. "Ich bin voll mit Adrenalin bis unter die Haarkrause", sagt er.

Generell ist der Landesparteitag ein Lehrstück über die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn die Ideale der Piraten auf die Realität prallen. Einerseits wollen die politischen Freibeuter weiterhin Aktivisten in und außerhalb der Parlamente sein. Andererseits aber nehmen sie an Wahlen teil und müssen dazu, wohl oder übel, eigene Eliten bilden: einen Parteivorstand wählen, eine Landesliste aufstellen, Spitzenkandidaten küren.

Weisband spricht vom "Goldrausch"

Das soll in Münster wieder mit dem größtmöglichen Maß an Offenheit geschehen. Bei den Piraten gibt es kein Delegiertensystem, jedes Mitglied kann sich für einen Listenplatz bewerben. Die Folge ist nicht nur eine Flut von Last-Minute-Eintritten, sondern auch ein wahrer Ansturm von potentiellen Spitzenkandidaten. 56 Männer und Frauen wollen die Partei in den Wahlkampf führen - und jeder darf in der Halle Münsterland drei Minuten lang sprechen.

Da ist zum Beispiel der Rechtsanwalt und "Radikaldemokrat" aus Ratingen, der nun verkündet, die Piraten seien "seine erste und große Liebe". Da ist der Wirtschaftwissenschaftler mit Gel-Frisur, der sich den 3000-Seiten-starken Haushalt des Landes Nordrhein-Westfalen noch einmal ganz genau vornehmen will. Und da ist Stefan aus Hamm, der Grundsätzliches kundtut: "In der Politik läuft etwas falsch." Und: "Das Team ist wichtig."

Viele Stunden lang geht das so, dann ist der erste gewählt. "Es soll keiner sagen, wir machten das nur aus Egoismus", sagt ein Freibeuter.

Insgesamt fühlen sich 200 Piraten dazu berufen, eine Karriere als Landtagsabgeordneter anzustreben, nur 42 werden es am Sonntagabend auf die Liste geschafft haben. Der Run auf die Plätze überrascht selbst erfahrene Parteimitglieder. Die in Münster lebende politische Geschäftsführerin der Bundespartei, Marina Weisband, vergleicht die Kandidatenflut mit einem "Goldrausch".

"Ich bin aber davon überzeugt, dass die allermeisten ernsthaft gestalten wollen", sagt Weisband. Nur weil sich jemand erst seit kurzem engagiere, sei er nicht automatisch ein schlechter Politiker. "Im Gegenteil - wir wollen den Automatismus der klassischen Ochsentour bis zum Mandat durchbrechen." Ein Ansturm politischer Laien, "das muss man als Partei aushalten."

In der Praxis blockiert dieser Anspruch jedoch die Schlagkraft der jungen Wilden: Stundenlange Personaldiskussionen scheinen 50 Tage vor der Wahl wenig hilfreich zu sein. Denn die Piraten brauchen in einem Turbo-Wahlkampf vor allem die Wucht und Frische des Newcomers. Wollen sie doch am 13. Mai beweisen, dass sie auch im bevölkerungsreichsten Bundesland das Zeug zur Parlamentskraft haben.

Der Landesverband zwischen Rhein und Ruhr ist der mitgliederstärkste in Deutschland und finanziell verhältnismäßig gut ausgestattet. Die Kampagne darf nach Angaben der Partei bis zu 120.000 Euro kosten - das ist viermal so viel wie im Wahljahr 2010. Klappt es aber im Westen nicht mit dem Einzug ins Parlament, stehen die Chancen für die Piraten in anderen Hochburgen wie Bayern ebenfalls schlecht - ganz zu schweigen von der Bundestagswahl.

Am Abend, nach dem Münsteraner Abstimmungsmarathon, sitzt Landeschef Michele Marsching im abgedunkelten Presseraum. Alleine. Marsching sieht müde aus, "Ich weiß nicht mal, wie ich eigentlich abgeschnitten habe", sagt er. Noch ist nicht klar, ob er am Ende auf Platz drei landen wird oder auf Platz 18. Und ob es der Oberpirat dann überhaupt noch in den Landtag schafft?

Vor der Tür blitzen die Kameras: Der frisch gekürte Spitzenkandidat Joachim Paul gibt Interviews und posiert für die Fotografen. Nein, enttäuscht sei er nicht, sagt Marsching jetzt. "Joachim ist ein guter Mann."

Das klingt ganz arg vernünftig.

insgesamt 84 Beiträge
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Seite 1
tsitsinotis 24.03.2012
1. Es ist doch erfrischend,
mit welcher Begeisterung viele sich ernsthaft in die Politik mischen. Das sollten sich die altbackenen Parteien genau ansehen - sehr selbstkritisch - ist es doch wohl v.a. eine Reaktion auf deren verkrustete Strukturen.
darksystem 24.03.2012
2.
Nettes Artikelchen. Wahlkampf läuft, Kandidaten sind da, sogar welche die das Klischee endlich aufbrechen können, Umfragen sehen gut aus, Finanzirung ist auch ausreichend. Ich sehe nicht das "Ideologie vs. Realität"-Problem.
Europa! 24.03.2012
3. Anfängerfehler
Zitat von sysopdapdDie Piraten lassen auf ihrem Parteitag in Münster nicht nur ihren Vorsitzenden durchfallen, sie ergehen sich auch in quälend-langen Mitmachspielchen. Die Offenheit der jungen Alternativen macht sie zutiefst unberechenbar. Das beeinträchtigt ihre politische Schlagkraft enorm. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,823548,00.html
Wenn man die "Funktionäre", die Dinge organisieren und den Parteikarren ziehen, ganz spontan und ungerecht ins Abseits stellt, wird man bald niemand mehr finden, der sich ordentlich reinhängt.
Harald A. Irmer 24.03.2012
4. Es gibt mehrere Weichen, ...
Die erste Weiche ist: "Gehören Parteien zum Gebiet der Lösungen oder zum Gebiet der Probleme?". Ich bin da unschlüssig, tendiere eher dazu, Parteien zum Gebiet der Probleme zu zählen (man lese Max Weber, Begriff, Wesen und Formen der Parteien) Sagen wir trotzdem mal, Parteien gehören zum Gebiet der Lösungen, dann kommen wir zur zweiten Weiche, wie sollen Parteien intern entscheiden?: Die traditionelle Form ist durch Delegierte, was sogar eine 40% Minderheit marginalisieren kann, es sei denn diese Minderheit tritt regional massiert auf - oder die neue Form, die ich doch dann sehr vorziehen würde, es redet immer jedes Mitglied mit. Ich sage: Nur aus einer guten Form kann auf Dauer ein guter Inhalt kommen, denn ist nur der Inhalt gut, kann alle Tage ein Parteidiktator aufstehen und ihn umstoßen.
wika 24.03.2012
5. Find ich gut …
… warum soll immer alles so laufen wie es die Medien oder andere Figuren aus dieser Szene gerne hätten. Die junge Generation ist anders und die abgewirtschafteten Polit-Althasen haben gar nicht begriffen was da für ein wind in den Segeln der Piraten steckt … ist auch gut so, sonst könnten die sich noch darauf einschießen … dann wäre die Chance auf Veränderungen auch gleich schon wieder dahin. *Sind wir nicht alle irgendwie Piraten* (http://qpress.de/2012/03/15/sind-wir-nicht-alle-irgendwie-piraten/) … jedenfalls in unseren kühnsten Träumen. Die Piraten haben etwas mit den Anfängen der Grünen gemein, nur sind die ja leider auch schon zu reinen Sesselpfurzern verkommen und schlimmer noch noch, beim Verrat an den Menschen, siehe ESM, Euro und den ganzen Wahnsinn stehen die voll hinter der Bundesschranzlerin … nee, da ist es so schon besser, auch wenn es etwas tumultig wirkt, insoweit mein Glückwunsch an die Truppe und ich bin mir sicher, die werden genügend Stimmen in NRW bekommen, einfach weil auf Bundesebene schon Perspektivlosigkeit seit Jahren zelebriert wird … sie sind ein Hoffnungschimmer … (°!°)
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