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Zwangsruhe bei den Piraten: Ponader muss Raab-Auftritt absagen

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Monatelang fetzte sich der Piratenvorstand, zwei Mitglieder schmissen hin. Nun ist plötzlich "alles gut", sagt Parteichef Schlömer - und beschwört den Waffenstillstand. Doch die verordnete Ruhe hat ihren Preis: Der umstrittene Oberpirat Ponader muss einen Raab-Auftritt vor Millionenpublikum canceln.

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Oberpirat Ponader: Keine ganz freiwillige Sache

Berlin - Es klingt wie die große Versöhnung: "Johannes Ponader und ich haben uns ausgesprochen. Alles ist gut", ließ Piratenchef Bernd Schlömer seine Follower auf Twitter wissen. Nach Wochen der Querelen, der öffentlichen Streits, Beschuldigungen und dem Rücktritt zweier Vorstandsmitglieder soll es nun also nach vorne gehen, die Bundestagswahl im Blick.

Details über die Aussprache wollte am Freitag keiner preisgeben, "kein Kommentar", heißt es auf beiden Seiten. Ponader war am Freitag am Telefon hörbar bemüht, nicht mehr Öl ins Feuer zu gießen. Er wolle zu dem Gespräch nichts Näheres sagen, sagte er SPIEGEL ONLINE.

Auch sonst wirkte der sonst gern aufmüpfige politische Geschäftsführer, der im Fernsehen mit Sandalen auftritt oder seine Partei lautstark zu einer "Shitstop-Kultur" aufruft, überraschend zurückhaltend. Parteiliches Engagement? Das laufe halt weiter. Gerade stellte er der Berliner Fraktion seinen neuen Beauftragten für Sozialpolitik vor. Demnächst wolle er eine Woche Urlaub machen. Öffentliche Auftritte? Erst einmal keine.

Schlömer senkt Daumen für Raab-Auftritt

Das mit den öffentlichen Auftritten ist allerdings keine ganz freiwillige Sache. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE sollte Ponader eigentlich bei der Premiere des neuen Polit-Talks von Pro-Sieben-Titan Stefan Raab auftreten. Die Sendung, bei der "der sympathischste Politiker" 100.000 Euro einheimst, geht am 11. November an den Start. Ponader wird daran nun nicht teilnehmen - so will es Parteichef Bernd Schlömer.

Der Auftritt ist geplatzt, bevor die Sendung überhaupt begonnen hat. Denn angesichts der wachsenden Kritik an seinem Führungsstil hat Ponader die finale Entscheidung, ob er Raab zusagen solle, notgedrungen dem Vorsitzenden überlassen. Weitere Alleingänge will sich der zuletzt massiv unter Druck geratene Ponader anscheinend nicht mehr leisten.

Doch Schlömer senkte am Freitag den Daumen. "Wir wollen die Pilotfolge von Raab abwarten und werden diesen Termin generell erst mal nicht wahrnehmen", hieß es aus der Piratenpartei. Jörg Blumtritt, stellvertretender Pressesprecher, überbrachte der Produktionsfirma am Nachmittag die Absage. Seitens Brainpool kommentierte man die Situation auf Anfrage zunächst nicht. Dass sich die Gästeliste kurzfristige ändere, sei aber normal, hieß es.

"Davon halte ich nichts"

Die Ponader-Absage zeigt, wie sehr die Debatte um eines ihrer prominentesten Mitglieder die Piraten verunsichert hat. Denn was sagt es über den Zustand einer Partei aus, die ihren eigenen Geschäftsführer nicht zur Primetime vor Millionenpublikum auftreten lassen will - obendrein vor Raabs junger, piratenaffiner Zuschauer-Zielgruppe? Zumal die Piraten derzeit jeden Sympathiepunkt bitter nötig haben: Die Umfragewerte sinken; Fernsehauftritte sind für eine Partei, die nicht im Bundestag vertreten ist, rar gesät.

Die Absage führt auch Ponaders Rolle des Politischen Geschäftsführers ad absurdum. Der soll in der Theorie die Ziele der Partei nach außen vertreten, zugleich Mittler zwischen Basis und Vorstand sein und zwischen den zerfaserten Flügeln der Piraten moderieren. Doch Ponader scheint sich aus Sicht mehrerer Vorstandsmitglieder immer mehr zu einem Risiko auszuwachsen, das es einzudämmen gilt.

Die neue Strategie heißt nun offenbar: Viel miteinander reden, aber nach außen für Ruhe sorgen, um jeden Preis. In zwei Wochen will sich der Vorstand in Stuttgart treffen, um mögliche Missverständnisse vor dem Bundesparteitag in Bochum Ende November auszuräumen. Dort soll eigentlich das inhaltliche Profil der Piraten geschärft werden, 1400 Seiten stark ist das Antragsbuch. Doch die inhaltlichen Ziele gerieten in den vergangenen Monaten angesichts ständiger neuer Streits in den Hintergrund. Am Vorabend des Parteitags stellt sich der Vorstand den Fragen der Basis - dahinter dürfte auch die Hoffnung stecken, dass man keine Entladung des Unmuts auf dem Parteitag direkt riskieren will.

Ein Ende der Personaldebatten scheint allerdings nicht in Sicht. Parteivize Sebastian Nerz regte in der "Welt" an, die Basis solle in Bochum eine Vertrauensfrage gegenüber dem Bundesvorstand stellen. Schlömer widersprach prompt: "Davon halte ich überhaupt nichts." So oder so müssen die Piraten in Bochum darüber entscheiden, ob sie mit dem auf sieben Mitglieder geschrumpften Team in den Bundestagswahlkampf ziehen oder einen neuen Vorstand installieren wollen.

Raabs Produktionsfirma Brainpool reagierte auf die Ponader-Absage laut Piratensprecher Blumtritt übrigens "gelassen und professionell". Kein Wunder - das Adressbuch der Fernsehmacher dürfte voll sein mit aufstrebenden Politikern, die am Sonntagabend gern sich und ihre eigene Partei promoten.

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