SPIEGEL ONLINE: Herr Schumacher, warum twittern Sie eigentlich nicht?
Schumacher: Das ist einfach nicht mein Medium. Ich habe Twitter nie benutzt und nie vermisst.
SPIEGEL ONLINE: Vor einem Jahr wurden Sie zum Generalsekretär gewählt, damals war der Höhenflug der Piraten noch nicht abzusehen. Was hat der Hype mit Ihnen gemacht?
Schumacher: Erst einmal sehe ich unsere Ergebnisse. Die Verwaltung der Piraten ist effizienter, das war mein Ziel. Ich weiß jetzt mehr über Buchhaltung, vielleicht mehr, als ich vielleicht jemals wissen wollte. Ich kenne mich nun mit Geschäftsordnungen aus und habe viel mit Anwälten telefoniert. Aber klar, ich musste mein Privatleben einschränken, hatte viel weniger Zeit für Freunde, Freundin und Familie. Meine Hobbys haben gelitten, meine Lebensplanung ist durcheinander geraten.
SPIEGEL ONLINE: Wird der Job eines Oberpiraten genug gewürdigt?
Schumacher: Ja und nein. Im persönlichen Gespräch wird man gelobt. Aber die stille Zustimmung der Masse kriegt man ja meist nicht ab, sondern nur die Wut der Kritiker, die einen trollen. Klar ist: Bei den Piraten kriegt man keine Vorschusslorbeeren. Wenn man Scheiße baut, wird einem das auch schnell deutlich gemacht. Und in typischen Shitstorms werden die meisten Sachverhalte extrem verkürzt.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie das in Ihrer Amtszeit erlebt?
Schumacher: Ja. Bei der Umstellung der Verwaltung, was eigentlich ein trockenes Thema ist, kursierten plötzlich die albernsten Gerüchte. Da musste ich überall unser Konzept verteidigen und darüber aufklären. Das war ganz schön anstrengend. Wenn's knallt, dann wird das bei uns Piraten eben über Twitter oder Mailinglisten ausgetragen.
SPIEGEL ONLINE: Braucht der Piratenschwarm mehr Disziplin, mehr Führung?
Schumacher: Also mehr Gremien wären Schwachsinn. Sich beraten, das kann auch die Basis.
SPIEGEL ONLINE: Aber irgendwer muss doch den Überblick behalten, und im Ernstfall eingreifen können.
Schumacher: Man kann als Vorstand nicht bei jeder Sitzung und jeder Arbeitsgruppe dabei sein. Aber das ist doch nicht schlimm. Ich muss als Mitglied im Bundesvorstand nicht wissen, was in der Kommunalpolitik in Aachen passiert.
SPIEGEL ONLINE: Sie geben das Amt des Generalsekretärs auf dem Parteitag in Neumünster ab. Warum sehnen Sie sich nach der Basis?
Schumacher: Man kann als Basispirat freier reden. Im Bundesvorstand sollte man seine persönliche politische Meinung nicht forcieren, weil man für die Partei spricht. Ich sehe meinen Rückzug auch nicht als Abschied. Verwaltung und Organisation müssen gebündelt sein, aber als einziges Basismitglied kann man bei den Piraten stärker sein als ein ganzer Vorstand zusammen.
SPIEGEL ONLINE: Das scheint den Job des Spitzenpiraten nicht unbedingt attraktiv zu machen. Warum geben so viele Vorstände nach einem Jahr auf?
Schumacher: Bei uns kommt manchmal das Leben dazwischen, bei Marina Weisband war es das Diplom, bei mir die Promotion. Auch in den Landesvorständen sitzen oft jüngere Leute, da ändert sich der Alltag schnell. Dazu kommen die Anforderungen des Mitgliederansturms, das brennt manche Menschen aus.
SPIEGEL ONLINE: Sind Sie ausgebrannt?
Schumacher: Ich habe noch Reserven. Aber wenn ich noch ein Jahr dranhängen würde, wären die aufgebraucht.
Das Interview führten Annett Meiritz und Ole Reißmann
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