Von Fabian Reinbold
Hamburg - Es waren drei Tage im Daueralarm. Seit bei den Piraten zwei Vorstandsmitglieder am Freitag ihren Rücktritt verkündeten, laufen die Mailinglisten heiß, nachts wird per Telefonkonferenz Mumble gestritten, auf Landesparteitagen gibt es heftige Debatten um Köpfe und Themen.
Also alles wie immer eigentlich. Die Piraten haben sich, auch wenn es mal keine Rücktritte gibt, in einer Art permanenter Aufregung eingerichtet. Junge Menschen mit Zeit und Zielen, im ständigen Austausch, das schien einst die große Stärke der Freibeuter zu sein. Doch heute klingt das Konzept "Piraten tauschen sich den ganzen Tag mit Piraten über Piraten aus" nicht mehr nach Erfolg - auch der Daueralarm hat zum Absturz beigetragen.
Wer eine Ahnung bekommen will, wie weit die Beschäftigung mit den Piraten geht, redet am besten mit Matthias Schrade. Er trat am Freitag gemeinsam Julia Schramm zurück, gelobte aber noch in seiner Rücktrittserklärung, weiter vollen Einsatz für die Partei zu zeigen. Die Frage ist: Wann wird es zu viel?
Matthias Schrade, 33 Jahre alt und aus dem Schwäbischen, sagt: "Bei mir gibt es keine Trennung mehr zwischen erreichbar und nicht erreichbar." Er saß nun anderthalb Jahre im Bundesvorstand der Piraten und meinte vor wenigen Tagen noch, er müsse "ständig schauen, ob es eine Erwähnung bei Twitter gibt, ob sich ein Gate abzeichnet, bei dem man eingreifen sollte." Als Gate bezeichnen die Piraten augenzwinkernd ihre Skandälchen. Prinzipiell sei er "24 Stunden, 7 Tage" zu erreichen für die Partei.
Es gilt das Mantra: Jeder gibt zu allem seinen Senf dazu, rund um die Uhr
Der freiberufliche Finanzanalyst redet gern, viel und lang. Er hat sich die für ihn perfekte Partei ausgesucht. Denn spätestens, seit sie vor einem Jahr erstmals im Berliner Abgeordnetenhaus Platz nahmen, reden die Piraten ohne Pause. Noch vor Transparenz und Netzfreiheit lautet offenbar das oberste Mantra: Jeder gibt zu allem seinen Senf dazu, rund um die Uhr. Schrade sagt: "Ich weiß schon nicht mehr, welches Gate wir letzte Woche hatten."
Die Freibeuter in Stuttgart verschicken eine Pressemitteilung zu einem Satz, den ein Pirat in Berlin gesagt hat. Ein ehemaliger Pressesprecher versendet Mitteilungen mit seiner Sicht der Dinge. Und alle paar Tage sehen sich irgendwelche Parteimitglieder genötigt, einen offenen Brief zu verfassen. Einer trug kürzlich den Titel: "Machen statt labern!" Tja.
Der Chef der Labertruppe klingt schon resigniert. "Je länger wir online sind, desto mehr regen wir uns über Irrelevantes auf", sagt der Parteivorsitzende Bernd Schlömer. Der 41-jährige Regierungsdirektor und Familienvater hat gar keine Zeit, überall mitzumischen. Was wiederum nicht gut ankommt: Als Schlömer sich kürzlich zu einem Skandälchen - es ging um einen Flyer atomfreundlicher Piraten - erst in einer Vorstandssitzung am Mittwoch erklären wollte, wurde ihm am Wochenende vorgeworfen, er wolle das Problem "aussitzen". Am Samstag setzten sich dann bayrische Piraten zusammen, telefonierten intensiv miteinander, setzen eine Erklärung auf (ein offener Brief!), die nachts dann Dutzende unterschrieben. Bis zur Sitzung hatte dann schon jeder etwas hinausposaunt.
Den Piraten fehlt anscheinend der Abstand. Den Takt der Partei geben nicht berufstätige Familienväter wie Schlömer vor, sondern Leute wie Schrade, der seinen Familienstand im Partei-Wiki mit "verpiratet" angibt. Schrade ist an drei von vier Wochenenden für die Partei unterwegs. Er ist einer der eifrigsten Wahlkämpfer der Partei: Vergangenen Montag fuhr er vom Landesparteitag in Bayern nach Wolfenbüttel, um Unterschriften für die Landtagswahl in Niedersachsen zu sammeln, und abends saß er am Stammtisch in Salzgitter. Im Schnitt investiere er jede Woche rund 60 Stunden für die Partei, sagt Schrade. Und am Wochenende? "Andere setzen sich in den Park, gehen ins Stadion. Ich gehe auf einen Parteitag, das ist ja in den meisten Fällen kein Stress."
Marina Weisband, frühere Geschäftsführerin und angehende Psychologin, attestiert ihren Parteifreunden eine Überidentifikation. Sie kenne viele, die selbst im Urlaub "nur Piratenkram machen".
"Wer nicht ständig online ist, gilt als Verlierer"
Brauchen die Piraten einfach mal etwas Abstand? Weisband, die sich selbst entkräftet aus der Parteispitze zurückzog, zuckt mit den Schultern. "Wir sind halt das Start-Up der Politik." Schrade macht sich ohnehin keine Sorgen. Und der Berliner Fraktionschef Christopher Lauer, der jeden Tag im Schnitt 45 Tweets absetzt, versteht schon die Frage nicht. Er schnauft erst mal laut und lang ins Telefon. Dann sagt er: "Alle Menschen kommunizieren rund um die Uhr, nur bei uns kriegen es halt alle mit." Und was ist damit, Privates und Partei auch mal zu trennen? Auf diese Frage antwortet Lauer mit Guido Westerwelle. Der sprach mal davon, dass die FDP doch eine zweite Familie sei, oder wenn man ehrlich sei, für viele auch die erste. Lauer kennt den Spruch auswendig - "Sehen Sie, überall das Gleiche."
Lauer sagt manchmal schlaue Dinge über die Piraten, manchmal hat er aber auch keine Lust. Kürzlich stürmte er in Berlin von einem Podium, nachdem ihm ein SPD-Kollege aus dem Abgeordnetenhaus vorwarf, mit Lauer könne man nicht reden, weil der ständig auf sein iPhone gucke. Lauer stand auf, sagte noch "Da hab ich an 'nem Sonntag was Besseres zu tun" und war weg.
Doch Zweifel, ob die Piraten wirklich an einem Sonntag Besseres zu tun haben, kommen zumindest Parteichef Schlömer manchmal. "Einige beschäftigen sich so gut wie nur noch mit der Partei. Wir müssen aufpassen, dass sich unsere Mitglieder nicht verheizen." Schlömer, der seinen ehrenamtlichen Posten als Parteichef neben seinem Job im Verteidigungsministerium ausübt, sieht die Gefahr, dass die Zeitreichen der Partei den Rhythmus vorgeben. "Diejenigen, die besonders viel Zeit haben, sind bei uns im Vorteil. Diejenigen, die nicht ständig online sind, werden als Informationsverlierer dargestellt."
Weniger Daueralarm würde wohl helfen, um wieder konzentrierter und gelassener am Programm zu arbeiten. Denn die Partei mit dem Schlachtruf "Themen statt Köpfe" streitet um nichts lieber als ihre Köpfe. In Dutzenden permanent schnatternden Arbeitsgruppen wird zwar gearbeitet, doch in der Kommunikation der Inhalte kommen die Piraten nicht voran.
Immerhin einen weiteren Piraten aus der Spitze scheint Parteichef Schlömer überzeugt zu haben. Sein Stellvertreter Sebastian Nerz sagt, der "Druck immer unmittelbar zu reagieren" schade den Diskussionen in der Partei. Er selbst habe gemerkt, dass oft keine Zeit zum Nachdenken bleibe. Deshalb habe er sich abgewöhnt, sofort auf Mails und Tweets zu reagieren.
Auch abends beim Fernsehen habe er lange ständig nebenbei mit der Partei kommuniziert. Jetzt lese er wieder häufiger Bücher, berichtet der 29-Jährige. Dann kramt er aus seiner Aktentasche die aktuelle Lektüre: Ein blau-weißes Buch mit dem Titel "E-Mail macht dumm, krank und arm". "Kann nicht schaden", sagt Nerz.
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