Neuer Parteivorstand Piraten sollen weniger twittern

Die abgestürzte Piratenpartei hat einen neuen Vorstand gewählt. Der Vorsitzende Stefan Körner will die Partei aus dem "desolaten Zustand" führen - doch auf dem Parteitag ging es wieder ätzend zu.

Piraten in Halle: "Etwas desolater Zustand"
DPA

Piraten in Halle: "Etwas desolater Zustand"


Halle - Die Piratenpartei versucht mit einem neuen Vorstand eine Art Neuanfang. Als Vorsitzender wurde auf dem Parteitag in Halle Stefan Körner mit rund 62 Prozent Ja-Stimmen gewählt. Er sagte: "Ich will in dieser Partei wieder mehr Miteinander haben. Und ich will einen Weg finden, wie wir unsere Glaubwürdigkeit als Partei zurückbekommen können."

Vor Journalisten räumte Körner ein: "Die Piraten befinden sich im Augenblick in einem etwas desolaten Zustand." Er gehört zum liberalen Parteiflügel, der auf Netzpolitik setzt. Der 45-jährige Software-Entwickler hat sich selbst mehrfach Kämpfe mit Anhängern einer deutlich linken Strömung geliefert. Diese erbittert geführte Auseinandersetzung gilt als eine Ursache des Niedergangs der Partei, die 2011 und 2012 in vier Landtage einzog, danach aber im Dauerstreit abstürzte.

Für das neue Miteinander soll weniger über Twitter, sondern mehr im persönlichen Gespräch kommuniziert werden. "Twitter ist kein Kommunikationsmedium, bei dem man irgendetwas ausmachen kann, außer sich zum Kaffee zu treffen", so Körner.

Doch auch auf dem Parteitag wurde wieder heftig gestritten und gebuht. Eine Nachrichtenagentur überschrieb ihren Bericht mit der Zeile: "Twitter-Krieg in der Hölle von Halle." Ein Parteimitglied aus Mecklenburg-Vorpommern schrieb, natürlich auf Twitter: Der Bundesparteitag "war eine menschliche Katastrophe. So viele Menschen, die sich verhalten haben wie Soziopathen."

Zoff um Kandidatur von Lauer

Unter anderem gab es Auseinandersetzungen um eine Kandidatur des Berliner Landeschefs Christopher Lauer. Er wollte als politischer Geschäftsführer kandidieren, wurde aber wegen eines Formfehlers nicht zugelassen.

Das Treffen war überhaupt erst nötig geworden, weil drei Mitglieder des siebenköpfigen Parteivorstands im Frühling nach wenigen Wochen im Amt zurückgetreten waren. Unter anderem wurde über eine Oben-ohne-Protestaktion so erbittert gestritten, dass schließlich einige Piraten in einem "Orgastreik" die komplette IT der Partei lahmlegten. Es gab viele Austritte. Bei der Europawahl im Mai kam die Partei nur noch auf 1,4 Prozent.

Zwei der Zurückgetretenen wurden in Halle erneut in ihre Ämter gewählt. Zum zweiten Vorsitzenden wurde der 45-Jährige Carsten Sawosch aus Niedersachsen gewählt, politischer Geschäftsführer ist nun Kristos Thingilouthis aus Hessen.

Körner sagte, er wolle in den ersten 100 Tagen ein Verfahren für Basisbeschlüsse auf den Weg bringen, an dem jedes Mitglied teilhaben könne. Bislang gibt es dafür in der selbsternannten Mitmachpartei kein Mittel.

fab/AFP/dpa



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insgesamt 11 Beiträge
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ornitologe 29.06.2014
1. Tamagotchi
der BRD-Politszene. Wie jede Modeerscheinung irgendwann von der Realität überholt. Die virtuellen Rebellen sind schon lange an die Grenzen ihere Kommunikationsfähigkeit gestoßen und werden bar jeglichen Planes ihr Bündnis zur Disposition stellen müssen. Mangelhafte Zahlungsmoral in Sachen Mitgliedsbeiträge ist da wohl nur das geringste Übel, mit dem sich Herr Körner auseinandersetzen muss. Zu den schwindenden Finanzen kommt noch Plan- und Orientierungslosigkeit der Basis und der Verlust ehemals spendablen Gönner. Alles in Allem scheint die Götterdämmerung bei den Piraten nicht mehr aufzuhalten zu sein.
Mertrager 29.06.2014
2. Grundsätzlich
... sind die meisten Anwendungen von Twitter Schwachsinn. Es soll Leute geben, die ganz gut kommunizieren, auch mit elektronischen Medien, die Twitter noch nie benutzt haben.
phrasenmaeher 29.06.2014
3. Körner wird scheitern
Das übliche Kindergartengezänk auf dem Parteitag zeigt, dass die (verbliebenen) Mitglieder auch vom Totalabsturz der Partei in der vergangenen Zeit nichts gelernt haben. Eine Partei "aus einem desolaten Zustand führen" zu wollen, die sich unabänderlich im internen Klein-Klein verzettelt, ist zum Scheitern verurteilt. Liebe Piraten, herzlich Willkommen im Nichts.
Donalder Duck 29.06.2014
4. 3 Kommentare bisher (18:50Uhr), keiner bemerkte anscheinend ...
das da ein Richtungsstreit zur Klärung anstand. Die PIRATEN sind uneins ob sie für freie downloads sind und der Rest egal ist - oder ob es um eine Partei mit breitem gesellschaftlichen Engagement geht. Darüber ist man sich nun erst recht herzlichst uneinig - eine Mementum mit besonderem Geschmäckle ist das der alte BuVo nicht entlastet wurde. Die tiefschwarze Nacht der langen Messer - sie dauert also weiter an. Zum Leichenzählen kam man noch nicht - es wird weiter gemetzelt.
whocaresbutyou 29.06.2014
5. Da wähne ich mich zugehörig...
Zitat von Mertrager... sind die meisten Anwendungen von Twitter Schwachsinn. Es soll Leute geben, die ganz gut kommunizieren, auch mit elektronischen Medien, die Twitter noch nie benutzt haben.
Das kann ich unterschreiben... Twitter ist das Reuters der Unnötigen. Neulich hörte ich mal irgendwo sinngemäß (glaube es war Dieter Nuhr): Twittern ist in etwa so, wie wenn Menschen, die keinen interessieren, auf der Straße mit Menschen, die sie nicht kennen über Leute tratschen die sie nichts angehen, weil die Dinge tun, von denen sie keine Ahnung haben. Früher musste man zum Tratschen auf die Straße oder zum Bäcker, heute bekommt man den geistigen Auswurf des Selbstmarketings 24/7 auf`s Smartphone gespült. # schaue Fernsehen # Langeweile # Pizza ist fertig # verdammt, verbrannt ! Welch Zeitverschwendung...
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