Schrumpfende Partei Piraten verlieren Tausende Mitglieder

Die Piraten triumphierten, rebellierten und stritten in aller Öffentlichkeit. Nun kann man der Partei dabei zusehen, wie sie zerfällt. Bundesweit verliert sie immer mehr Mitglieder.

Piraten-Mitglieder: Erst rasantes Wachstum, jetzt Austrittswelle?
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Piraten-Mitglieder: Erst rasantes Wachstum, jetzt Austrittswelle?

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Berlin - Das Sterben der Piraten spürt man sogar durchs Telefon. Ein Anruf beim Bremer Landesverband, man möchte den Stand der Mitgliederzahlen erfragen. "Sorry, ich kann Ihnen nicht weiterhelfen", sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung, "ich bin gerade aus der Partei ausgetreten." Das Telefon sei wohl noch nicht umgestellt, entschuldigt sich der Ex-Pirat.

Bis vor wenigen Tagen saß er noch im Vorstand, jetzt ist er enttäuscht. Er könne sich nicht vorstellen, dass die Bremer Piraten zur nächsten Wahl arbeitsfähig sind. "Das schaffen die nie."

So wie dem kleinen Piraten-Verband im Norden geht es der Partei bundesweit. In Berlin kündigten allein am Wochenende mehrere Dutzend Piraten ihre Mitgliedschaft. In Brandenburg verabschiedete sich die Netzaktivistin Anke Domscheit-Berg mit einem wütenden Internetbrief. Zu den Aussteigern gesellen sich erstmals auch Mandatsträger, die Piraten-Fraktion in Berlin ist um zwei Abgeordnete kleiner.

In den vergangenen Tagen verstärkte sich der Eindruck einer Austrittswelle, da gleich mehrere einst prominente Piraten hinwarfen. Doch ein Blick in die Statistik zeigt: Die Partei schrumpft schon länger rapide, eine Kehrtwende ist nicht in Sicht.

Ringen um jedes Neumitglied

Hatte die Partei zur Gründung 2007 wenige Hundert Mitglieder, wuchs sie zur Bundestagswahl 2009 auf knapp 10.000 an. Der Höchststand war 2012 erreicht, mit offiziell 34.000 Mitgliedern. Im Frühjahr 2013 ging es bergab, angefangen mit der Wahlschlappe in Niedersachsen.

Seitdem hat die Partei Tausende Anhänger verloren. Die Zahl der registrierten Piraten ist unter 27.000 gerutscht, davon zahlt nur etwa ein Drittel die Mitgliedsbeiträge. Zum Vergleich: Die eurokritische Alternative für Deutschland (AfD) zählt derzeit knapp 20.000 Mitglieder.

Eine Stichprobe in den Landesverbänden zeichnet ein düsteres Bild:

  • Die Piraten in Berlin haben binnen eines Jahres 500 Mitglieder verloren.
  • Der Landesverband Nordrhein-Westfalen schrumpfte im vergangenen Jahr um knapp tausend Mitglieder.
  • Die Piraten in Baden-Württemberg verloren im selben Zeitraum ebenfalls rund tausend Mitglieder. Landeschef Martin Eitzenberger weist auf Karteileichen hin, die man nicht mehr mitzähle, auch habe es einige Neumitgliedschaften gegeben. Doch er räumt ein: "Austritte schädigen die Partei mehr als verlorene Wahlen."
  • Die Piraten in Sachsen zählen nach eigenen Angaben 793 Mitglieder. "Im Verlauf des letzten Jahres gab es 126 Austritte. Dem gegenüber standen 43 Eintritte", heißt es aus Sachsen. Eine Massenflucht ist das noch nicht, aber: Kontinuierlich treten mehr Piraten aus als ein.

Der Abwärtstrend zeigt sich auch in dieser Statistik der Partei (zum Vergrößern auf das Bild klicken):

Grafik: Mitgliederentwicklung der Piratenpartei bis 2014
Piraten Partei

Grafik: Mitgliederentwicklung der Piratenpartei bis 2014

"Wirklich, wirklich, wirklich ekelhaft"

Vielerorts finden sich Spuren der Auflösung. Zwar sitzen noch immer Hunderte Piraten in Städten, Gemeinden und Landkreisen. Aber man muss mit den Kräften haushalten: Bei den jüngsten Kommunalwahlen in Baden-Württemberg traten die Piraten nur noch an, "wo es Sinn machte". Beim Parteitag in Bremen bekam man mangels Kandidaten keine Schiedskommission zusammen. Einst traten die Piraten an, um das politische System zu verändern. Jetzt versagt das eigene System - schleichend und schmerzhaft.

Parteichef Stefan Körner hält dagegen. 592 Piraten seien in diesem Jahr bundesweit eingetreten, rechnet er vor, 725 hätten die Partei verlassen. "Von einer Austrittswelle kann also eher keine Rede sein", sagt Körner. Den Mitgliederschwund in der Statistik erklärt er damit, dass man Tausende zahlsäumige Piraten, also Karteileichen, aus der Datenbank gestrichen habe. "Das Problem im Augenblick ist, dass einige Mitglieder besonders lautstark ihren Austritt kundtun und damit eine entsprechende Aufmerksamkeit erzeugen." Das müsse die Partei aushalten.

Die Frage ist, wie lange sie das noch aushalten kann. Denn Aufmerksamkeit erzeugt vor allem der verbale Schlamm, der den Abtrünnigen nachgeworfen wird. In Blog-Kommentaren wimmelt es vor Beschimpfungen und Lästereien, die Partei nervt mit Selbstbeschäftigung.

Das scheint die Stimmung nur noch mehr zu drücken. "Es ist wirklich, wirklich, wirklich ekelhaft, wie ihr gehenden Aktiven nachtretet. Diese Partei muss ihrem Programm erst gerecht werden", twitterte die Münsteraner Piratin Marina Weisband am Montag.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 65 Beiträge
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Badischer Revoluzzer 22.09.2014
1. Als die Piraten in die Öffentlichkeit traten,
hatte ich große Erwartungen und freute mich über eine weitere Kraft im festgefahrenen Politikgeschäft. Leider habe ich sehr festgestellt, daß in diese Partei echte Chaoten, Taugenichtse und Selbstverwirklicher eingezogen sind, die mit Politik eigentlich nichts am Hut hatten.
Ruhrfred 22.09.2014
2. Normal
Wozu soll man in einer Partei sein, in der ein Ton herrscht, den man sonst nur aus dem Fernsehen kennt. Ein selbstgerechter Haufen von Kindern, die glauben, dass sie das Wissen mit Löffeln gegessen hätten. Hier mein Tip: Wenn ich von einer Sache keine Ahnung habe, halte ich einfach den Mund. Hat sich gut bewährt und man entlarvt sich vor Fachleuten auch nicht als Nichtskönner.
underdog 22.09.2014
3. Bedauerliche Entwicklung
Aber zu erwarten, seit die Piraten von einem Haufen fanatischer ProfilneurotikerInnen zum lila Gender-Wunderland umgewandelt wurden und die eigentliche Idee dadurch völlig untergegangen ist. Geentert - gegendert - gekentert.
sunglider 22.09.2014
4. Ösi Piraten
In Österreich ist es noch schlimmer. Die ganzen Piratan bestehen nur noch aus ca. 250 Mitgliedern, wovon ca. 30 noch aktiv sind. Dort sind inzwischen sogar die Foren nur noch für "den Kader" schreib berechtigt. Bei der letzten Wahl haben die sich mit den Kommunisten zusammen getan. Ist natürlich voll in die Hose gegangen.
Natürlich frei! 22.09.2014
5. Stimmt nicht
" die Piraten-Fraktion in Berlin ist um zwei Abgeordnete kleiner." Nö, stimmt nicht. Die beiden aus der Piratenpartei ausgetretenen Abgeordneten bleiben als Parteilose Mitglieder der Piratenfraktion. Bitte sauberer arbeiten.
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