Parteitag in Bremen Piraten wählen Thorsten Wirth zu neuem Chef

Die Piraten haben einen neuen Vorsitzenden: Auf dem Parteitag in Bremen setzte sich der Frankfurter Software-Entwickler Thorsten Wirth gegen fünf weitere Kandidaten durch.

Neuer Piraten-Chef Wirth: "Ein schwieriges Jahr hinter uns"
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Neuer Piraten-Chef Wirth: "Ein schwieriges Jahr hinter uns"


Berlin - Die Piratenpartei hat das frühere Vorstandsmitglied Thorsten Wirth aus Frankfurt am Main zum neuen Vorsitzenden gewählt. Der 45-Jährige erhielt beim Bundesparteitag in Bremen 78,1 Prozent der Stimmen und setzte sich gegen fünf weitere Kandidaten durch.

Nach dem enttäuschenden Ergebnis bei der Bundestagswahl traten der bisherige Vorsitzende Bernd Schlömer und die meisten anderen Vorstandsmitglieder nicht wieder an. Im September hatten die Piraten mit 2,2 Prozent der Stimmen den Einzug in den Bundestag weit verfehlt. Jetzt hoffen sie, bei der Europawahl im Mai die dann geltende Drei-Prozent-Hürde zu überwinden.

Wirth gehört seit 2006 zu den Piraten. Heute arbeitet der Software-Entwickler als Referent der Piraten-Fraktion im Frankfurter Rathaus. Aufgewachsen ist der 45-Jährige in einem kleinen Dorf in Ostwestfalen, CDU-geprägt, sehr konservativ. Der Vater war SPD-Mitglied.

"Deshalb gehörten wir in diesem Dorf zu den Außenseitern", schreibt Wirth. Als politisch prägend nennt er die Auseinandersetzung um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage für Atombrennstäbe in Wackersdorf. Dazu kam das Engagement gegen Kernkraft insgesamt, gegen den Golfkrieg und gegen Neonazi-Aktivitäten.

Eine klassisch grün-linke Biografie, und in der Tat sagt Wirth: "Heute sehe ich die Piratenpartei als das, was einst die Grünen waren - einen Vertreter für Bürgerrechte und als Hort politischer Kultur." Inzwischen seien die Grünen "ohne große Ideale", kritisiert Wirth, der auch im Chaos Computer Club aktiv war.

"Wir haben ein schwieriges Jahr hinter uns", sagt er. Viele Piraten seien ausgebrannt, müde, enttäuscht vom Misserfolg bei der Bundestagswahl. In seiner Bewerbungsrede zeigt sich der Vater eines einjährigen Sohnes optimistisch, was die Zukunft der Piraten angeht: "Wir haben viel zu bieten." Ausdrücklich nennt er die Forderung nach einem bedingungslosen Grundeinkommen. "Darüber müssen wir Diskussionen anstoßen."

Nach der Wahl Wirths wurde noch Caro Mahn-Gauseweg, 32, zur Stellvertreterin bestimmt. Die Diplom-Ingenieurin aus Sachsen erhielt 532 von 892 gültigen Stimmen.

Zu Beginn des Treffens hatten die Mitglieder bereits beschlossen, ihren Vorstand auch künftig nicht mit einem Gehalt auszustatten. Sie beschlossen lediglich einen finanziellen Ausgleich für Vorstandsmitglieder, die auf Sozialleistungen angewiesen sind.

Der Kongress verabschiedete auch eine Reform der Parteispitze. Demnach soll es künftig keine Beisitzer mehr geben, sondern Stellvertreter der wichtigsten Positionen wie Vorsitz, Geschäftsführer, Schatzmeister und Generalsekretär. Dies soll die geforderte Professionalisierung der Parteiarbeit voranbringen.

Der scheidende Vorsitzende Schlömer warb dafür, die neue Parteispitze mit einem "Vertrauensvorschuss" auszustatten. Bevor Kritik am Vorstand geäußert werde, sollte zunächst nachgedacht werden. "Die neuen Kollegen werden es nicht einfach haben."

otr/dpa



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bonusbonus 30.11.2013
1. optional
Ich hoffe sie schaffen es noch. Für mich sind die Piraten neben der Linken die einzige unter den bekannteren Parteien mit erstrebenswerten Idealen und einem Sinn für die derzeitigen globalen Entwicklungen, ohne diese Machtgier und Angst vor Veränderung/Fremdem/Fremden die man bei den anderen Parteien immer wieder mal durchblitzen sieht.
hartwurzelholz 30.11.2013
2. Die Machtgier...
...kommt schon noch, wenn sie tatsächlich mal an den Hebeln sitzen. Davor ist keiner gefeit, auch kein Pirat. Und was die Veränderung angeht.. Wir haben einen sehr hohen Lebensstandard in Deutschland: Sicherheit, soziale Absicherung, brummende Wirschaft, unabhängige Justiz, funktionierende Gesundheitssysteme. Alles mit Weltspitze. Wollen wir das wirklich durch experimentelle Piraten-"Revolutionen" aufs Spiel setzen? Allein das bedingungslose Grundeinkommen... Was, wenn plötzlich die Hälfte aller Arbeitnehmer nicht mehr arbeiten geht, weil es ihm einfach reicht? Wichtige Fachkräfte gehen noch zweimal die Woche kellnern und chillen den Rest der Zeit (würd ich mir auch ernsthaft überlegen). Dann der Rest des Piratenprogramms: Wenn sich plötzlich alle 18-jährigen völlig legal die Birne wegkiffen und verblöden oder abhängig werden? Wenn sich plötzlich jeder Asylbewerber nach Deutschland klagen kann, plus Wohnung in der Innenstadt plus freiem Internet. Nee, an sich lobenswerte Ideale und guter Wille hin-, oder her, die bleiben besser ne Nischenpartei.
awbferdi 30.11.2013
3. Alles Fleisch vom Fleisch der SPD
Zitat von hartwurzelholz...kommt schon noch, wenn sie tatsächlich mal an den Hebeln sitzen. Davor ist keiner gefeit, auch kein Pirat. Und was die Veränderung angeht.. Wir haben einen sehr hohen Lebensstandard in Deutschland: Sicherheit, soziale Absicherung, brummende Wirschaft, unabhängige Justiz, funktionierende Gesundheitssysteme. Alles mit Weltspitze. Wollen wir das wirklich durch experimentelle Piraten-"Revolutionen" aufs Spiel setzen? Allein das bedingungslose Grundeinkommen... Was, wenn plötzlich die Hälfte aller Arbeitnehmer nicht mehr arbeiten geht, weil es ihm einfach reicht? Wichtige Fachkräfte gehen noch zweimal die Woche kellnern und chillen den Rest der Zeit (würd ich mir auch ernsthaft überlegen). Dann der Rest des Piratenprogramms: Wenn sich plötzlich alle 18-jährigen völlig legal die Birne wegkiffen und verblöden oder abhängig werden? Wenn sich plötzlich jeder Asylbewerber nach Deutschland klagen kann, plus Wohnung in der Innenstadt plus freiem Internet. Nee, an sich lobenswerte Ideale und guter Wille hin-, oder her, die bleiben besser ne Nischenpartei.
Alles Fleisch vom Fleisch der SPD. Die Linke, die Grünen, nun auch noch die Piraten sind alle ideologisch Kinder der SPD. Das so genannte "Linke Lager" müsste eigentlich auch die Regierung stellen, denn es hat die Mehrheit der Sitze. Die so genannte "Linke" ist aber in sich so zerstritten, dass man mit denen keinen Staat machen kann. Himmel hilf. Zerstritten – das war seit ewigen Zeiten so. Und es ist keine Besserung in Sicht. Das liegt aber nicht an der SPD. Grüezi. F.
schattenplateau 30.11.2013
4. Man kann ja von den Piraten halten was man will, aber...
Die kriegen wenigstens ihre Vollpfosten aus den höchsten Ämtern wieder raus. Davon können SPD (Gabriel, Steinmeier), Grüne (Roth, Künast, Jürgen Trettin) und CDU (Friedrich, Pofalla) nur träumen. Sowas geht halt nur, wenn man strukturell auf das basisdemokratische Netzwerk statt die hierachische Machtpyramide setzt.
Peter Werner 30.11.2013
5.
Die Piraten sehe ich ähnlich wie die Linke und die FDP. Teilweise gute Ansätze, teilweise Handlung aus echter Überzeugung. Jedoch auch: teils hoffnungslose Naivität (Linke, Piraten), grün hinter den Ohren (Piraten) und hoffnungslos korrupt (FDP). Was den Piraten zusätzlich fehlt, sind führende Köpfe mit Wiedererkennungswert. Derzeit Fehlanzeige. Aber ebenso wie der Linken und der FDP würde ich den Piraten einen Einzug in den Bundestag gönnen. Einfach, um ein bißchen gegen den Strom zu schwimmen, Frische Ideen einzubringen und Dinge wie die Vorratsdatenspeicherung anzuprangern / zu verhindern. Mehr jedoch nicht. Für eine Regierungsbeteiligung (zumindest auf Bundesebene) sehe ich alle 3 Parteien derzeit als ungeeignet.
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