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Aufgestiegen, abgestiegen: Was wurde eigentlich aus... der Piratenpartei?

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Weisband, Ponader und Co.: Was einstige Promi-Piraten heute machen Fotos
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Sie haben sich im Rekordtempo selbst erledigt - und sind doch nicht ganz weg: Was ist von den Piraten übrig, wie leben einstige Partei-Promis heute?

Die Recherche-Serie
Über viele Nachrichten und Menschen wird eine Zeit lang sehr ausführlich berichtet - dann verschwinden sie wieder aus den Schlagzeilen. Wie entwickeln sich die Themen weiter, was wurde aus den Personen? Das erklären wir in dieser Serie.
Alle bisherigen Beiträge der Serie finden Sie hier.

Berlin - "Bye-bye, Piratenpartei", schrieb SPIEGEL ONLINE im Februar 2013. Der Abgesang mag leicht verfrüht gewesen sein, denn kurz danach versuchten es die Piraten noch einmal mit einem Bundestagswahlkampf. Es blieb aber beim Versuch, sie holten nur 2,2 Prozent. Spätestens nach diesem letzten, erfolglosen Aufbäumen war klar: Es ist aus.

Mittlerweile ist die Marke Piratenpartei verbrannt, kaum jemand fragt noch nach der Meinung ihrer Vertreter. Ehemals engagierte Piraten, die einen Frischekick für die Politik versprachen, sind entweder ausgetreten oder verstummt. Hatte die Partei vor zwei Jahren 35.000 Mitglieder, sind es inzwischen 28.000 registrierte Piraten.

Aufgelöst hat sich die Partei bislang trotzdem nicht. Wohl auch, weil den Piraten mehr als eine Million Euro an staatlicher Parteienfinanzierung zustehen. In vier Länderparlamenten sitzen kleine Fraktionen, auch die 16 Landesverbände existieren noch. Bei den Landtagswahlen in Thüringen, Brandenburg und Sachsen treten die Piraten voraussichtlich an. Aussicht auf Erfolg gibt es nicht, stattdessen hat die Alternative für Deutschland (AfD) gute Chancen.

Mitunter findet man unter Piraten noch einen Funken Leidenschaft für Themen, die sie einst selbstbewusst besetzen wollten: digitaler Wandel, Datenschutz und Urheberrecht. Doch die Partei driftet schleichend auseinander, es überwiegen Streitereien und Skandälchen, die Spitze wird ständig ausgewechselt. Was ist von der Partei übrig? Und wie leben frühere Piraten-Promis heute? Ein paar Antworten:

1. In Brüssel hält eine Piratin die Stellung

Piratin Reda: Gemäßigtes Überbleibsel der Partei Zur Großansicht
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Piratin Reda: Gemäßigtes Überbleibsel der Partei

Im Mai zog die Hessin Julia Reda als einzige Abgeordnete der Piratenpartei ins Europaparlament, seitdem verbringt die 28-Jährige viel Zeit in Meetings und Zügen. Reda ist sozusagen das gemäßigte Überbleibsel der Piraten: Sie hielt sich selbst in den chaotischsten Phasen der Partei zurück, arbeitete sich stattdessen in ihre Themen Urheberrecht und Netzneutralität ein und hospitierte im Büro ihrer Vorgängerin, der Schwedin Amelia Andersdotter.

Die Piratin möchte das Image des EU-Parlaments verjüngen und öffnen: Ihr neues Leben als Abgeordnete feierte sie mit einem Tanz-Gif. Seit dem ersten Sitzungstag twittert Reda aus dem Sitzungssaal, veröffentlicht Blogposts und Podcasts ("Reda's Digest"). Um dem Einzelkämpfer-Schicksal zu entgehen, hat sich Reda der Grünen-Fraktion angeschlossen, wo sie zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt wurde.

2. Frühere Vorstände leben heute entspannter

Ex-Geschäftsführer Ponader: Glücklich mit Katze Zur Großansicht

Ex-Geschäftsführer Ponader: Glücklich mit Katze

"Butter bei die Fische: Die Piratenpartei hat es hinter sich", schreibt das ehemalige Vorstandsmitglied Klaus Peukert in seinem Blog. Peukert hat die Piraten verlassen und arbeitet als Schiedsrichter im Amateurfußball. Die frühere Geschäftsführerin Marina Weisband lebt von Gastbeiträgen, Lesungen und Auftritten. Sie schreibt und spricht über Datenschutz oder die Ukraine-Krise, nur selten über die Piraten. Ihr Nachfolger Johannes Ponader arbeitet für einen Piraten-Abgeordneten im Kieler Landtag und widmet sich ansonsten Kunstprojekten und seiner Hauskatze.

Ponaders Erbin im Amt, Katharina Nocun, organisiert Kampagnen für die Protestplattform Campact. Und Ex-Piratenchef Bernd Schlömer wirkt deutlich entspannter als zu Amtszeiten. Die Pendelei zwischen Hamburg und Berlin hat er aufgegeben, stattdessen twittert er nun Fotos von Angelkursen und Bieren am See. Seinen Job als Regierungsdirektor im Verteidigungsministerium macht er weiterhin. Es scheint, als hätten sich frühere Piraten-Promis mit dem Schicksal ihrer Partei abgefunden. Was anderes bleibt ihnen auch nicht übrig.

3. Die Berliner erwägen eine Abspaltung

Berlin Piraten-Abgeordnete: Mit ihnen fing alles an Zur Großansicht
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Berlin Piraten-Abgeordnete: Mit ihnen fing alles an

Es kommt einem vor wie eine Ewigkeit: Im Spätsommer 2011 eroberten die Piraten erstmals ein Landesparlament. Damit etablierten sich nicht nur 15 Piraten-Abgeordnete, sondern auch Regenbogen-Haare und MacBooks im Berliner Abgeordnetenhaus. Die Fraktion gibt es noch immer, doch ein Wiedereinzug ist ungewiss.

Weil man in Berlin unzufrieden ist über den neuen Bundesvorstand, erwägt man im Berliner Landesverband sogar eine Abspaltung von der Bundespartei. Eine Mehrheit dafür gibt es bislang nicht, außerdem wäre so ein Prozess juristisch höchst kompliziert. Aber allein die Debatte darüber befeuert einen alten Flügelkampf zwischen konservativen und linksgerichteten Piraten.

Ausgetragen wird der Zoff in aller Öffentlichkeit. Berlin wirft der Bundespartei vor, die Lage mutwillig eskalieren zu lassen. Der Bundesvorstand wiederum beschuldigt Berlin, mit Stimmungsmache die Partei schädigen zu wollen. Nachverfolgen kann man alles live im Internet. In dieser Hinsicht ist bei den Piraten alles beim Alten geblieben.

Zur Autorin
Jeannette Corbeau
Annett Meiritz ist Politik-Redakteurin im Parlamentsbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Annett_Meiritz@spiegel.de

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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1. Ohne den Artikel gelesen zu haben...
tsunami69 24.07.2014
würde ich folgende Anamnese stellen: Idealisten haben in der Politik nichts verloren. Es sei denn, es handelt sich um Wendehälse (Grüne ). Für die Politik geschaffen sind ausschließlich Psychopathen. Und 40 % unserer Mitmenschen, vor allem in Führungspositionen, sollen hier angesiedelt sein... Dass Israel angeflogen werden soll - wie unsere Politiker fordern -, zeugt genau von diesem "Potential". Es geht nicht um Menschen, sondern um Bilder, die es darzustellen gilt. Das gab es auch in der DDR und entsprechende Pläne wurden zu 150 % übererfüllt. Die Quote spreche ich dem System auch hier nicht ab. Aber den Glauben, dass die Bevölkerung für genauso dumm verkauft werden kann.
2. Probleme der Piraten?
Mac_Beth 24.07.2014
Ein Fehler der Piratenpartei war, dass sie sich von ihren ursprünglichen Kernthemen zu schnell und zu weit entfernt hatte, wie z.B. eine Digitale Agenda, Netzfreiheit, weniger Überwachung, usw... Stattdessen haben sie versucht sich besonders weit links zu positionieren. Noch eine linke Partei braucht die Republik nicht, außerdem wählen sie da lieber die "Originale" von SPD oder Die Linken. Darüber hinaus sehe ich einen Grund für das schnelle Einbrechen in der vorherrschenden Mentalität. Die Piraten kommen zu einem großen Anteil auch aus dem digitalen Teil der Gesellschaft. Wer selbst schon einmal online Spiele gespielt hat, wird wissen was in "Gilden" oder "Clans" für Zustände herrschen können. Kaum gesunde Diskussionskultur, Rechthaberei, oder Uneinsichtigkeit. Die selbe Mentalität wurde mit in das reale Leben mitgenommen. Hier funktioniert das nur leider nicht.
3. Wie scheinheilig
wanttobelieve 24.07.2014
Der Spiegel war doch damals ganz vorne mit dabei, als es darum ging, die Piraten von allen Seiten zu torpedieren. Und jetzt so einen heuchlerischen Abgesang, das nenne ich scheinheilig!
4. Wers wissen will
Progressor 24.07.2014
Die Piratenpartei ist an folgenden Dingen gescheitert: 1. Die Meinungsbildung in einer Partei kann sich immer nur von oben nach unten vollziehen. Basisdemokratie geht nicht, das haben die Grünen schon erfahren müssen. 2. Es können Mitglieder, die weder willens noch in der Lage sind sich in Sachfragen einzuarbeiten, nicht gleichberechtigt an parteiinternen Abstimmungen beteiligen werden und so unbedarft monatelange Absprachen in den Fachschaften übersteuern. 3. Die Möglichkeit über das Web sich an Abstimmungen zu beteiligen wurde nicht zufriedenstellend gelöst. 4. Die Antwort auf die Kernfrage Urheberrecht im Web konnte nicht gefunden werden. 5. Wenn eine Partei schon grundsätzlich kein Profil in Sachfragen hat, dann eröffnet das Grabenkämpfe auch und vor allem in makroökonomischen Fragen, die bei allen Beteiligten nur noch Frust zurücklässt.
5. Entbehrlich
mont_ventoux 24.07.2014
Zitat aus der Unterschrift zu Bild 10: „Mittlerweile ist die Marke Piratenpartei verbrannt, kaum jemand fragt noch nach ihrer Meinung“. Das Problem ist, dass die Piraten zu vielen Themen der realen Welt überhaupt gar keine Meinung hatten. Was blieb war immer das diffuse Bild einer „Linkspartei mit Netzanschluss“. Sowas braucht kein Mensch.
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