Julia Schramm "Klick mich"-Piratin im Shitstorm

Der Boulevard nennt sie "die gierige Piratin", Parteifreunde schimpfen noch übler: Über Julia Schramm fegt ein gigantischer Shitstorm hinweg. Grund ist ihr Buch "Klick mich" und dessen kommerzielle Vermarktung. Hat die Jungpolitikerin all die Häme verdient?

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dapd

Hamburg - Wie groß die Aufregung um das Büchlein einer jungen Piratin werden kann, zeigt die Seite zwei der größten Boulevard-Zeitung. "Die gierige Piratin" schreibt "Bild" und zeigt Julia Schramm mit großem Foto, an ihren Füßen glänzen rote Ballerinas. Im Text stellt die Zeitung die Frage: Ist sie "eine üble Verräterin"? Die Schwester-Zeitung "B.Z." schreibt zum Fall Schramm: "Was für ein kindischer, dummer, dreister, ganz verwirrter Auftritt!"

In der eigenen Partei sieht es nicht besser aus. Parteifreunde ätzen auf Twitter und in den Mailinglisten gegen Schramm, die im Bundesvorstand der Partei sitzt. Sie wird als "arrogant" und "dumm" beschimpft, als "Kommerzschlampe" und "Kackscheiße".

Was Schramm getan hat: Sie hat ein Büchlein namens "Klick mich. Bekenntnisse einer Internet-Exhibitionistin" veröffentlicht, für das sie wenig begeisterte Kritiken bekam. Und dann hat der Verlag der Piratin eine illegale Gratiskopie von "Klick mich" im Internet sperren lassen.

Seitdem tobt ein gigantischer Shitstorm, und daran ist Schramm nicht ganz unschuldig. Schließlich hat sie wiederholt gegen den Begriff "geistiges Eigentum" gewettert, eine Kampagne dafür als "ekelhaft" bezeichnet und vieles mehr. Und sie wollte Chefin einer Partei werden, die zwar für Urheberrecht, aber auch für freies Kopieren im Internet eintritt. Man wittert Doppelmoral.

Doch so eindeutig, wie es die Boulevard-Zeitungen und empörte Piraten glauben machen, liegt der Fall nicht. Zum einen mischt sich auch eine große Portion Neid in die Schmähwelle. Schramm, gerade einmal 26 Jahre alt, soll für ihr erstes Buch einen Vorschuss von 100.000 Euro bekommen haben.

Zum anderen hat der Mega-Shitstorm viel mit der Persönlichkeit Schramms zu tun, über die sich Piraten besonders gerne empören. Schramm, im Jahr 1985 geboren, im beschaulichen Hennef bei Bonn aufgewachsen, der Vater Ingenieur und die Mutter Hausfrau, bezeichnet sich selbst als "Politologin, Piratin, Publizistin" und auch gern als "Privilegienmuschi". Sie liebt solche provokanten Begriffe, die große Show.

Schramm reagiert mit einem Online-Pranger

Sie inszenierte sich mal als Vorturnerin einer datenschutzkritischen Gruppierung namens Spackeria und rief das Ende des Datenschutzes aus. Das haben ihr viele bis heute nicht verziehen. Selbst als sie ihre Hochzeit mit dem Berliner Piraten-Abgeordneten Fabio Reinhardt ankündigte, gab es eine Kritikwelle. "Wie rückständig", schleuderte ihnen Reinhardts Parlamentskollege Gerwald Claus-Brunner entgegen. Doch solch eine Schmähwelle wie in den vergangenen 48 Stunden hat sie noch nicht erlebt.

Ein Anruf bei Schramm am Mittwochmittag. Das Essen steht auf dem Herd, sie erzählt, wie sie mit den Angriffen umgeht. Und meldet sich später noch einmal: Nein, keine Zitate. Sie will erst mal nichts mehr öffentlich sagen. Die Heftigkeit des Echos hat sie wohl doch überrascht.

Auch ihre Reaktion auf den Shitstorm dürfte ihr weiteren Ärger einhandeln. Sie veröffentlichte Auszüge von Schmähmails und Hass-Tweets auf einem eigens dafür eingerichteten Blog. Man kann dort lesen, wie Leute sie als "Kommerzschlampe" und "heuchlerisches, hässliches Biest" beschimpfen, ihr "Geldgeilheit" und noch vieles mehr unterstellen. Schramm veröffentlichte manche Mails mit vollem Namen der Absender, teilweise war gar die Anschrift zu lesen - ein Online-Pranger. Inzwischen hat sie die identifizierbaren Angaben gelöscht.

Das ist ein Muster im öffentlichen Leben der Julia Schramm. Sie macht etwas Unüberlegtes, ändert es - und macht weiter. Immer wieder schleudert sie Ideen raus, feuert steile Thesen ab, zieht sie später zurück. Sie ist die Piratin der Schnellschüsse. Sie war erst lautstark gegen Datenschutz, dann bekannte sie sich dazu. Sie lehnt "geistiges Eigentum" als "Kampfbegriff" ab, aber nun, da es um ihre Autorinnenrechte geht, hält sie sich an die Gesetze. In ihrem Blog editiert sie ihre Einträge gerne nach.

Mal sagt sie das, mal jenes

Das Netz ist voller hinausposaunter Wahrheiten von ihr: "Ich war schon in der vierten Klasse gegen das dreigliedrige Schulsystem", sagte sie der "taz". Oder: "Mit den Anschlägen vom 11. September 2001 entschied ich mich gegen ein Leben im Hedonismus." Damals war sie 16.

Es gibt einen Artikel der "FAZ" aus dem April, in dem ihr vorgeworfen wird, ständig die Meinung zu ändern, nicht ehrlich zu sein. Der Artikel ärgert Schramm noch heute. Der Autorin erklärte sie ihre Meinungswechsel so: "In gewissermaßen hegelscher Dialektik befinde ich mich im Augenblick in der Negation der Negation." Man kann auch sagen: Mal sagt sie dies, mal das Gegenteil.

Und Schramm ist sehr offen. Auch wer ihr Buch nicht gelesen hat, weiß über Schramm, dass sie mal in Therapie war, in welcher Straße in Berlin sie wohnt, wie ihr Verlobungsring aussieht.

Insofern ist Schramms Buch, das nun als unzusammenhängend, wirr und exhibitionistisch beschrieben wird, nur konsequent. Es geht um Schramms Leben im Internet. So kommuniziert man online, so tun es die Piraten, und Schramm sowieso. Das ist jedenfalls nicht unehrlich.

Der Fall zeigt die Versäumnisse der Piraten

Es ist vielleicht zu wenig für ein gutes Buch. Aber genauso wäre es zu wenig für einen Mega-Shitstorm, eigentlich.

Doch die Empörung speist sich eben auch aus Schramms Amt als Piratenvorstand. Wer sich stets über die vermeintliche Copy-Kultur der Piraten entrüstete, sieht sich nun bestätigt. Hier zeige sich das wahre Gesicht der Freibeuter, gegen Copyright sein, aber selbst abkassieren, heißt es dann. Und deshalb fürchten viele in der Partei, Schramm könne die Piraten beschädigen.

In der Erregung zeigt sich auch: Wofür die Piraten in Sachen Urheberrecht eintreten, können sie auch ein Jahr nach ihrem Durchbruch nicht verständlich rüberbringen. Selbst in der Partei sind viele ahnungslos.

Das ist sicher nicht Schramms Fehler, doch sie hätte die Aufmerksamkeit nutzen können, um etwas überlegter klar zu machen, wofür sie persönlich und die Piraten kämpfen. Das hätte man gerne von ihr gehört. Wenn sie denn einen festen Standpunkt hat.

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insgesamt 180 Beiträge
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Seite 1
shokaku 19.09.2012
1. Hier könnte ein Titel stehen
Zitat von sysopdapdDer Boulevard nennt sie "die gierige Piratin", Parteifreunde schimpfen noch übler: Über Julia Schramm rollt ein gigantischer Shitstorm hinweg. Grund ist ihr Buch "Klick mich" und dessen kommerzielle Vermarktung. Hat die Jungpolitikerin all die Häme verdient? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856784,00.html
Who cares? Spätestens nächste Woche hat sich der shitstorm auf ein anderes Ziel verlagert, die 100.000 Ocken aber bleiben.
Quagmyre 19.09.2012
2. Häme
Zitat von sysopdapdDer Boulevard nennt sie "die gierige Piratin", Parteifreunde schimpfen noch übler: Über Julia Schramm rollt ein gigantischer Shitstorm hinweg. Grund ist ihr Buch "Klick mich" und dessen kommerzielle Vermarktung. Hat die Jungpolitikerin all die Häme verdient? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,856784,00.html
Wenn's um Geld geht, knicken alle ein. Deshalb: ja.
titanic75 19.09.2012
3. Wie im realen Leben gilt es auch im Internet:
Es denken, dann twittern! PS: Die Dame mag noch ein wenig unerfahren sein, aber ich bin mir sicher: So einen Shitstorm hätte es ohne die 100.000 Euro Neider nie gegeben.
Michael Schmitt 19.09.2012
4. Jetzt fällt leider auch der Spiegel auf Julia Schramms
Meinungsänderungen rein. Sie sagte ganz buchstabengetreu, dass sie es "ekelerregend" findet, wenn Autoren und Verlage gegen illegale Downloads vorgehen. Nachzuhören im O-Ton zum Beispiel hier: http://dermusikpartisane.wordpress.com/2012/07/20/being-julia-schramm/ Die nachträgliche Interpretation, dass sie nur "den Begriff" oder "eine Kampagne" kritisieren wollte, verbreitet sie selbst seit gestern. Eine lustige Neuinterpretation, um Schaden abzuwenden.
loops-2000 19.09.2012
5. Charakter ...
Ja was soll man sagen? Das ist einfach charakterschwach und schon gar keine gute Werbung für ihr Buch. Solche Persönlichkeiten braucht die Piratenpartei nicht.
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