Pizza-Connection Die schwarz-grüne Geburtsrunde

Sie provozierten Spott und Protest: Mitte der Neunziger trafen sich Christdemokraten und Grüne in Bonn beim Italiener. Ihre "Pizza-Connection" - damals ein Tabubruch. Heute hoffen sie auf die erste schwarz-grüne Koalition in Hamburg. Acht Gründungsmitglieder erinnern sich auf SPIEGEL ONLINE.

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Berlin - Eigentlich wollten sie unter sich bleiben. Doch ausgerechnet Juliane Weber saß an diesem Abend im Juni 1995 an einem der Tische vor der Küche des "Sassela". So sah die Chefsekretärin von Helmut Kohl, wie rund ein Dutzend junge Bundestagsabgeordnete von CDU und Grünen an ihr vorbeizogen. Sie gingen durch die Küchentür, um anschließend im tiefer gelegenen Weinkeller zu entschwinden.

Schwarz-grüne Pizza-Kreation: Bunte Abende beim Edel-Italiener
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Schwarz-grüne Pizza-Kreation: Bunte Abende beim Edel-Italiener

Es war ein theaterreifer Auftritt, an den sich der heutige nordrhein-westfälische Familienminister Armin Laschet erinnert.

Webers Anwesenheit hatte immerhin einen Vorteil: Der Kanzler und CDU-Vorsitzende war im Bilde. Kohl ließ die Jungen gewähren. Dabei war das, was damals in Bonn geschah, eigentlich ein Tabubruch: Grüne und Christdemokraten gesellig an einem Tisch! Vierteljährlich traf sich die Runde im Keller des Italieners, misstrauisch beäugt von der eigenen Partei, vor allem aber von der starken Schwester im Süden. Es war CSU-Generalsekretär Bernd Protzner, der das Schlagwort erfand, das schließlich in die Geschichte einging: Man werde die "Pizza-Connection" aufmerksam beobachten.

Die Runde irritierte in der engen Bonner Welt. Am Rhein wurden damals noch ideologische Grenzen eingehalten - zumindest gegenüber den Schmuddelkindern linksaußen. Und das waren die Grünen. Man sah sich zwar in Ausschüssen und im Plenum. Auch war 1994 unter tatkräftiger Hilfe des damaligen Unions-Fraktionschefs Wolfgang Schäuble mit Antje Vollmer die erste Grüne zur Bundestags-Vizepräsidentin gewählt worden und damit der SPD einer der beiden Posten verlorengegangen, die sie bis dahin stets mit Parteigängern besetzt hatte.

Doch treffen? Bier miteinander trinken? Lachen? Plaudern? So viel Nähe war dann doch den Altvorderen suspekt. Die Gräben waren tief. Noch. Auch für die meisten Grünen. Der Kleinkrieg am Familientisch, den manche mit ihren CDU wählenden Eltern zu Hause pflegten, er fand in Bonn zumindest bei vielen älteren Semestern der in die Jahre gekommenen Alternativen seine Fortsetzung.

Bis einige Junge es einfach Leid waren, angeführt von Hermann Gröhe, damals 34, und Matthias Berninger, damals 24. Der eine bei der CDU, der andere bei den Grünen. Beide kannten sich aus der Zeit ihrer Jugendorganisationen. Sie waren es schließlich, die in Bonn die bunte Runde beim Italiener zusammenbrachten. Die Medien waren fasziniert, den Beteiligten war es recht. Sie wurden bekannt, hochgeschrieben, vor allem aber auch überschätzt. So, als würden sie am Holztisch im Keller die ersten schwarz-grünen Projekte schmieden. Zwar traten einige von ihnen gemeinsam auf, etwa in Sachen Klimaschutz, stritten auch für ein verändertes Staatsbürgerschaftsrecht - was vor allem den CDU-Pizza-Freunden wenig Sympathie in den eigenen Reihen einbrachte. Doch eigentlich waren es eher gesellige Abende, die da veranstaltet wurden. Vertrauensbildende Maßnahmen, die sich irgendwann auszahlen würden. "Das Politische war eigentlich das Unpolitische", sagt heute Eckart von Klaeden, einer der ersten CDU-Politiker in der Runde.

Auffallend ist: Viele in der CDU, die damals dabei waren oder später hinzustießen, sind heute aufgestiegen - und stellen die "Generation Merkel" in ihrer Partei - in ihrem Kern liberale Reformer: Armin Laschet, Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen; Andreas Krautscheid, NRW-Europa- und Bundesminister; Norbert Röttgen, Parlamentarischer Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag; Peter Altmaier, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium; Ronald Pofalla, CDU-Generalsekretär; Andreas Storm, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesforschungsministerium; Hermann Gröhe, CDU-Justitiar in der Unions-Bundestagsfraktion; Eckart von Klaeden, CDU-Bundesschatzmeister und Außenpolitiker seiner Fraktion; Thomas Rachel, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesbildungsministerium.

Auf Seiten der Grünen-Erstlinge haben sich hingegen die Reihen deutlich gelichtet. Manche sind aus dem Politikbetrieb gänzlich ausgestiegen: Berninger, einst parlamentarischer Staatssekretär, ging in die Wirtschaft; Ex-Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer ist publizistisch tätig, Oswald Metzger mittlerweile aus der Partei ausgetreten. Andere wie Cem Özdemir, früher im Bundestag, sitzt heute im Europaparlament; Volker Beck ist Fraktionsgeschäftsführer im Bundestag; Steffi Lemke Bundesgeschäftsführerin, Antje Hermenau wurde nach ihrer Zeit im Bundestag Grünen-Fraktionschefin im Sächsischen Landtag.

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Armin Laschet, Integrationsminister in Nordrhein-Westfalen Mehr...


Hermann Gröhe, Justitiar der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Mehr...


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Eckart von Klaeden, Außenpolitischer Sprecher der Unionsfraktion Mehr...


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Andreas Storm, CDU, Parlamentarischer Staatssekretär Mehr...


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Volker Beck, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion Mehr...


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Cem Özdemir, Grünen-Abgeordneter im Europaparlament Mehr...


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Steffi Lemke, Bundesgeschäftsführerin der Grünen Mehr...


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Margareta Wolf, Ex-Bundestagsabgeordnete der Grünen und Ex-Staatssekretärin Mehr...


Mit Rot-Grün und dem Wechsel des Parlaments und der Regierung nach Berlin schlief die Runde langsam ein. Bis im vergangenen Jahr Gröhe und Margareta Wolf - einst parlamentarische Staatssekretärin in der Ära Schröder/ Fischer und jetzt in der Wirtschaft - sie wiederbelebten. Heute regen ihre Treffen - unter anderem im "Le Cochon Bourgeois" ("Das bürgerliche Schwein") in Berlin-Kreuzberg - niemanden mehr auf. Schwarz-Grün ist kein Horrorszenario, sondern Teil des sich abzeichnenden neuen Farbenspiels. Schon lange vor der Hamburg-Wahl hatten manche in der Pizza-Connection gehofft, was sich nun an der Elbe zu vollziehen scheint - eine Koalition auf Landesebene. In der neuen Runde war am Anfang auch die Hamburger Grünen-Chefin Anja Hajduk mit dabei - den letzten beiden Sitzungen vor dem Urnengang blieb sie aber fern.

Von Bonn nach Hamburg - und vielleicht darüber hinaus? Hoffnungen verbinden sich für manche, die einst am Rhein in der "Pizza-Connection" saßen, mit den Lockerungsübungen. Der parlamentarische Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, Andreas Storm (CDU), sagt, Hamburg könne "ein Quell für neue, innovative Ideen werden. Warten wir es ab!"



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Seite 1
freqnasty, 26.02.2008
1.
das hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
BillBrook 26.02.2008
2.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Stimmt, da es die CDU dort nicht gibt. Aber im Ernst, abgesehen davon, dass die CSU auf absehbare Zeit keinen koalitionspartner brauchen wird, könnte ich es mir auch dort vorstellen. Die CSU ist im Zweifel flexibler als man glaubt.
Rasmuss 26.02.2008
3.
ich glaube die Parteien fügen sich beide durch diese Farbenlehre schweren Schaden zu. Man sollte die Mitglieder befragen, mehrheitlich wird es da nur Ablehnung geben außer es sind wohlhabende Großstadturbaner mit einer sentimentalität für grüne Herzensthemen.. Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Gibt es sie überhaupt? Das Thema der CDU ist Wirtschaft. Grüne Themen sind Umwelt, Bildung, Familie, Energie, Nachhhaltigkeit. Oder sehe ich zu sehr schwarzgrün.. ;) Aber sollen sie nur machen, SG geht vielleicht 2 Jahre gut danach gibt es Neuwahlen, die werden dann die GAL vergeigen so mit 5,5 % und die CDU mit 37%. Dann gibt es nur noch eine Option Rot/Rot/Grün.
Klo, 26.02.2008
4.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Das ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Aber warten wir mal ab, bis die Bayern es nötig haben. Dann werden die Karten nämlich neu gemischt. Man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem die CSU mal einen Koalitionspartner sucht.
perpendicle, 26.02.2008
5.
meine Visionen habe ich ja bereits gestern beschrieben. Diese verbindung ist aber nun wirklich etwas, was man nur als so etwas wie Mittel der Machterhaltung um jeden Preis beider Parteien bezeichnen kann, nachdem sich nun ja auch in Hamburg 5 Parteien ergeben haben und damit auch die Chancen jeder einzelnen Partei schwinden eine absolute Mehrheit zu bekommen. Wenigstens hat die CSU hier in München nunmehr ihr Wahlplakat entfernt, auf dem sie " mehr geschlossene Einrichtungen für gewaltbereite Jugendliche(!) verspricht. Derselbe Kandidat wirbt jetzt- nach alter CSU Manier wieder für die "starke Wirtschaft sichere Arbeitsplätze" .Das eine ist- so weit ich es zu beurteilen vermag nicht mehr- das andere immer noch nicht und schon gar nicht bundesweit vorhanden.
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