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Plädoyer für mehr Kinder: Macht Liebe!

Von Tobias Kaufmann

Sie sind verrückt nach Sex - pflanzen sich aber nicht gerne fort. Die Deutschen bekommen so wenig Kinder, weil Babys einfach ein schlechtes Image haben. Das muss sich ändern!

Die Deutschen sind verrückt nach Sex, aber sie pflanzen sich nicht gerne fort. Das zeigt schon ein schneller Blick auf die Zeitschriftentitel am Kiosk. Für mich zum Beispiel wäre es unabdingbar, gesund zu essen, mein Workout zu forcieren und mit frischem Waschbrettbauch attraktiven Ladys nachzustellen. Dank hervorragender Orgasmustipps würde ich sie alle glücklich machen. Nur schwängern soll ich sie nicht. Denn das Ergebnis wären Kinder, und Kinder sind die Problemzone des modernen Menschen. Sie kosten Geld, kosten die Karriere, kosten Nerven, weil sie krank werden und sich im Restaurant daneben benehmen. Kinder sind so furchtbar, dass Vermieter das Recht haben, Familien mit Nachwuchs abzulehnen - was sie sich gegenüber Schwulen oder Schwarzen nicht erlauben dürften, jedenfalls nicht offen.

Säugling: Nur ein Viertel der befragten Männer und Frauen erwartet durch Kinder mehr Lebensfreude und Zufriedenheit
REUTERS

Säugling: Nur ein Viertel der befragten Männer und Frauen erwartet durch Kinder mehr Lebensfreude und Zufriedenheit

Nirgends in Europa ist der Kinderwunsch so gering ausgeprägt wie in Deutschland, ergab 2006 eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Im Schnitt möchten deutsche Frauen 1,75 Kinder haben, deutsche Männer 1,59 - die reale Kinderrate liegt bei 1,37 pro Frau. Deshalb stirbt Deutschland in den Medien regelmäßig aus, und eine Familiendebatte jagt die andere. Derzeit streitet sich die Große Koalition, ob es wirklich sein muss, mehr Geld für Betreuungsangebote auszugeben. All diese Debatten verlaufen ähnlich: Als erstes sind die Frauen schuld. Entweder sind sie zu emanzipiert oder nicht emanzipiert genug. Dann fällt irgendjemandem auf, dass die Zahl der kinderlosen Männer höher ist als die der kinderlosen Frauen, zumindest in der Generation der 35- bis 40-Jährigen. Also kriegen die Männer ihr Fett weg. Die "Brigitte"-Redakteurin Meike Dinklage hat sogar ein Buch über den Missstand geschrieben. "Der Zeugungsstreik" heißt es, so als sei Vater werden etwas Dienstliches. Am Ende einigt man sich dann darauf, dass der Staat schuld ist, weil er zu wenig Geld in Familien investiert.

Aber wer das Thema so anpackt, braucht sich nicht zu wundern. Je nervtötender die Forderung durch die Medien schwappt, die Kinderlosen mögen endlich für die Zukunftssicherung des deutschen Volkes zur Zeugung schreiten, desto abschreckender wird diese Vorstellung. Denn die Nebenwirkung der Familiendebatten ist, dass menschlicher Nachwuchs ausschließlich als eine Population von Problembabys gewertet wird.

Nur ein Viertel der befragten Männer und Frauen erwartet durch Kinder mehr Lebensfreude und Zufriedenheit, zeigt die Studie des Bevölkerungsinstituts. Daran sind auch die Wohlmeinenden schuld. Die Konservativen zum Beispiel, die die Mutterschaft heroisieren, als handele es sich um eine Art Heldentod auf dem Schlachtfeld. Vor allem aber die Wohlfahrtsstaat-Materialisten, die glauben, man könne die Geburtenrate durch Bestechung aufpolieren. Die Statistik sagt, dass das nichts bringt. Wie denn auch? Kinder bekommt man gezielt oder aus Versehen - aber nicht, weil es nebenan Krippenplätze für umsonst gibt.

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