Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Plagiatsaffäre: Bayreuther Professor rechnet mit Guttenberg ab

Der Druck auf Karl-Theodor zu Guttenberg wächst massiv. Jetzt geißelt ausgerechnet der Nachfolger seines Doktorvaters den Minister als Betrüger. Jura-Professor Lepsius stellt die entscheidende Frage: "Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen?"

Karl-Theodor zu Guttenberg: Ist der Verteidigungsminister ein Blender? Zur Großansicht
dapd

Karl-Theodor zu Guttenberg: Ist der Verteidigungsminister ein Blender?

Hamburg - Oliver Lepsius ist nicht irgendein Professor. Nein, er ist der Nachfolger von Peter Häberle, dem renommierten Staatsrechtler und, nun ja, gedemütigten Doktor-ade-Vater von einem gewissen Karl-Theodor zu Guttenberg.

Es scheint, als schäume der 1964 geborene Lepsius von Tag zu Tag mehr. Während die Kanzlerin den Verteidigungsminister in Schutz nimmt, die Opposition Guttenbergs Rücktritt fordert und die Bevölkerung nur vorsichtig auf Distanz zum einstigen CSU-Strahlemann geht, profiliert sich Lepsius zusehends als derjenige, der am wenigsten Rücksicht auf Amt und Würden des adligen Ministers nimmt.

In einem Interview mit dem Bayerischen Fernsehen attackierte der Professor Guttenberg so scharf wie niemand vor ihm: "Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Niemand hätte sich vorstellen können, mit welcher Dreistigkeit hier ein Plagiat eingereicht wird. Es ist ein Ausmaß an Dreistigkeit, das wir bisher nicht gesehen haben", beschrieb er frei von Beschönigung Guttenbergs sogenannte Doktorarbeit.

"Von Anfang an als Collage geplant"

Für Lepsius steht außer Frage, dass der Baron ein Betrüger ist: "Er hat planmäßig plagiiert, er hat eine Collage von Plagiaten angefertigt, über Hunderte von Seiten, und er glaubt, er hat es nicht getan, er stellt eine Dissonanz fest zwischen dem, was er objektiv getan hat, und dem, was er subjektiv getan haben will. Das ist absurd." Und dann stellt Lepsius die Fragen, die in den kommenden Wochen durchaus noch eine zentrale Rolle spielen könnten: "Wie kann jemand etwas tun und nicht wissen, was er tut? Woher kommt diese Fehleinschätzung des Ministers über sein Handeln?"

Guttenberg hat sich bisher gegen den Vorwurf des Vorsatzes verwahrt und lediglich "gravierende handwerkliche Fehler" eingeräumt. Er betont stets, nicht wissentlich getäuscht zu haben, sondern bei der Vielzahl der Quellen den Überblick verloren zu haben. Alles angeblich ein Versehen.

Das will Lepsius nicht gelten lassen: "Jemand schreibt 400 Seiten, das ist von Anfang an als Collage geplant. Hier geht jemand bewusst vor, der Mann hatte einen bewussten Vorsatz des Plagiierens. Mir ist vollkommen schleierhaft, wie er diesen Vorsatz bestreiten kann." Süffisant fügt der Professor hinzu, ihn interessiere zu einem solchen Fall von Wirklichkeitsverdrängung die Einschätzung eines Psychologen.

Und dann höhnt der Professor: Käme ein Student zu ihm und würde behaupten, nicht bemerkt zu haben, wie viele Stellen er kopiert habe, würde Lepsius ihn auslachen. Guttenberg habe gewusst, was er getan habe. "Wir reden ja nicht über einen Studenten im zweiten Semester. Wir reden über jemanden, der eine Arbeit am Ende eines langjährigen Promotionsverhältnisses und nach jahrelangen Gesprächen mit dem Betreuer abgibt."

Für die Amtsführung Guttenbergs nicht irrelevant

Auch andere namhafte Juristen sehen die Beweise als erdrückend an, dass der Verteidigungsminister mit Vorsatz gehandelt hat. "Ich würde einem Kandidaten nicht glauben, der in so einem Fall behauptet, dass es bloße Fahrlässigkeit war", sagte der Kölner Strafrechtsprofessor Thomas Weigend dem SPIEGEL.

Der auf Streitereien um Examensarbeiten spezialisierte Rechtsanwalt Michael Hofferbert urteilte: "Kein Richter wird einem Kandidaten glauben, der über hundert Seiten seiner Doktorarbeit abschreibt und hinterher behauptet, er habe dies versehentlich getan." Der frühere Verfassungsrichter Winfried Hassemer sagte: Selbst wenn der faktische Beweis nicht vorliege, seien "Juristen gut darin geübt, den Vorsatz aus den äußeren Umständen einer Tat zu schließen".

Lepsius geht in seiner Kritik über die wissenschaftliche Dimension hinaus. Bundeskanzlerin Angela Merkel irre, wenn sie glaube, der Doktorgrad sei für die Amtsführung von Guttenberg irrelevant: "Entscheidend ist das Auseinanderfallen von der Wahrnehmung dessen, was er getan hat - und was er objektiv getan hat. Das ist die politische Dimension dieses Skandals."

Und weiter: "Das politische Berlin muss sich die Frage stellen, ob jemand das Amt des Verteidigungsministers ausführen kann, der x tut, aber in Abrede stellt, dass er x getan hat." "Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen?", fragt Lepsius rhetorisch.

"Nicht mit zweierlei Maß messen"

Zu der Frage, ob Guttenberg zurücktreten müsse, wollte sich Lepsius nicht als Wissenschaftler äußern: "Als Staatsbürger wünsche ich mir Minister, die wissen, was sie tun, und ein Verantwortungsgefühl für ihre eigenen Handlungen haben. Und die Art und Weise, wie der Minister in der letzten Woche mit der Causa umgegangen ist, lässt bei mir erhebliche Zweifel an seinen charakterlichen Fähigkeiten erkennen."

Auch Ernst-Ludwig Winnacker, Spitzenrepräsentant der deutschen Forschung und früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), äußerte sich sehr kritisch zu Guttenberg Plagiatsarbeit und warnte davor, die Affäre zu verharmlosen.

Man dürfe nicht mit zweierlei Maß messen, sagte er dem SPIEGEL. Eine Verkäuferin, die einen Bienenstich-Kuchen mitgehen lasse, werde entlassen, im Fall Guttenberg aber werde mit der individuellen Leistung und Ausstrahlung abgewogen. "Ich bin überrascht, dass eine solche Abwägung bei einer Kardinaltugend wie der Ehrlichkeit in einem so eindeutigen Fall stattfindet", sagte Winnacker. "Das ist für mich nicht verständlich."

Selbst Vertraute melden erste vorsichtige Zweifel an Guttenberg an - so der frühere Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) im Interview mit SPIEGEL ONLINE.

böl

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 810 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Plumpe Ablenkung
MeckiP 27.02.2011
Zitat von sysopDer*Druck auf Karl-Theodor zu Guttenberg wächst massiv. Jetzt geißelt ausgerechnet der Nachfolger seines Doktorvaters den Minister als Betrüger.*Jura-Professor Lepsius stellt die*entscheidende Frage: "Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen?" http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748009,00.html
Wenn die Uni Bayreuth zu Guttenberg ein "summa cum laude" verleiht, tut sie es dann auch - unbesehen - in anderen Fällen?
2. vielleicht wird mein Leserbrief ja diesmal veröffentlicht..
alexan- 27.02.2011
Sehr geehrte Redaktion des Spiegel Online, fassungslos verfolge ich nun schon seid Wochen Ihre Hetzkampagne gegen Herrn Guttenberg! Es ist in Ordnung darüber zu berichten, keine Frage! Aber: GIBT ES NICHTS WICHTIGERES AUF DIESER WELT????? Seit Wochen widmen Sie Ihren Leitartikel diesem Thema. Deshalb zweifle ich langsam an ihrer redaktionellen Fähigkeit, das Weltgeschehen nach RELEVANZ zu ordnen. „Die Welt brennt“, um es mal überspitzt zu formulieren!!! Und Ihnen fällt nichts besseres ein, als Herrn Guttenberg zu „zerstückeln“... Die Frage lautet: Würden Sie in ähnlich ausgeprägter Berichterstattung agieren und dem Thema solch große Aufmerksamkeit widmen, wenn ein besagter SPD oder Grünen Politiker involviert wäre???????? Wohl kaum. In diesem Sinne.. Ich empfehle Ihnen, sich nochmals die Schlagwörter „Gate-Keeper Funktion“ sowie ganz besonders die „Schweigespirale von Noelle-Neumann“ vor Augen zu führen und dementsprechend ihr journalistisches Verhalten zu überdenken... MfG
3. Schurke, nicht Trottel
Klaus von der Eck 27.02.2011
Zitat von sysopDer*Druck auf Karl-Theodor zu Guttenberg wächst massiv. Jetzt geißelt ausgerechnet der Nachfolger seines Doktorvaters den Minister als Betrüger.*Jura-Professor Lepsius stellt die*entscheidende Frage: "Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen?" http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,748009,00.html
Die Frage ist polemisch gemeint. Natürlich wusste Herr Guttenberg, was er tat. Die Anfertigung einer Doktorarbeit ist ein intensiver gedanklicher Prozess; dass hier ein Versehen derartigen Ausmasses unterläuft, ist schlechterdings nicht plausibel. Mit anderen Worten: Der Bundesverteidigungsminister ist kein Trottel, er ist ein Schurke. Was ja auch wieder etwas Tröstliches hat. Ein gesunder Schuss Machiavellismus empfiehlt zum Kanzleramt.
4. Prima!
sturz_der_wirklichkeit 27.02.2011
Langsam nehmen die 'Gebietsgewinne' der Aufständischen zu und es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit wie lange sich vonzu G. an der Macht halten kann. Da verteidigt einer bis zum Letzten seine sicher geglaubten Bastionen und zum Schluss wird doch nur noch sein Heimatdorf und die Hauptstadt-Clique zu ihm halten, kommt mir irgendwie bekannt vor ... hmmm.
5. Äußerungen nicht legitim
Letmather 27.02.2011
Es ist nicht Aufgabe von Herrn Lepsius, sich in dieser Weise einzumischen. Er ist hier persönlich nicht betroffen. Die Äußerungen sind nicht durch sein Amt als Hochschullehrer gedeckt. Er sollte sich hier zurückhalten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Merkels Regierung: Promovierte Kabinettsmitglieder


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: