Plagiatsvorwurf gegen Schavan: Operation Titelverteidigung

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Annette Schavan will kämpfen. Die Bundesforschungsministerin glaubt, dass von den Plagiatsvorwürfen gegen sie am Ende nichts übrig bleiben wird. Kanzlerin Merkel hält zu ihr - doch die Vertrauensbekundungen der Chefin sind politisch wenig wert.

dapd

Berlin - Angela Merkel ist es immer unangenehm, wenn sie den Eindruck hat, dass ihre ausländischen Gäste im Kanzleramt nicht ausreichend gewürdigt werden. So wie an diesem Montag. Bei allem Respekt vor Panamas Staatspräsident Ricardo Martinelli Berrocal, die heimischen Reporter interessiert weniger das kleine Land in Mittelamerika, sondern vielmehr die Zukunft von Annette Schavan, die wegen der Plagiatsvorwürfe um ihre Doktorarbeit in schwere Bedrängnis geraten ist.

"Die Ministerin hat mein vollstes Vertrauen", sagt Merkel etwas missmutig ob der unvermeidlichen aber unerwünschten Frage. Sie fügt noch etwas über die angekündigte Stellungnahme Schavans und die Unabhängigkeit der Universität bei der Prüfung hinzu. Dann: Noch andere Fragen? Man sei ja schon sehr im innenpolitischen Bereich angelangt. Sie lächelt gequält.

Vollstes Vertrauen - es ist das Höchstmaß an Rückendeckung, das Merkel der Bundesministerin für Bildung und Forschung derzeit geben kann. Eine Bewertung der Vorwürfe vermeidet die Kanzlerin, sie hat aus der Causa Karl-Theodor zu Guttenberg gelernt. Als ihr früherer Verteidigungsminister vor anderthalb Jahren um Doktortitel und Amt kämpfte, hatte Merkel noch flapsig erklärt, sie habe ja keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter angestellt. Der Satz flog ihr später als unangemessene Verharmlosung um die Ohren. Grund genug, jetzt vorsichtiger zu sein.

"Wenn sie ihren Doktortitel verliert, hat sie ein großes Problem"

Annette Schavan weiß, was sie von der Kanzlerin erwarten kann. Die beiden kennen sich lange. Sie sind nicht nur politische Weggefährten, die CDU-Frauen verbindet ein echtes Vertrauensverhältnis, Schavan gilt Merkel als wichtige Ratgeberin. Schon deshalb will die CDU-Vorsitzende ihre Parteifreundin nicht fallen lassen. Aber auch, weil ihr eine erneute Kabinettsumbildung kurz vor dem Wahlkampf höchst ungelegen käme - die Regierungsfähigkeit der schwarz-gelben Koalition würde wieder einmal in Frage gestellt.

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Umstrittene Doktorarbeit: Der Fall Schavan
Merkel glaubt Schavan, wenn sie sagt, der Vorwurf der "leitenden Täuschungsabsicht" in ihrer 32 Jahre zurückliegenden Promotionsarbeit sei aus ihrer Sicht nicht gerechtfertigt. Doch was hilft es? Noch steht nur die Einschätzung eines Gutachters im Raum. Doch die Glaubwürdigkeit der Ministerin droht schon jetzt Schaden zu nehmen. Und Schavan wird bewusst sein: Das vollste Vertrauen ihrer Chefin bedeutet nichts, wenn die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf dem Gutachten folgt. "Wenn sie ihren Doktortitel verliert, hat sie ein großes Problem", heißt es in der Unionsfraktion. Mit anderen Worten: Dann wird sie kaum Ministerin bleiben können.

Auch Guttenberg hatte seinerzeit schließlich das volle Vertrauen der Kanzlerin - eine Woche später trat er zurück. Unvergessen sind die Bilder, die zeigen, wie Merkel ihrer Vertrauten Schavan während einer Veranstaltung ihr Handy reicht - angeblich mit der SMS-Rücktrittbotschaft. Auf ihren Gesichtern ist ein maliziöses Lächeln zu erkennen. Schavan war es, die sich zuvor als erstes Regierungsmitglied offen von Guttenberg distanziert hatte.

Die Ministerin hat damit strenge Maßstäbe angelegt, an denen sie sich nun selbst messen lassen muss. Vor allem in der CSU gibt es noch einige enttäuschte Guttenberg-Fans, die nur darauf warten, Häme über Schavan ausgießen zu können. Das will die nun Verdächtigte unbedingt verhindern. Sie, die von Herkunft, Charakter und Politikstil kaum unterschiedlicher sein könnte, will nicht auf einer Stufe mit dem gestürzten Shootingstar landen - zumal der Fall Schavan, das sagen alle Experten, von Ausmaß und Qualität nicht mit dem Fall Guttenberg zu vergleichen ist.

Zurückhaltung bei der Opposition

Als großspurige Blenderin ist die gläubige Katholikin bisher wahrlich nicht aufgefallen, Schavan ist in Merkels Kabinett eine stille Arbeiterin, die mit dem angekündigten Rückzug aus der CDU-Führung ohnehin das Ende ihrer politischen Karriere eingeläutet hat. Nun graut ihr vor dem Gedanken, dass von ihrem Lebenswerk in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem eines übrig bleiben könnte: dass sie eine Täuscherin ist.

So weit ist es noch nicht. Selbst die Opposition verhält sich auffallend ruhig, Rücktrittsforderungen gibt es kaum. Nicht einmal SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, der mit Öl meist schnell zur Hand ist, wenn sich ein Feuer auftut, tut nicht mehr, als Aufklärung von der Ministerin zu fordern.

Der Schongang der Sozialdemokraten hat Gründe: Zum einen produziert Schavan weit weniger Widerspruch bei den Genossen, als dies einst bei Guttenberg der Fall war. Während der gefallene CSU-Star schon mit seinem selbstgewissen Auftreten viele Sozialdemokraten provozierte, haben SPD-Politiker vor allem auf Länderseite zur bodenständigen Bildungsministerin über die Jahre ein gutes Arbeitsverhältnis entwickelt.

Zum anderen hat die SPD auch taktisch gesehen wenig Interesse daran, dass Schavan ihren Posten verliert. Weil die Bildungsministerin nicht übermäßig viel Erfolge vorzuweisen hat, gilt sie vielen Sozialdemokraten als ungefährlich und mit der Debatte um ihre Dissertation als dankbarer Gegner im Bundestagswahlkampf. "Schavan nutzt uns mehr als sie schadet", sagt ein SPD-Stratege.

Von Schavan selbst ist am Montag erst einmal nichts mehr zu hören. Über ihren Sprecher lässt sie bekräftigen, dass sie in ihrer Doktorarbeit nicht getäuscht habe. In mehreren Zeitungen hatte die CDU-Politikerin zuvor Kampfeswillen gezeigt. "Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig, als mich zu wehren", wird sie zitiert. Sie gehe davon aus, dass von den Vorwürfen "nichts übrig bleibt". Sobald ihr die Uni Gelegenheit dazu gibt, will Schavan sich erklären. Die Operation Titelverteidigung hat begonnen - leicht wird sie nicht.

Der Promotionsausschuss der Philosophischen Fakultät wird sich am Mittwoch erstmals mit dem Gutachten befassen, das Schavan eine "plagiierende Vorgehensweise" unterstellt. Bis dahin will die Ministerin sich zu den Vorwürfen nicht weiter äußern - auch wenn sie hochgradig verärgert ist, dass sie von dem Gutachten im SPIEGEL lesen musste. Dennoch rieten ihr Vertraute am Wochenende dazu, "nicht zu laut zu werden, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, die Fakultät beeinflussen zu wollen". Stattdessen will Schavan nun Normalität demonstrieren. Am Dienstag startet sie zu einer zweitägigen Dienstreise nach Israel.

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insgesamt 160 Beiträge
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1. Ich fand Frau Dr.Schavan
plang 15.10.2012
immer überschätzt, ihr aber aufgrund einer noch inoffiziellen Bewertung, die ihr bis jetzt nicht einmal zur Kenntnis gebracht wurde, Glaubwürdigkeit abzusprechen (so Künast), widerspricht jeglichem Sinn für Fairness sie auch dem audiatur altera pars. Ähnlich scheint mir der Fall Kachelmann, auch wenn mir der Herr nicht besonders sympathisch und seine Gattin eher nichtssagend scheint, insofern gelagert, als er von geschäftiger wie gerichtlicher Seite unter Hilfenahme der Medien vorab desavouiert wurde. Man soll seine Dissertation selbst schreiben, und Mann soll Damen so behandeln, wie sie’s wünschen. Zweifellos aber öffnen gerade in letzterem Fall auch neue rechtliche Verfahrensweisen Tür und Tor für Mißbrauch in umgekehrter Richtung. Auch dies sollte Frau bekämpfen.
2. nach den jüngsten erfahrungen mit frau merkel...
spargel_tarzan 15.10.2012
Zitat von sysopdapdAnnette Schavan will kämpfen. Die Bundesforschungsministerin glaubt, dass von den Plagiatsvorwürfen gegen sie am Ende nichts übrig bleiben wird. Kanzlerin Merkel hält zu ihr - doch die Vertrauensbekundungen der Chefin sind politisch wenig wert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/plagiatsaffaere-das-vertrauen-der-kanzlerin-ist-fuer-schavan-wenig-wert-a-861355.html
kann eine 100%ige unterstützung durch die bundeskanzlerin wie ein mediales todesurteil verstanden werden, aktuelle beispiele sind karl-theodor zu guttenberg oder herr wulff.
3. schön wäre
kelukelu 15.10.2012
Zitat von spargel_tarzankann eine 100%ige unterstützung durch die bundeskanzlerin wie ein mediales todesurteil verstanden werden, aktuelle beispiele sind karl-theodor zu guttenberg oder herr wulff.
schön wäre es, wenn Merkels unendliche Kette an Fehleinschätzungen mal endlich Konsequenzen hätte.
4. ich schäme mich dafür, .............
daslästermaul 15.10.2012
Zitat von sysopdapdAnnette Schavan will kämpfen. Die Bundesforschungsministerin glaubt, dass von den Plagiatsvorwürfen gegen sie am Ende nichts übrig bleiben wird. Kanzlerin Merkel hält zu ihr - doch die Vertrauensbekundungen der Chefin sind politisch wenig wert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/plagiatsaffaere-das-vertrauen-der-kanzlerin-ist-fuer-schavan-wenig-wert-a-861355.html
dass ich von einer solchen scheinheiligen und verlogenen Ministerin vertreten werde !. Und im übrigen : Die Solidaritätsadressen von Angela Merkel sind nicht viel Wert. Im Falle Guttenberg sagte sie genau das gleiche ..... .
5.
kuddel37 15.10.2012
Zitat von spargel_tarzankann eine 100%ige unterstützung durch die bundeskanzlerin wie ein mediales todesurteil verstanden werden, aktuelle beispiele sind karl-theodor zu guttenberg oder herr wulff.
naja, einer der mal eben so Schwarzgeldspenden von einem Waffenschieber vergessen hat, genießt auch Merkel Vertrauen und ist (leider) immer noch nicht weg. ;)
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