Plagiatsaffäre Guttenberg in höchster Not

Am liebsten will Karl-Theodor zu Guttenberg zu der Plagiatsaffäre schweigen, doch das wird kaum gelingen: Die Vorwürfe gegen den Verteidigungsminister werden immer umfassender, immer schwerwiegender. Es geht nicht mehr nur um bloßes Abschreiben - sondern auch um möglichen Amtsmissbrauch.

Verteidigungsminister Guttenberg: Schwierige Zeiten
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Verteidigungsminister Guttenberg: Schwierige Zeiten

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Berlin - Sie hoffen, dass er kommt, trotz allem. Bisher gebe es keine Hinweise auf eine Absage, sagt Thomas Weck. Weck ist Vize-Chef der CDU im kleinen hessischen Städtchen Kelkheim und würde am Montagabend gern Karl-Theodor zu Guttenberg begrüßen, als Stargast des traditionellen Valentinstreffens in der Stadthalle. Zumindest ist das seit langem so geplant. "Zu 90 Prozent ist er in Kelkheim", sagt Weck der "Frankfurter Neuen Presse". "Ein Restrisiko gibt's immer."

Womöglich liegt dieses Restrisiko sogar deutlich höher als bei nur zehn Prozent. Denn die Lage ist ernst für Karl-Theodor zu Guttenberg, so ernst, dass der Verteidigungsminister den öffentlichen Auftritt im Main-Taunus-Kreis lieber meiden könnte - so wie er schon am vergangenen Donnerstag einen Wahlkampfauftritt in Sachsen-Anhalt sausen ließ.

Seither hat die Plagiatsaffäre um Guttenbergs Dissertation immer mehr an Dramatik gewonnen. Auch am Wochenende wurden neue Vorwürfe bekannt. Nach SPIEGEL-Informationen, gab der CSU-Politiker im Jahr 2004 beim Wissenschaftlichen Dienst des Bundestages eine Ausarbeitung in Auftrag. Das zehnseitige Papier übernahm er fast unverändert in seine Doktorarbeit - obwohl Abgeordnete den Wissenschaftlichen Dienst eigentlich nur für mandatsbezogene Arbeit nutzen dürfen.

Damit geht es jetzt nicht mehr allein um den Vorwurf, Guttenberg habe sich für sein 475-Seiten Werk mit dem Titel "Verfassung und Verfassungsvertrag" freimütig bei anderen Autoren bedient, ohne diese korrekt als Quelle zu nennen. Es geht nicht mehr nur um einen etwas "aufgeblasenen" Lebenslauf, auf den die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" hinweist, weil er ein paar Praktika zu bedeutenden beruflichen Stationen verklärt hat.

Es geht jetzt auch um den Verdacht des Amtsmissbrauchs.

"Es entsteht der Eindruck, dass Teile der Doktorarbeit von Ghostwritern in der Bundestagsverwaltung geschrieben wurden", sagte SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann. Er forderte Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) auf zu klären, "ob der Wissenschaftliche Dienst zu Privatzwecken eingesetzt wurde und Guttenberg seine Promotion auf Kosten der Steuerzahler geschrieben hat." Grünen-Chefin Claudia Roth schloss sich Oppermann an. Linken-Chef Klaus Ernst mahnte bereits Konsequenzen an. Sollte der Vorwurf zutreffen, sei ein Rücktritt "unausweichlich". Die Promotionsordnung von Guttenbergs ehemaliger Universität Bayreuth fordere eine ehrenwörtliche Erklärung, dass man eine Doktorarbeit selbst verfasst und keine anderen als die angegebenen Quellen benutzt hat, hatte Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin erklärt - und dies sei zweifellos bei Guttenberg nicht der Fall gewesen. Die Öffentlichkeit habe ein Recht darauf, zu wissen, was ein Ehrenwort des Oberkommandierenden der Bundeswehr wert sei. Der Vorgang werde in der Fragestunde und eventuell in einer aktuellen Stunde im Parlament erörtert, so Trittin.

Guttenberg selbst hat jeden Gedanken an einen Rücktritt im "Focus" als "Unsinn" zurückgewiesen. Es ist jedoch kaum vorstellbar, dass der Minister seine am Freitag ausgegebene Parole durchhalten kann, sich zu den Vorwürfen über seine Dissertation nicht mehr öffentlich zu äußern, bis die Prüfung durch die Universität Bayreuth abgeschlossen ist. Dass er seinen Doktortitel vorübergehend nicht mehr im Namen führt, hat jedenfalls nicht zur Beruhigung seiner Kritiker beigetragen.

Stattdessen wächst mit jedem Tag der Erklärungsbedarf - auch in der Koalition. Während Guttenbergs Parteifreunde aus der CSU laut über eine angebliche "Treibjagd" von links wettern, hält man sich in der Schwesterpartei mit allzu offensiven Solidaritätsbekundungen zurück. Hinter vorgehaltener Hand äußern sich viele Christdemokraten entsetzt über das Ausmaß der Plagiatsvorwürfe. Aufmerksam beobachten sie, wie die Zahl der angeblichen Copy-and-Paste-Fundstellen auf der Internetplattform "GuttenPlag" von Stunde zu Stunde wächst. Schon 268 Seiten der Arbeit sollen betroffen sein, am Montag wollen die Betreiber der Seite eine Zwischenbilanz veröffentlichen.

"Höchst gefährlich" sei das alles, heißt es selbst in führenden CDU-Kreisen. Und mancher mutmaßt auch hier, Guttenberg habe die Arbeit womöglich nicht selbst geschrieben. Nur so jedenfalls kann man sich erklären, warum der Minister die Vorwürfe zunächst "von oben herab" so scharf als "abstrus" zurückgewiesen habe. Er habe wohl selbst nicht geahnt, was da noch auf ihn zukommt, wird vermutet.

Die Kanzlerin sprach Guttenberg am Freitag zwar ihr Vertrauen aus. Doch auch Angela Merkel ist in großer Sorge. Zum einen ist man in der Berliner Regierungszentrale unglücklich über das Krisenmanagement des Ministers. Zum anderen: Sollte sich ausgerechnet Merkels populärster Minister zum Auftakt des Superwahljahres aus dem Amt katapultieren, wäre das auch für das Ansehen der Bundesregierung fatal.

Dennoch, so verbreiten es zumindest die Meinungsforscher, halten die Deutschen dem adligen Kabinettsmitglied die Treue: 74 Prozent wollen, dass Guttenberg im Amt bleibt, heißt es im ARD-Deutschlandtrend. Emnid will im Auftrag der "Bild am Sonntag" herausgefunden haben, dass eine Mehrheit zwar die Glaubwürdigkeit des Ministers für beschädigt hält. 57 Prozent der Deutschen halten Guttenberg demnach aber trotzdem nicht für einen Schwindler, seinen Rücktritt fordern nur 27 Prozent.

Der Rückhalt in der Bevölkerung für Guttenberg scheint also bisher nur ein wenig zu schwinden. Vielleicht wäre genau das auch ein Grund für den Minister, den Auftritt am Montagabend in Kelkheim eben doch wahrzunehmen. Mehrere hundert Fans erwarten die örtlichen CDU-Veranstalter - und die werden Guttenberg wahrscheinlich einen großen Empfang bereiten. Kritische Fragen wegen der leidigen Plagiatsaffäre dürften ihn jedenfalls nicht erwarten.

Gut möglich, dass sich Guttenberg ein wenig Jubel in diesen Tagen nicht entgehen lassen will.

Forum - Schaden die Plagiats-Vorwürfe Minister Guttenberg?
insgesamt 8927 Beiträge
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Seite 1
ewsz 16.02.2011
1. Nein, sicher nicht ...
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Davon ist nicht auszugehen. Er ist nach wie vor telegen, hat eine schicke Frau, ist adelig und kann drei Sätze frei sprechen, ohne allzu verbindlich zu werden. Alles in Butter ...
mickimücke 16.02.2011
2. ch glaube eher nicht.
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Werden Sie ihm schaden? Ich glaube eher nicht. Ausgerechnet der Mann, der in seiner Doktorarbeit abschreibt nennt einen Mann wie Wilders einen Scharlatan! Aber welchen Wert haben schon die Worte des "von und zu`s" noch ? Keinen
vatsug 16.02.2011
3. Praktikum
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Nein, der Dr. zu Guttenberg wird mit seinem Freund Kerner ein Praktikum auf der Gorch Fock absolvieren und anschliessend zum Admiral befördert. Dann werden ihn Bild, Bunte, Focus zum nächsten Kanzler aufbauen , das deutsche Volk wird jubeln und ihn wählen und das wars.
lalito 16.02.2011
4. Aller guten Dinge sind drei!
Na, wenn er jetzt den dritten, innerhalb eines Tages, zum Thema veröffentlichten Strang auch noch liest, oder lesen lässt, dann könnt er schon einen dauerhaften Schaden davontragen ;-))
Florian Geyer, 16.02.2011
5. Da wird jemand gezielt "angepinkelt"
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Nein, höchstens kurzfristig. Schon die Kunduzaffäre hat ihm zurecht nicht geschadet, er war noch nicht im Amt. Die Gorch Fock Affäre, den Unglücksfall in AFG und die Öffnung von Privatpost der Soldaten wird er auch überstehen. Ein Rückblick in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt, dass Minister schon ganz andere Affären, ausgesessen haben. Zudem wird der Bogen überspannt und das merkt natürlich auch der Wähler. Ich bin überzeugt, bei Umfragen gibt es noch nicht einmal Kratzer. Warum? Ganz einfach, die Mehrheit der Bundesbürger hat das Gefühl, dass hier bewußt mit allen Mitteln zu Guttenberg "angepinkelt" werden soll! Das mögen die Leute nicht!
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