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Plagiatsaffäre: Fluch der Fußnote

Ein Kommentar von

Ihre Doktorarbeit weist Mängel auf, das räumt Annette Schavan selbst ein. Muss sie deswegen jetzt zurücktreten? Nein, kein Verbrechen außer Mord würde 30 Jahre später noch verfolgt. Doch wenn sie den Titel verliert, bleibt der Wissenschaftsministerin kaum eine Wahl.

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dapd

Bildungsministerin Schavan: "Auch ein bisschen schummeln geht nicht"

32 Jahre, einen Monat und elf Tage ist es her, dass eine junge Doktorandin an die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf herantrat. Kein großer Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für sie. Sie hatte ihre Dissertation abgeschlossen, 351 Seiten, hinten ein umfängliches Literaturverzeichnis, vorne der Dank an die Eltern.

Verdammt lang her. 57 Jahre alt ist Annette Schavan heute, damals war sie 25, mehr als die Hälfte ihres Lebens liegt nach und nicht vor jenem 4. September 1980. Eine große Zeitspanne also - das erklärt nichts, aber es wird zu berücksichtigen sein, wenn nun über die Doktorandin und Politikerin Annette Schavan gerichtet wird. Es ist wichtig für das Urteil darüber, was war, aber auch für die Forderungen danach, was folgen sollte.

Das Urteil: Es obliegt der Philosophischen Fakultät in Düsseldorf. Wer gibt, der nimmt, so einfach ist die Regel. Die Fakultät hat Schavan den Dr. phil. verliehen und könnte ihn nun entziehen. Grundlage für die Entscheidung ist das Gutachten, dessen Inhalte der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe beschreibt. Der Kernsatz lautet: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren."

Kurzum: Schavan = Täuscherin.

Wie schwer die Fehler und Schwächen in der Doktorarbeit wiegen, hängt unter anderem davon ab, was damals üblich war. Der Gutachter, der Prodekan der Philosophischen Fakultät, ein erfahrener Professor, wog diese Schwierigkeit ab und kam nichtsdestoweniger zu seinem vernichtenden Urteil. Ein gegenteiliges stünde nur demjenigen zu, der sich ebenso mit den Gepflogenheiten jener Zeit auskennte und Schavans Arbeit mit diesem Wissen genauso akribisch läse; die Diskussionen unter Wissenschaftlern, in den Gremien der Fakultät und auch außerhalb, dürften spannend werden.

Das Gutachten lastet schwer auf Schavan, keine Frage, es ist wohlbegründet; und nicht einmal Schavan behauptet noch, dass sie fehlerfrei gearbeitet hat, auch wenn sie die Täuschungsabsicht zurückweist. Aber was heißt das nun? Muss eine Wissenschaftsministerin zurücktreten, wenn ihre Redlichkeit als Wissenschaftlerin dermaßen infrage gestellt worden ist? Vorwurf = Rücktritt?

Kein Verbrechen außer Mord würde mehr als 30 Jahre später noch verfolgt. Schavan hätte bei ihrer Doktorprüfung die Universität verwüsten oder niederbrennen können; sie hätte ihre Prüfer beleidigen, zusammenschlagen, schließlich versehentlich erschießen können - strafrechtliche Ermittlungen müsste sie nicht mehr fürchten. Das heißt nicht, dass man ihre Doktorarbeit nicht mehr untersuchen darf, Schavan wird ja, wie immer es endet, nicht im Gefängnis landen. Aber es zeigt einen Grundgedanken unseres Rechtsempfindens: Zeit heilt.

"Auch ein bisschen schummeln geht nicht"

Das sollte die Diskussion mitbestimmen, wenn der Rücktritt Schavans gefordert wird, bevor die Fakultät ihr Urteil gesprochen hat. Der Chef der baden-württembergischen Jungen Union hatte im Mai bereits den Ton vorgegeben, als er via Bild.de kundtat: "Wer die moralischen Maßstäbe so hoch angesetzt hat, bei dem muss schon jede Fußnote in einer Dissertation stimmen", sagte Nikolas Löbel. "Auch ein bisschen schummeln geht nicht." Nun legt Grünen-Fraktionschefin Renate Künast nach. "Es ist beschämend, dass Schavan die Sache aussitzen will", wird sie von der "Rheinischen Post" zitiert. Noch habe Schavan ihr Amt formal inne, "aber die Glaubwürdigkeit - die sie für eine gute Amtsführung braucht - hat sie schon verloren".

Nein, das hat sie nicht. Schavan hat nicht alle Glaubwürdigkeit verspielt, sie muss auch nicht jetzt zurücktreten. Das gilt, solange die Fakultät noch berät, ob sie das Urteil ihres Gutachters teilt und daraus den Schluss zieht, den Titel zu entziehen.

Die Vorwürfe sind gravierend, aber die Lage ist nicht so eindeutig, wie der Kernsatz des Gutachtens klingen mag. Und: Es sind eben viele Jahre vergangen. In diesen Jahren hat sich Schavan eine Reputation als akribische, loyale Arbeiterin erworben; sie hat sich auf verschiedenen Posten bewiesen; und die Sache "aussitzen" zu wollen, also die Zeit einfach verstreichen zu lassen, kann man ihr schwerlich unterstellen, da sie angekündigt hat, dass sie sich erklären und zur Wehr setzen wolle.

Er fände es ungerecht, "bei ihrer Lebensleistung für die Fehler in der 30 Jahre alten Diss so abgestraft zu werden", schrieb mir ein Kollege, nachdem er die Berichte über das Gutachten gelesen hatte, und er fügte hinzu: "Aber so ist Politik leider oft." Man kann das achselzuckend hinnehmen, man kann denken, dass auch das Leben oft ungerecht ist und die Politik eben nicht besser. Die Frage aber ist: Muss das so sein?

32 Jahre, ein Monat und elf Tage sind eine lange Zeit. Das sollte die Diskussion mitbestimmen, nicht eine andere Zeitspanne: In knapp einem Jahr ist Bundestagswahl. Solange Schavan den Doktortitel hat, so lange muss sie nicht zurücktreten.

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1. In der damals auf mich zutreffenden Prüfungsordnung steht:
Ludwigsburger 15.10.2012
"Wird die Täuschung erst später entdeckt, wird dem Kandidaten das Zeugnis entzogen ....". Es stand nichts von einer Frist darin.
2. Die Sache ist an Lächerlichkeit
bürger 29 15.10.2012
kaum zu überbieten. Wer hat von uns nicht auch einmal ein bißchen geschummelt oder in der Schule abgeschaut. Und wer erinnret sich im Detail noch heute daran? Niemand, außer einige von denen, denen es nicht um die sache geht, sondern darum mißliebige Politiker aus dem Rennen zu schießen. Mittelrweile dürfte jeder wissen von welcher Partei Vroniplag gesteuert wird.
3. Vorbild
cdrenk 15.10.2012
Selbst wenn es 100 Jahre zurück liegen würde. Die feine Dame ist Ministerin und damit Vorbild. Betrug kann nur in den Rücktritt führen.
4. optional
mr.brand 15.10.2012
wow - da besch... jemand um einen hohen akademischen Grad zu erhalten, wird Bildingsministerin und braucht - weils erst nach 30 Jahren rauskommt nicht zurückzutreten, solange sie den durch Betrug erworbenen Titel nicht abgibt bzw. dieser nicht aberkannt wird. Gleichzeitig spricht einem die mächtigste Frau der Welt vollstes Vertauen aus! - Das ist doch ne monty Python Nummer!
5.
püttler 15.10.2012
...solange muss sie nicht zurücktreten." Welch krude Logik steckt denn bitte hinter dieser Denke?! Hat sie ihren Doktortitel zu Unrecht, also quasi "qua plagiatum", dann hat sie sofort zurückzutreten. Hat sie den Titel hingegen zu Recht, dann darf sie -vorbehaltlich des Bestandes dieser Regierung- ministerieren von Merkels Gnaden bis die Primel welkt!
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