Plagiatsaffäre: Schavan schämt sich für Guttenberg
Das sitzt: In einem offenen Brief werfen 20.000 Wissenschaftler und Bürger Kanzlerin Merkel "Verhöhnung" vor, weil sie an Karl-Theodor zu Guttenberg festhält. Auch CDU-Forschungsministerin Schavan sagte, sie schäme sich für die Plagiatsaffäre, und zwar "nicht nur heimlich".
Berlin - Die Plagiatsaffäre um Karl-Theodor zu Guttenberg bestimmt seit zwei Wochen die öffentliche Debatte, doch die Kritiker des Verteidigungsministers verstummen nicht. Im Gegenteil, der Druck auf Guttenberg aus den eigenen Reihen nimmt zu: Immer mehr Unionspolitiker wagen sich aus der Deckung und kritisieren den Minister offen. Erstmals äußerte sich am Montag Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) zur Plagiatsaffäre. Als Wissenschaftlerin, die vor 30 Jahren selbst promoviert habe, schäme sie sich "nicht nur heimlich" für das Debakel um Guttenbergs Doktorarbeit, sagte Schavan der "Süddeutschen Zeitung."
Den Entzug des Doktortitels durch die Universität Bayreuth halte sie für richtig, abgekupferte Passagen auf Hunderten Seiten der Doktorarbeit seien keine Lappalie. "Raubkopien sind kein Kavaliersdelikt. Und der Schutz geistigen Eigentums ist ein hohes Gut", sagte Schavan.
Guttenberg hatte Teile seiner Doktorarbeit ohne Quellenangaben abgeschrieben, am 16. Februar waren erstmals entsprechende Vorwürfe laut geworden. In der vergangenen Woche entzog ihm die Universität Bayreuth den akademischen Titel. Bisher hat der Minister alle Vorwürfe zurückgewiesen, mit Absicht betrogen zu haben. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte unter anderem erklärt, sie sehe in Guttenberg nicht den Doktoranden, sondern den Verteidigungsminister.
Universitäten und Wissenschaft schließen sich mittlerweile zum organisierten Protest zusammen: Mehr als 20.000 Doktoranden, Wissenschaftler und andere Unterstützer warfen Merkel in einem offenen Brief eine "Verhöhnung" aller wissenschaftlichen Mitarbeiter vor. Der Brief soll der Kanzlerin im Laufe des Vormittags im Bundeskanzleramt übergeben werden. In dem Brief heißt es, die Behandlung der Plagiatsaffäre durch Merkel lege nahe, "dass es sich beim Erschleichen eines Doktortitels um ein Kavaliersdelikt handele", zitiert das "Hamburger Abendblatt". Dadurch "leiden der Wissenschaftsstandort Deutschland und die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Land der Ideen".
Lammert: "Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie"
Auch Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) brachte seine Missgunst über den Skandal erneut zum Ausdruck. Einem Bericht der "Mitteldeutschen Zeitung" zufolge sagte Lammert vor einer Runde von SPD-Abgeordneten, die Affäre und ihre Begleitumstände seien "ein Sargnagel für das Vertrauen in unsere Demokratie".
Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer (CDU) hatte am Sonntag angezweifelt, dass Guttenberg die Affäre auf Dauer unbeschadet überstehen werde. Böhmer sagte dem "Tagesspiegel", es werde immer Menschen geben, die ihm diese Fehler vorwerfen: "Ich weiß nicht, wie lange er das erträgt und aushalten kann."
In den vergangenen Tagen hatten mehrere Unionspolitiker vorsichtige bis direkte Kritik an Guttenberg geübt. Selbst Vertraute meldeten erste vorsichtige Zweifel an Guttenberg an - so der frühere Thüringer Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU) im Interview mit SPIEGEL ONLINE.
Die meisten politischen Freunde Guttenbergs stecken in dem Konflikt, klar Position beziehen und dem Verteidigungsminister gleichzeitig Rückendeckung geben zu müssen. Schavan betonte in der "SZ", dass für Guttenberg das Gleiche wie für jeden Menschen gelte und er deshalb eine zweite Chance verdient habe. "Wir wissen, dass das nicht der erste Fall ist, in dem jemand gute politische Arbeit leistet und zugleich in einem anderen Bereich seines Lebens Schuld auf sich genommen hat."
Scharfe Kritik übte Schavan an der "Maßlosigkeit", die aus ihrer Sicht die politische Debatte geprägt habe. Der Opposition sei es vor allem darum gegangen, "den Kopf des Ministers als Trophäe aus der Debatte zu tragen". Andere wiederum hätten den Eindruck erweckt, man müsse das alles nicht so ernst nehmen. Beides sei unangemessen gewesen, betonte Schavan.
Böhmer warnte im Interview davor, die politische Arbeit Guttenbergs "allein aus einem einmaligen menschlichen Verhalten heraus" zu beurteilen. "Ich rate jedem, der sich jetzt zum Richter aufspielt, dazu, mit dem moralischen Zeigefinger etwas vorsichtiger umzugehen."
Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, sagte am Sonntag in Berlin: "Wir dürfen nicht zulassen, dass durch ein schlechtes Vorbild illegales Kopieren noch hoffähiger gemacht wird." Auch Ernst-Ludwig Winnacker, Spitzenrepräsentant der deutschen Forschung und früherer Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), äußerte sich im SPIEGEL sehr kritisch zu Guttenbergs Plagiatsarbeit und warnte davor, die Affäre zu verharmlosen.
Bericht: Doktorvater gebrochen, schottet sich ab
Der Staatsrechtsprofessor Ulrich Battis kritisierte Merkel wegen ihrer Äußerungen zur Aberkennung des Doktortitels ebenfalls. "Die Aussagen der Kanzlerin sind unglaublich", sagte er. "Denn damit stellt sie die Verantwortlichkeiten auf den Kopf. Das ist Missachtung von Wissenschaft."
Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen Falter sagte, er halte einen dauerhaften Verbleib Guttenbergs im Amt des Verteidigungsministers für unwahrscheinlich. "Er wird sicher gehalten werden, bis die Wahlen Ende März in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz vorbei sind. Alles andere wäre das falsche Signal für große Teile der Unionsanhängerschaft", sagte Falter.
Guttenbergs Doktorvater, der Verfassungsrechtler Peter Häberle, ist nach Informationen der "SZ" über die Arbeit seines Schülers regelrecht verzweifelt, er schotte sich ab und telefoniere nur noch mit wenigen Freunden, schrieb die Zeitung am Sonntag. Professor Oliver Lepsius, Nachfolger Häberles an der Universität Bayreuth, hatte Guttenberg am Wochenende scharf attackiert. "Wir sind einem Betrüger aufgesessen. Niemand hätte sich vorstellen können, mit welcher Dreistigkeit hier ein Plagiat eingereicht wird. Es ist ein Ausmaß an Dreistigkeit, das wir bisher nicht gesehen haben", sagte Lepsius im Bayerischen Fernsehen.
Der FDP-Forschungsexperte Martin Neumann erklärte am Sonntag, er halte den CSU-Politiker als Minister nicht mehr für tragbar, wenn er die Umstände seiner Promotion nicht aufkläre. Neumann gab dem angeschlagenen Minister noch "eine, maximal zwei Wochen Zeit", um die Täuschungsvorwürfe auszuräumen. Schaffe er dies nicht, müsse er zurücktreten. Als erster Vertreter der schwarz-gelben Koalition äußerte er auch offen "große Zweifel an Guttenbergs Erklärung, er habe lediglich den Überblick über seine Quellen verloren".
Bundeswehrverband tief besorgt
Der Bundeswehrverband sieht im Zuge des Aufruhrs um Guttenbergs Doktorarbeit die Wehrreform in Gefahr. "Ich habe mir nicht vorstellen können, dass der Umbau der Bundeswehr unter so unsicheren Aussichten angefasst wird", sagte der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Ulrich Kirsch, der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Er empfinde diese Situation als "außerordentlich belastend". "Wir haben hier eine sehr hartnäckige Diskussion um den Mann an der Spitze, und das wird der Sache nicht gerecht."
"Der Minister steht in einer Bewährungsprobe, aber auch seine Reformansätze müssen sich bewähren", sagte Kirsch. "Diese Reform hängt mit dem Namen Guttenberg eng zusammen." Der Verbandschef sagte, "dass in den Streitkräften eine hohe Verunsicherung da ist, was die Frage angeht, wie geht es mit uns weiter". Die Position der Bundeswehr sei "außerordentlich schwierig, weil sich die gesamte Diskussion um die Bundeswehr auf den Verteidigungsminister konzentriert".
amz/dapd/AFP
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- Plagiapedia-Wiki: Plagiatejäger suchen den nächsten Täter (25.02.2011)
- Interview mit dem Bayreuther Juraprofessor Oliver Lepsius im BR
- GuttenPlag Wiki
- LTO Wissenschaft / Studium / Guttenberg / Plagiat
- Offener Brief der Doktoranden
- Website von Karl-Theodor zu Guttenberg
- Pro-Guttenberg-Facebook-Seite
- Guttenberg-Witze
- "#guttenberg" auf Twitter
- Interview Lepsius BR
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