Plagiatsvorwürfe Angriff auf Minister Makellos

Karl-Theodor zu Guttenberg hat mehr zu verlieren als andere Minister. Der CSU-Mann ist beliebt, gilt als Ausnahmepolitiker - doch die Plagiatsvorwürfe erschüttern seine Glaubwürdigkeit. Droht ihm erstmals echte Gefahr?

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Verteidigungsminister Guttenberg: "Hohes Maß an Geradlinigkeit und Berechenbarkeit"
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Verteidigungsminister Guttenberg: "Hohes Maß an Geradlinigkeit und Berechenbarkeit"


Berlin - Gradlinig, nobel, vorbildlich - und glaubwürdig. Mit diesen Worten hat ihn zuletzt noch die Mehrheit der Deutschen in einer Umfrage beschrieben, den Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg. Der Mann genießt ein Vertrauen, wie es aktuell keinem anderen Politiker in diesem Land entgegengebracht wird.

"Ich versuche mir das zu bewahren, was ich immer hatte: ein hohes Maß an Geradlinigkeit und Berechenbarkeit", sagt Guttenberg gern.

Er ist anders als die anderen, anders als das Polit-Establishment in Bund und Ländern, ein Politiker neuen Typs: Dieses Bild von sich hat Guttenberg verbreitet. Dieses Bild haben die Medien gezeichnet. Und viele Menschen haben es aufgenommen, weil sie kaum noch Lust haben auf die schwarz-gelb-rot-grünen Normalos und ihre vermeintliche Mittelmäßigkeit.

Deshalb sind die Vorwürfe gegen Guttenberg, er habe Teile seiner Dissertation einfach von anderen abgepinnt, gefährlich für den Polit-Star.

Guttenbergs Markenkern in Gefahr

Denn sie betreffen sein wichtigstes Kapital: die Glaubwürdigkeit. Sie ist der Markenkern Guttenbergs. Auch eine Schutzhülle. Der Mann durfte der Kanzlerin in der Opel-Krise mit Rücktritt drohen, er überstand die Kunduz-Affäre, schaffte die Wehrpflicht quasi nebenbei ab, wird gehandelt als besserer CSU-Vorsitzender und sogar Reservekanzler.

Jetzt diskutiert Deutschland: Ist der Superstar in Wahrheit ein Blender, ein Felix Krull der Politik? Oder sind die Vorwürfe völlig übertrieben - und für seine Gegner nur billiger Vorwand, um ihn zu entzaubern? "Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor", schreibt Franz Josef Wagner in der "Bild"-Zeitung. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" urteilt, "es wird etwas hängen bleiben".


Guttenbergs Doktortitel konnte bisher als Beleg gelten: Seht her, der Adelige ruht sich nicht auf seinen Besitztümern aus, auch er strebt nach einer bürgerlichen Karriere. In der Kleine-Leute-Partei CSU ist das ein nicht zu unterschätzender Faktor. Der "Dr. jur." im Namen hat eine ganz andere Wirkung als das "zu". Denn er ist selbst erarbeitet. "Ich glaube, dass die Menschen wissen, dass nicht Titel maßgeblich sind, sondern die Bereitschaft, Leistung zu erbringen." Auch dies ein zentraler, oft wiederholter Guttenberg-Satz.

Der "Stern" berichtete eine Szene aus dem Jahr 2007, in der sich Vater Guttenberg über seinen Sohn wundert, weil in dessen Räumen um drei Uhr in der Früh noch Licht brannte. "Weil ich an meiner Doktorarbeit sitze", soll Karl-Theodor geantwortet haben.

Der Titel als Ausweis von Kompetenz und Fleiß.

So haben wohl die meisten Politiker mit Doktortitel diesen wohl nicht wegen der wissenschaftlichen Karriere angestrebt - er nützt ihnen beim Wahlvolk. Und hat ein Spitzenpolitiker keinen entsprechenden akademischen Grad, bekommt er schon mal einen verpasst. Ohne eigenes Zutun. Zum Beispiel neulich in der Länderkammer. Da wollte Bundesratspräsidentin Hannelore Kraft dem bayerischen Ministerpräsidenten das Wort erteilen - und ruft höflich "Herrn Doktor Horst Seehofer" ans Rednerpult.

Allein im Bundeskabinett haben elf der 16 Mitglieder einen Dr. im Namen - inklusive der Kanzlerin. Wobei Angela Merkel wohl eine der Wenigen in der Politik ist, die wirklich mal wissenschaftliche Karriere machen wollten. Die Physikerin promovierte 1986 über die "Berechnung von Geschwindigkeitskonstanten von Elementarreaktionen am Beispiel einfacher Kohlenwasserstoffe auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden" zum Dr. rer. nat.

Merkel: "Damit muss man leben"

Die Plagiatsvorwürfe gegen Guttenberg nimmt sie mit Blick auf die eigenen Erfahrungen somit nicht sonderlich ernst: "Auch meine Promotionsarbeit wurde schon begutachtet, beleuchtet, Experten vorgelegt, und damit muss man leben." Die Kanzlerin hat gut reden.

Welche Folgen hätte es aber, wenn der Verteidigungsminister seinen Doktortitel möglicherweise zu Unrecht führte?

Die Opposition jedenfalls wittert schon ihre Chance - wie so oft, seitdem Guttenberg die politische Bühne betreten hat. Nur ist ihr in dieser Hinsicht bisher nichts gelungen. Egal, ob man den Freiherrn im Kampf um Staatshilfen für Opel als "Baron aus Bayern" verspottete oder ihn wegen seiner widersprüchlichen Äußerungen in der Kunduz-Affäre oder der Causa "Gorch Fock" aus dem Amt kegeln wollte - nichts wirkte. Nun also auf ein Neues.

Nur ist diesmal eines anders für Guttenberg: Er ist höchstpersönlich mit den Vorwürfen gemeint. Er kann niemanden entlassen (Kunduz-Affäre), er kann nicht die Strukturen überprüfen lassen ("Gorch Fock"). Für seine 475-Seiten-Dissertation kann nur er allein geradestehen.

"Die Arbeit ist kein Plagiat"

Guttenbergs Verteidigungsstrategie ist offensiv: Die Plagiatsvorwürfe seien "abstrus", sagt er. Auch sein Doktorvater Peter Häberle nimmt ihn in Schutz, die Kritik sei "absurd, die Arbeit ist kein Plagiat". In der CSU schießen sie sich auf den Bremer Juraprofessor Andreas Fischer-Lescano ein, der die Sache mit einer Rezension von Guttenbergs Dissertation ins Rollen gebracht hatte: CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich spricht von einem "politisch motivierten Angriff von ganz Linksaußen", weil Fischer-Lescano im Kuratorium des "Instituts solidarische Moderne" sitzt, dem unter anderen die stellvertretende Linke-Chefin Katja Kipping und die hessische SPD-Abgeordnete Andrea Ypsilanti angehören.

Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt (CSU) sagte, hinter den Vorwürfen stecke eine "Kampagne", er sprach von der "kommunistischen Ypsilanti-Initiative". CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt meinte, Deutschland habe "eine geistvollere Opposition verdient als SPD und Grüne, die sich mit dem Abzählen von Fußnoten und Anführungszeichen in juristischen Dissertationen abmühen."

Guttenberg selbst sagt, er sei durchaus bereit, zu prüfen, ob bei über 1.200 Fußnoten und 475 Seiten "vereinzelt Fußnoten nicht oder nicht korrekt gesetzt sein sollten". Dies würde bei einer Neuauflage berücksichtigt werden.

Wäre es damit wirklich getan? Denn offenbar handelt es sich nicht um einzelne Fußnoten, sondern um Textpassagen, die teils wortwörtlich ohne Quellenangabe übernommen wurden. Sogar zwei Absätze in der Einleitung sind aus einem Text der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" abgeschrieben.

Im Verteidigungsministerium sind sie alarmiert. Man fürchtet eine PR-Katastrophe. Auch wenn Guttenberg die Vorwürfe recht harsch weggebürstet hat, das wissen seine Strategen, kratzen die Berichte übers Abpinnen am Markenkern des Ministers. Noch hält zwar der Zuspruch aus dem Volk an, dies zeigen auch viele Reaktionen der Leser von SPIEGEL ONLINE - doch fragen sie sich im Umfeld Guttenbergs, wie lange sie darauf vertrauen können.

Nun muss Guttenbergs frühere Universität in Bayreuth prüfen, ob alles mit rechten Dingen zuging. Sollte Guttenberg seinen Doktortitel verlieren, wäre das ein großer Schaden für den Mann mit der Glaubwürdigkeit. Sein Streben nach einem Siegel der Kompetenz schlüge ins Gegenteil um und würde zum dauerhaften Makel. Karl-Theodor zu Guttenberg wäre wohl auf lange Zeit der "falsche Doktor".

Mitarbeit: Matthias Gebauer

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Seite 1
unterländer 17.02.2011
1.
Zitat von sysopKarl-Theodor zu Guttenberg hat mehr zu verlieren als andere Minister. Der CSU-Mann ist beliebt, gilt als Ausnahmepolitiker - doch die Plagiatsvorwürfe erschüttern seine Glaubwürdigkeit. Droht ihm erstmals echte Gefahr? http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,745961,00.html
Ganz offensichtlich droht ihm Gefahr. Abschreiben bei der Doktorarbeit ist anscheind kein Kavaliersdelikt (kenn mich da nicht aus, habe keinen Dr. vor dem Namen). Aber ist es wirklich nötig hierzu den weißnichtwievielten Fred zu eröffnen?
Klaus.G 17.02.2011
2. Typisch
Guttenberg ist beliebt? Na ja, wieder mal kennzeichnend für das Wahlvolk, Hauptsache nett aussehend und ein paar Sprüche, dann spielt die Politik keine Rolle mehr....
PolitikerFreund, 17.02.2011
3. -
Natürlich muss den Plagiatsvorwürfen nachgegangen werden. Aber man sollte auch die Kirche im Dorf lassen. Hier werden am hellichten Tag Menschen erschlagen - wie gerade wieder in Berlin. Und der Spiegel reitet nun eine Kampagne wegen ein paar Anführungszeichen. Stimmen da die Relationen?
rodelaax 17.02.2011
4. Immer mehr abgeschriebene Stellen tauchen auf
Inzwischen haben immer mehr Internetuser begonnen nach weiteren Stellen in der Doktorarbeit zu suchen, wo offensichtlich wortwörtlich oder leicht verändert abgeschrieben wurde. Und sie werden fündig! Immer mehr Textstellen werden aufgefunden. https://docs.google.com/document/d/1uUhufTGbHSpPVFbpka4OreOIGqfJ6kS22RVrXL-CNR8/edit?hl=de&authkey=CLy78YQO&pli=1&pli=1# Seine Gegeltheit sollte vielleicht mal langsam von seinem mißlungenen Showauftritt in Afghanistan zurückkommen und persönlich Stellung nehmen.
marvinw 17.02.2011
5. Copy&Paste
http://www.spiegel.de/flash/0,,25296,00.html Ist schon nicht ohne so frech "Copy-Paste" zu machen. Ich finde es übel. Nun muss es Konzequenzen geben. Wer kopiert macht sich strafbar. Haben das nicht sogar irgenwelche CDU-Leutchen behauptet?
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