Plagiatsvorwürfe: Guttenberg tauscht Doktor gegen Karriere

Aus Kelkheim berichten und

Ein furioser Auftritt von Karl-Theodor zu Guttenberg im Hessen-Wahlkampf: Um seinen Posten als Verteidigungsminister zu retten, gesteht er "gravierende Fehler" bei seiner Dissertation ein und verzichtet auf seinen Doktortitel. Der CSU-Mann verbindet das mit einer Kampfansage an die Medien.

Kelkheim - Karl-Theodor zu Guttenberg will nicht zurücktreten. Er will kämpfen, die Plagiatsaffäre durchstehen. Für dieses Signal reist er nach Kelkheim in den Kommunalwahlkampf. Das liegt in Südhessen und ganz nah an Eschborn, der Heimat Roland Kochs. Genau! Jener Koch, der gleich zu Beginn seiner Regierungszeit als Ministerpräsident eine Parteispendenaffäre durchgestanden hat, die manch anderen Politiker sofort hinweggefegt hätte.

Roland Koch sitzt an diesem Montagabend recht zufrieden in der übervölkerten Kelkheimer Stadthalle neben dem Verteidigungsminister Guttenberg, der Dutzende Passagen seiner Doktorarbeit einfach abgeschrieben hat. Und deshalb dieser Tage ein massives Problem hat.

Aber mit Problemen kennen sie sich aus in der konservativen Hessen-CDU, die den inoffiziellen Beinamen Stahlhelm-Flügel trägt. Eben haben sie Guttenberg mit AC/DC in den Saal hineingespielt, jetzt spricht Kochs Nachfolger Volker Bouffier vorne auf der Bühne vom Wind, der einem entgegenwehen kann und hat den prominenten Gast im Blick: "Wir haben da Erfahrung", sagt Bouffier. "Wir haben immer gestanden. Und nachher waren wir stärker als zuvor." Er sagt schließlich noch etwas in Sachen Kameradschaft und dann darf Guttenberg ran.

Es wird ein starker Auftritt.

Vor allem aber eine Abrechnung: mit sich selbst und mit den Medien. Es ist ein Befreiungsschlag durch Selbstkritik - und eine Kampfansage. Schwarz und Weiß. Wir hier, die dort. So hat Roland Koch Politik gemacht. Damit war Franz Josef Strauß erfolgreich. Es ist ein neuer Guttenberg zu beobachten an diesem Abend. Ein Guttenberg mit Stahlhelm.

Der beginnt mit einem Paukenschlag. Denn der Freiherr verzichtet auf seinen Doktortitel, die Prüfung der Universität Bayreuth wartet er gar nicht mehr ab. Zu erdrückend offenbar findet er nun selbst die Plagiatsvorwürfe. "Ich habe mich am Wochenende noch mal mit meiner Doktorarbeit beschäftigt und feststellen müssen, dass ich gravierende Fehler gemacht habe", gesteht Guttenberg ein. Das seien Fehler, die den wissenschaftlichen Kodex nicht erfüllten. Er habe aber nicht bewusst getäuscht, versichert er.

"Ungemein gemütliches Wochenende"

In den sechs oder sieben Jahren des Entstehungsprozesses der Arbeit habe er "den Überblick über die Quellen verloren". Es sei mitunter "Peinliches" dabei herausgekommen, wie etwa die Einleitung seiner Arbeit. Diese stammt zum Teil aus einem Artikel der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Guttenberg: "Ich bin ein Mensch mit Fehlern und Schwächen und stehe auch öffentlich zu meinen Schwächen." Er entschuldige sich "von Herzen" bei jenen, die er mit Blick auf seine Dissertation verletzt habe. Und er sagt: "Die Entscheidung, den Doktortitel nicht zu führen, schmerzt."

Das hört sich ganz anders an als noch bei jenem dubiosen Statement vor ausgewählten Fernsehkameras am vergangenen Freitag, als Guttenberg von oben herab verkündete, er werde seinen Titel nach der Prüfung durch die Universität selbstverständlich wieder tragen.

Aber dann folgte jenes medial "ungemein gemütliche Wochenende", wie Guttenberg ironisch sagt. Spekulationen um seinen Rücktritt inklusive. In der Union, besonders in der CSU, sind sie seit Tagen alarmiert: Verlieren Sie ihren Hoffnungsträger?

Das Klima wird rauer, SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann sieht in Guttenbergs Titelverzicht "panikartige Flucht". Der Minister leide "unter einem Realitätsverlust, der kurz vor dem Rücktritt kommt". Und SPD-Chef Sigmar Gabriel vergleicht Guttenberg mit Italien-Premier Silvio Berlusconi, CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt revanchiert sich mit einer Relation: "Das Verhältnis von Gehirnmasse zu Körperumfang" sei bei Gabriel "immer ungünstiger".

Die Verbalinjurien zeigen: Für die Union geht es um viel. Und für Guttenberg um alles.

Der nimmt sich in Kelkheim nicht den politischen Gegner, sondern die Medien vor. Er äußere sich hier im Hessischen, und nicht vor der Hauptstadtpresse in Berlin: "Sie sollen es aus erstem Munde erfahren und nicht durch die Kommentierung." Es ist der Unterschied zwischen öffentlicher und veröffentlichter Meinung, den Guttenberg da macht und zu dem zuletzt Guido Westerwelle griff, als er wegen seiner Äußerungen zu "spätrömischer Dekadenz" unter Druck geraten war.

Es ist ein Mittel bedrängter Politiker.

Endspiel im Taunus

"Ich bin bereit, mich vor die Öffentlichkeit zu stellen und nicht nur vor die Hauptstadtpresse", sagt nun Guttenberg unter großem Jubel. "Bravo!", rufen sie im Publikum. "Diese Herangehensweise mit Selbstkritik", sagt Guttenberg, müsse man vielleicht "auch mal bei jenen anwenden, die die Politik beobachten". So sei in der letzten Woche "mit Sondersendungen und allem Pipapo" über seine Dissertation berichtet worden, gleichzeitig aber der Tod dreier Soldaten in Afghanistan zur "Randnotiz verkommen".

Guttenberg ist aufgeregt. Er spricht manchmal gepresst ins Mikrofon, als sei er gerade ein, zwei Stockwerke hochgelaufen. Es ist sein Endspiel im Taunus.

Er gibt den Unangepassten, den Anti-Politiker, den Mann des Volkes. Ein Beispiel: Thilo Sarrazin? Ehrliche Bestandsaufnahme der Probleme, falsche Schlussfolgerungen, findet Guttenberg. Dennoch: "Es war wichtig und lohnend, auch mal dieses Buch zu lesen", sagt er. Die Kanzlerin, daran muss hier noch einmal erinnert werden, hat ja damals ihr Nicht-Lesen öffentlichgemacht.

Das Signal des Abends ist klar: Fehler gemacht, Rücktritt ausgeschlossen. Nein, sagt Guttenberg, "eine altfränkische Wettertanne hauen solche Stürme nicht um". Noch am Montagabend hat Guttenberg seiner ehemaligen Universität einen Brief zugeleitet, in dem er um die Rücknahme des Titels bat.

Ein Uni-Sprecher sagt: Zur Begründung führe der Minister aus, dass er bei nochmaliger Durchsicht seiner Dissertation "gravierende handwerkliche Fehler festgestellt" habe, die "nicht mit wissenschaftlichem Arbeiten zu vereinbaren sind". Noch am Dienstag werde man sich nun in Bayreuth mit Guttenbergs Bitte befassen und die nötigen Schritte für die Aberkennung des Titels einleiten. Nach wie vor sei aber nach der Promotionsordnung ein ordentliches Verfahren zur Prüfung der Dissertation nötig: "Mit dem Statement des Ministers ist es aber einfacher geworden", heißt es.

Ist der Befreiungsschlag gelungen?

"Karl-Theodor zu Guttenberg braucht keinen Doktortitel, um sein Amt auszuüben", sagt CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Und Guttenberg selbst? Der wirkt entspannt auf seinem abendlichen Rückflug nach Berlin. Und ganz im Gegensatz zum Hinflug posiert er diesmal auch mit der Crew für ein Foto. Natürlich lächelt er da.

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insgesamt 1005 Beiträge
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1. "Er habe aber nicht bewusst getäuscht, versichert er."
Bias 22.02.2011
Auf über 2/3 aller Seiten Plagiate, insgesamt mindestens 25% der Zeilen. Das alles aus Versehen? Wen will der Mann verarschen? Mir ist kotzübel.
2. Optimal
Marquis82 22.02.2011
Bei über 70% der Bevölkerung die einen Rücktritt ausschließen und einer Dissertation die jedem anständigen Wissenschaftler die Schamesröte ins Gesicht treibt, war dies der einzige konsequente Schritt um seine Karriere zu retten. Auch hier stellt Mr. Xerox klar warum er zu den besten Politikern dieses Landes zählt. Hut ab vor diesem taktischen Geschick. Der Pöbel wird es schlucken und zustimmend murmeln: "So einen Doktortitel brauchen eh nur die Großkopferten da in Berlin. Unser guter K-T ist halt doch einer von uns!" Prosit! Jedem Volk die Politiker die es verdient. Italien einen Lustmolch, wir einen schleimigen Betrüger. Wohl bekomms.
3. x
Dyl Ulenspegel 22.02.2011
Oh ja, die bösen Medien. Wie können die es nur wagen, die Verfehlungen seiner Hochwohlgeboren publik zu machen! Aber er ist ja eine eine altfränkische Wettertanne, ihn hauen solche solche Stürme nicht um. Wo er ja so sturmerprobt ist, mit seiner ganzen sturmerprobten Lebenserfahrung. Aus seinen Worten spricht nicht die geringste Reue, sondern die falsche Empörung eines ertappten Sünders. Oder die Arroganz eines reichen verwöhnten Tunichtguts. Oder beides. Wie ist dieser Mensch eigentlich Bundesminister und Kanzleraspirant geworden? Gab's da eine Castingshow?
4. Das Beste, was er in der Situation machen konnte
National-Oekonom 22.02.2011
Da die Union ihn braucht, wird es auch funktionieren. Eine Kampfansage - zufällig? / ausgerechnet in Hessen, dem Bundesland mit dem wohl geschlossensten Unionsverband.
5. Rien ne va plus...
Mahagon 22.02.2011
>>So sei in der letzten Woche "mit Sondersendungen und allem Pipapo" über seine Dissertation berichtet worden, gleichzeitig aber der Tod dreier Soldaten in Afghanistan zur "Randnotiz verkommen".
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Guttenbergs Schummelaffäre
Was wird ihm vorgeworfen?
Karl-Theodor zu Guttenberg soll an mehreren Stellen seiner 475 Seiten umfassenden Doktorarbeit "Verfassung und Verfassungsvertrag" fremde Textpassagen ohne Quellenangabe verwendet haben. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat der Minister unter anderem Textpassagen aus einem Vortrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab und aus einer Rede des Verfassungsjuristen Gerhard Casper übernommen. Beide Autoren wurden nicht korrekt ausgewiesen. Es sieht sehr danach aus, dass er auch ganze Textpassagen aus mehreren Zeitungen nahezu wortgleich abgeschrieben hat.
Kann ihm der Doktor aberkannt werden?
Die Uni Bayreuth hat Verteidigungsminister Guttenberg zwei Wochen Zeit gegeben, sich zu den Plagiatsvorwürfen zu äußern. Ein Jura-Professor an seiner alten Uni, Diethelm Klippel, prüft als "Ombudsmann für Selbstkontrolle in der Wissenschaft" die Anschuldigungen. Mit welchen Konsequenzen Guttenberg rechnen muss, ob er sogar den Dr. in seinem Namen streichen muss, hängt vom Ergebnis dieser Prüfung ab. Allerdings ist es auf Doktoranden-Ebene so: Wer erst einmal seine Prüfung bestanden hat, behält seinen Titel meist.
Was sagt er selber?
Guttenberg selbst und sein Doktorvater, der emeritierte Verfassungsrechtler Peter Häberle, haben die Vorwürfe zurückgewiesen. "Der Vorwurf, meine Doktorarbeit sei ein Plagiat, ist abstrus", sagte der Minister. Er will jedoch prüfen, ob er bei den mehr als 1200 Fußnoten Fehler gemacht hat. An der Dissertation hätten keine Mitarbeiter mitgewirkt, beteuerte er. "Die Anfertigung dieser Arbeit war meine eigene Leistung."

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