Plagiatsvorwürfe Union erleichtert über Guttenbergs Beichte

Aus "abstrusen" Vorwürfen werden plötzlich "gravierende Fehler": Karl-Theodor zu Guttenberg will seinen Doktortitel niederlegen. Die Union hofft, die Plagiatsaffäre ist damit ausgestanden. Doch die Opposition sieht den Minister schwer beschädigt - und attestiert ihm Realitätsverlust.

Verteidigungsminister Guttenberg (CSU): "Den Überblick verloren"
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Verteidigungsminister Guttenberg (CSU): "Den Überblick verloren"

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Berlin - Es war ein großes Mea Culpa, eine Beichte auf offener Bühne. Er entschuldige sich von Herzen bei jenen, die er verletzt habe, sagte Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Montag bei einer CDU-Veranstaltung im hessischen Kelkheim. Er habe wohl "den Überblick über die Quellen verloren", mitunter sei Peinliches dabei herausgekommen.

Die Rede war von seiner Dissertation, jener Arbeit, die in großen Teilen nicht aus seiner Feder stammt und ihn deshalb in den letzten Tagen in arge Bedrängnis brachte. Nachdem er die Plagiatsvorwürfe erst abstrus genannt hatte, hat Guttenberg sich am Ende doch ein Geständnis abgerungen. Und den Titel will er auch nicht mehr behalten.

Die Frage ist nur: Rettet er so sein Amt?

Geht es nach der Union, ist die Antwort klar: Natürlich. Am Dienstag kann Guttenberg sich vor Zuspruch aus den eigenen Reihen kaum retten. Vorneweg Angela Merkel. "Die Bundeskanzlerin findet die Entscheidung Karl-Theodor zu Guttenbergs, auf den Doktortitel zu verzichten, richtig", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Dienstag der Nachrichtenagentur dpa.

Hervorragende Arbeit als Minister

Neue Solidaritätsadressen kommen auch aus der Bundestagsfraktion von CDU und CSU. "Geschlossen, einmütig und wie ein Mann" stehe man hinter Guttenberg, erklärte CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich. Auch Fraktionsgeschäftsführer Peter Altmaier (CDU) sprach von "großer Geschlossenheit hinter der politischen Leistung des Ministers". Diese Leistung und der wissenschaftliche Aspekt müssten unabhängig voneinander betrachtet werden, auch um die Universität Bayreuth bei ihrer wissenschaftlichen Bewertung der Dissertation nicht unter Druck zu setzen.

Damit unterstützte Altmaier die Linie der Kanzlerin, die am Montag ebenfalls versucht hatte, die aus ihrer Sicht hervorragende Arbeit Guttenbergs als Minister von seiner wissenschaftlichen Karriere zu trennen. In der Sitzung des Fraktionsvorstands am Montagnachmittag versicherte auch Unionsfraktionschef Volker Kauder Guttenberg die volle Unterstützung. "Wir haben allen Grund, zu ihm zu stehen", wird Kauder von Teilnehmern zitiert. Der Beifall, so heißt es, soll groß gewesen sein.

Zuspruch gibt es auch aus dem Südwesten der Republik. Der baden-württembergische Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) erklärte, Guttenberg habe "die Sache in geeigneter Weise gelöst". Er habe sich aus freien Stücken zu einem sehr klugen Schritt entschlossen. "Das ist aller Ehren wert", sagte der CDU-Politiker dem "Hamburger Abendblatt". Der Christsoziale werde eine wichtige Rolle im baden-württembergischen Wahlkampf spielen. Eine Reihe von Auftritten sei schon geplant.

Aus den Wortmeldungen spricht Erleichterung. Viele in der Union hatten auf offene Worte des Ministers gehofft. Zu erdrückend schienen zuletzt die Belege dafür, dass er in seiner Doktorarbeit freizügig abkupferte. Jetzt, so die Hoffnung, könnte die Debatte endlich erledigt sein. Der Minister hat sich entschuldigt, er will seinen Titel niederlegen - was will man mehr?

Wie steht es um Guttenbergs Glaubwürdigkeit?

Doch es bleiben Fragen. Es sind Fragen, die im Kern seine politische Glaubwürdigkeit betreffen. Noch immer bestreitet Guttenberg, in seiner Arbeit bewusst getäuscht zu haben. Das ist zumindest zweifelhaft, denn es gibt etliche Stellen in der Dissertation, die auf einen Vorsatz hindeuten. Auch bleibt der Vorwurf des Amtsmissbrauchs, nachdem der SPIEGEL am Wochenende berichtet hatte, der Minister habe in seiner Dissertation einen Text des Wissenschaftlichen Dienstes kopiert, obwohl er die Zuarbeiter des Bundestages nur für seine Abgeordnetentätigkeit hätte einspannen dürfen. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtete am Dienstag, dass Guttenberg in einem weiteren Fall den Bundestagsdienst benutzt haben soll.

Die Opposition sieht die Affäre denn auch noch nicht beendet. Im Gegenteil. Die SPD hält Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) nach dessen Doktortitel-Rückzug für irreparabel beschädigt. "Der Verteidigungsminister leidet unter einem Realitätsverlust, der kurz vor dem Rücktritt kommt", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, SPIEGEL ONLINE. Oppermann warf dem Minister ein katastrophales Krisenmanagement vor. Nach einer "aggressiven Vorwärtsverteidigung" habe sich Guttenberg zu einer "panikartigen Flucht" entschieden, so der SPD-Politiker: "Diesmal ist der Doktortitel das Bauernopfer von Guttenberg."

Auch von den Grünen kommt scharfe Kritik an der Volte des Ministers. "Das war ein dreister Auftritt mit populistischen Mitteln", sagte Grünen-Chefin Claudia Roth. Der Minister versuche, "mit Demutsgefasel etwas als Kavaliersdelikt darzustellen". Sie forderte eine Stellungnahme des Freiherrn vor dem Deutschen Bundestag.

Gelegenheit dazu bestünde aller Voraussicht nach schon an diesem Mittwoch. Die Opposition hat eine Aktuelle Stunde zu den Täuschungsvorwürfen beantragt. Noch ist ungewiss, ob Guttenberg im Parlament auftreten will. Am Dienstag gab es jedoch Hinweise, dass sich der CSU-Politiker der Debatte stellen will.

insgesamt 443 Beiträge
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Gebetsmühle 22.02.2011
1. beichte ist das eine
Zitat von sysopAus "abstrusen" Vorwürfen werden plötzlich "gravierende Fehler": Karl-Theodor zu Guttenberg will seinen Doktortitel niederlegen. Die Union hofft, die Plagiatsaffäre ist damit ausgestanden. Doch die*Opposition sieht den Minister schwer beschädigt -*und attestiert ihm "Realitätsverlust". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746960,00.html
beichten hilft vor gott bei der sündenvergebung. vor dem steuerzahler muss noch eine kräftige buße her. die partei hat überhaupt keinen grund erleichtert zu sein.
Brotfresser, 22.02.2011
2. Wie ein Bankräuber,
Zitat von sysopAus "abstrusen" Vorwürfen werden plötzlich "gravierende Fehler": Karl-Theodor zu Guttenberg will seinen Doktortitel niederlegen. Die Union hofft, die Plagiatsaffäre ist damit ausgestanden. Doch die*Opposition sieht den Minister schwer beschädigt -*und attestiert ihm "Realitätsverlust". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746960,00.html
der vor der Bank von der Polizei erwischt wird und der das Geld zurückgibt, in der Hoffnung dann straffrei davonzukommen. War ja "nur" ein Fehler.
bloub 22.02.2011
3. so einer soll mal kanzler werden?
typisch guttenberg, erst von nichts wissen wollen, wenn dann die faktenlage absolut nicht mehr zu leugnen ist, kommt der umfaller. charakterlich ungeeignet für führungspositionen.
almabu! 22.02.2011
4. Sollte die Union ernsthaft versuchen, diesen Betrüger zu retten,
Zitat von sysopAus "abstrusen" Vorwürfen werden plötzlich "gravierende Fehler": Karl-Theodor zu Guttenberg will seinen Doktortitel niederlegen. Die Union hofft, die Plagiatsaffäre ist damit ausgestanden. Doch die*Opposition sieht den Minister schwer beschädigt -*und attestiert ihm "Realitätsverlust". http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746960,00.html
dann wäre nicht nur dem Wissenschaftsstandort Deutschland sondern auch den bürgerlichen Moralvorstellungen schwerer Schaden zugefügt! Ich denke, sie werden zur Besinnung kommen? Die Zeiten von BILD-gesteuerter Polit-Soap sind vorbei...
Bengurion, 22.02.2011
5. Einer für alle, alle für einen
"Neue Solidaritätsadressen kommen auch aus der Bundestagsfraktion von CDU und CSU. "Geschlossen, einmütig und wie ein Mann" stehe man hinter Guttenberg, erklärte CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich." So ein Zitat aus dem Artikel. Ist es übertrieben zu behaupten, dass wenn man sich mit einem Betrüger und Lügner solidarisiert und "ie ein Mann hinter ihm steht", sich geschlossen als eine Bande von Betrügern und Lügnern outet??? Ich denke nicht, dass dies übertrieben ist!
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