Berlin - Die Debatte um Plagiatsvorwürfe gegen Bundesbildungsministerin Annette Schavan spitzt sich zu. Jetzt steht die Universität Düsseldorf im Mittelpunkt der Kritik. Mehrere führende Forscher gehen nach einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" mit der Hochschule hart ins Gericht: Sie kritisieren den Verlauf des Plagiatsverfahrens und das Gutachten der Universität Düsseldorf. Wie der SPIEGEL berichtete, wird der Politikerin darin vorgeworfen, in ihrer Doktorarbeit bewusst getäuscht zu haben.
Der Präsident der Humboldt-Stiftung, Helmut Schwarz, sagte der Zeitung: "Es gab schwere Fehler in dem Verfahren - die Universität sollte nun eine zweite Person bitten, die Vorwürfe sachlich zu prüfen." Es sei "skandalös", dass die Öffentlichkeit vor der Betroffenen von den schwerwiegenden Vorwürfen erfahren habe.
Reicht ein Gutachten?
Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, sagte, er sei "schon irritiert, dass in einem strikt vertraulichen, personenbezogenen Verfahren ein Gutachten an die Öffentlichkeit gerät, noch dazu bevor es von dem zuständigen Gremium bewertet wurde". Auch Jürgen Mlynek, Chef der Helmholtz-Gemeinschaft, zeigte sich "verwundert, dass die Arbeit offenbar nur von einem Hochschullehrer geprüft wurde".
Internet-Plagiatsjäger hatten Schavan vorgeworfen, in ihrer Arbeit zum Thema "Person und Gewissen" weite Passagen nicht korrekt mit Quellenangaben versehen zu haben. Die Philosophische Fakultät der Universität Düsseldorf leitete auch auf Bitte der Ministerin eine Prüfung ein. Am Wochenende war das 75-seitige Gutachten bekannt geworden.
Der Gutachter stellt darin "eine leitende Täuschungsabsicht" fest. In Schavans Arbeit sei das "charakteristische Bild einer plagiierenden Vorgehensweise" erkennbar, heißt es in der Untersuchung. Schavan selbst hatte den Bericht nach eigenen Angaben erst am Wochenende und auf Nachfrage von der Universität erhalten.
"Handwerkliche Fehler"
Ex-DFG-Präsident Wolfgang Frühwald sprach von einem "Skandal". Nach der Vorabveröffentlichung könnten die zuständigen Gremien der Universität nicht mehr frei entscheiden. "Sie stehen nun unter öffentlichem Druck", sagte er. Auch Frühwald verlangte ein Zweitgutachten. Er griff auch den Inhalt des ersten Berichts an. "Weder der Vorwurf des Plagiats noch der Vorwurf der bewussten Täuschung ist durch die Untersuchung gedeckt." Vielmehr gehe es um "handwerkliche Fehler", die nicht derart gravierend seien, dass man von einem Plagiat sprechen könne.
Rückendeckung bekam Schavan auch von ihrem Doktorvater. Gerhard Wehle bezeichnete die von ihm betreute Arbeit in der "Rheinischen Post" als "sehr beachtliche Leistung". Die Arbeit habe "absolut dem wissenschaftlichen Standard" entsprochen, sagte der Pädagogikprofessor. Schavan habe in ihrer 1980 verfassten Dissertation einen interdisziplinären Ansatz gewählt, der damals für eine junge Studentin ein "Wagnis" gewesen sei. Die Analyse sei "gelungen" gewesen, so Wehle.
Vertrauen der Kanzlerin
Grünen-Chefin Claudia Roth legte Schavan indes den Rücktritt nahe. "Sollten sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen, frage ich mich, wie ausgerechnet die für Wissenschaft und Forschung zuständige Ministerin ihr Amt noch glaubwürdig ausüben will", sagte sie dem "Kölner Stadt-Anzeiger".
Schavan weist die Täuschungsvorwürfe zurück. Sie kündigte an, sie wolle der Universität Düsseldorf eine Stellungnahme zu dem Bericht zukommen lassen. Sie werde damit aber nicht an die Öffentlichkeit gehen, "weil ich nicht die Vertraulichkeit in dem Verfahren verletzen will", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung".
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Montag erklärt, sie habe "vollstes Vertrauen" zu ihrer Ministerin. Schavan gilt als Vertraute von Merkel. Die Kanzlerin sagte in Berlin, man solle zunächst die Stellungnahme Schavans abwarten. Auch wolle sie der Entscheidung des Promotionsausschusses der Universität Düsseldorf nicht vorgreifen.
heb/AFP/dpa
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema Annette Schavan | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH