Plagiatsvorwurf Guttenberg in der Schummel-Falle

Der Verteidigungsminister steht unter Druck: Karl-Theodor zu Guttenberg hat in seiner Doktorarbeit ausführliche Zitate und ganze Textbausteine verwendet, ohne die Urheber zu nennen. Plagiatsjäger wittern Schummelei. Was ist dran an den Vorwürfen?

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CSU-Politiker Guttenberg: Hat er bei seiner Dissertation systematisch geschummelt?
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CSU-Politiker Guttenberg: Hat er bei seiner Dissertation systematisch geschummelt?


Berlin - "Wir haben wenig geschlafen in den vergangenen Nächten", sagt Felix Hanschmann. Aus Sicht des Frankfurter Uni-Dozenten und seines Bremer Kollegen Andreas Fischer-Lescano hat sich der Schlafentzug allerdings gelohnt: Die beiden Juristen sind der Meinung, Karl-Theodor zu Guttenberg schwere Schummelei beim Verfassen seiner Dissertation nachweisen zu können. Hanschmann und Fischer-Lescano werfen dem Bundesverteidigungsminister vor, in der Doktorarbeit ausführliche Zitate an verschiedenen Stellen verwendet zu haben, ohne diese kenntlich zu machen.

Ein schwerer Angriff: Guttenberg, dem politischen Überflieger der Republik, könnte die Aberkennung seiner Doktorwürde drohen. 2007 war sie dem CSU-Politiker mit der Höchstnote "summa cum laude" von der Uni Bayreuth verliehen worden. Seine Glaubwürdigkeit ist schon jetzt angekratzt - auch wenn der Verteidigungsminister die Anschuldigungen "abstrus" nennt.

Aber was ist wirklich dran an den Vorwürfen?

Auf zweieinhalb Seiten rezensiert Fischer-Lescano, Professor für öffentliches Recht an der Uni Bremen, in der Zeitschrift "Kritische Justiz" die Guttenberg-Doktorarbeit. Titel: "Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU." Die Rezension fällt im Ton nicht sehr freundlich aus. "Der wissenschaftliche Ertrag der Arbeit ist bescheiden", urteilt der Professor. Der eigentliche Kern seiner Kritik liegt jedoch woanders: "Widersteht man dem Impuls, die Arbeit mangels Substanz nach einer ersten Durchsicht gelangweilt aus der Hand zu legen und liest man etwas genauer hinein, dann zeigen sich einige formelle Auffälligkeiten."

Guttenberg, so der Vorwurf, bediene sich einer ganzen Reihe von Texten und Autoren, ohne die Urheberschaft kenntlich zu machen. Nicht aus Versehen, sondern mit Vorsatz. Quasi systematisch.

Tatsächlich gibt es etliche Stellen in der SPIEGEL ONLINE vorliegenden Doktorarbeit, die mindestens für eine problematische Zitierweise des Ministers sprechen. Immer wieder finden sich Textbausteine, die Guttenberg offenbar abkupferte - aus Schriften renommierter Rechtswissenschaftler und Zeitungsartikeln. Das heikelste Beispiel entdeckt man auf den Seiten 381 und 382. Über vier Absätze thematisiert Guttenberg den Gottesbezug in Verfassungen. Das Problem: Die Absätze stammen fast wortgleich aus einem Artikel, den die Schweizerin Klara Obermüller 2003 für die "Neue Zürcher Zeitung" verfasste. Das erwähnt Guttenberg nicht - weder in einer Fußnote noch im Literaturverzeichnis. Für NZZ-Chefredakteur Felix Müller nicht akzeptabel: Er forderte am Mittwoch eine Entschuldigung des Ministers.

Geklaute Passagen aus "SZ" und "FAZ"

Ähnlich geht Guttenberg auf Seite 394 vor. In jener Passage bedient er sich aus einem Vortrag, den der Politologe Wilfried Marxer 2004 am Liechtenstein-Institut hielt, ohne dies zu kennzeichnen. Auch ein Beitrag des CDU-Europaabgeordneten Andreas Schwab ist offenbar in Guttenbergs Werk eingeflossen. Auf Seite 326 und 327 finden sich mehrere Absätze eines im Internet veröffentlichten, bereits zehn Jahre alten Textes Schwabs über den europäischen Föderalismus. Guttenberg beließ es bei Minimal-Änderungen - doch der Name Schwab ist nirgends in der Arbeit zu lesen. Von SPIEGEL ONLINE auf die Passagen hingewiesen reagierte Schwab am Mittwoch überrascht. "Inhaltlich sind wir offenbar auf einer Linie", sagte der CDU-Europaparlamentarier. "Ob das jetzt wörtlich so hätte zitiert werden müssen, das überlasse ich Herrn zu Guttenberg."

Auf Seite 216 wiederum entdeckt man nur leicht veränderte Absätze aus einem Text des Politikwissenschaftlers Hartmut Wasser, der auf der Website der US-Botschaft in Deutschland veröffentlicht ist. Und selbst die Einleitung der Dissertation stammt nicht in Gänze aus Guttenbergs eigener Feder. Der einleitende Absatz deckt sich fast wörtlich mit einem "FAZ"-Artikel, der 1997 erschienen ist. Außerdem findet sich auf den ersten Seiten noch ein Satz, der wortwörtlich aus einem Aufsatz aus der "Süddeutschen Zeitung" kopiert ist.

Immerhin: Diese Quellen verschweigt Guttenberg nicht ganz - im Literaturverzeichnis der Dissertation entdeckt man entsprechende Hinweise.

Der Beschuldigte gibt sich gelassen. Mehr als 450 Seiten, über tausend Fußnoten - da wird doch mal ein Flüchtigkeitsfehler erlaubt sein, lautete Guttenbergs Botschaft am Mittwoch. Rückendeckung kommt von seinem Doktorvater. "Die Arbeit ist kein Plagiat", sagte Professor Peter Häberle der "Bild"-Zeitung. Klar ist aber: Wenn eine Arbeit gleich an mehreren Stellen derart auffällige Lücken enthält wie im Falle Guttenberg, muss der Autor sich Kritik gefallen lassen. Quantität ersetzt nicht die Qualität. Wer wissenschaftlich arbeitet, muss das wissen. Deutschlands Plagiatsexperten haben ihr Urteil schon gefällt: Es sehe alles danach aus, als habe der Minister systematisch geschummelt.

Rezensent Fischer-Lescano war nach Angaben seines Kollegen Hanschmann vergangenen Samstagabend auf die Plagiate aufmerksam geworden. Per Google-Suche stieß er auf zahlreiche problematische Stellen. Daraufhin informierte er Hanschmann, der sich im Moment an der Frankfurter Uni habilitieren lässt. Über die "Süddeutsche Zeitung" machten sie die Plagiats-Vorwürfe am Mittwoch öffentlich.

Fischer-Lescano und Hanschmann geben gemeinsam die Fachzeitschrift "Kritische Justiz" heraus, darin soll die Guttenberg-Rezension in zwei Wochen erscheinen. Natürlich wissen die beiden Juristen, welchen Schaden der Verteidigungsminister an der Sache nehmen könnte. Eine politische Motivation weist Hanschmann allerdings vehement zurück: Es gehe ihnen einzig um das Aufdecken der wissenschaftlichen Verfehlungen Guttenbergs, sagt er. "Hinter uns steht weder die SPD noch die Linkspartei." Dass sein Kollege Fischer-Lescano bei der linken Denkfabrik Institut Solidarische Moderne (ISM) mitmacht, habe in der Sache Guttenberg keine Rolle gespielt.

Hilfe holte sich Guttenberg nach Informationen der ARD im übrigen auch beim wissenschaftlichen Dienst des Bundestages. Wie der Sender am Mittwochabend berichtete, soll Guttenberg als einfacher CSU-Abgeordneter die Abteilung des Parlamentes mit Fachfragen beauftragt haben. Die Expertisen seien später teilweise auch in seine Dissertation eingeflossen. Die Verwendung dieser Informationen habe Guttenberg jedoch stets kenntlich gemacht.

Staatssekretär wittert Kampagne gegen Guttenberg

Dennoch ist die politische Plagiats-Debatte bereits voll entbrannt - die Opposition lässt sich die Gelegenheit nicht nehmen, Guttenberg anzuschießen. Thomas Oppermann, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, höhnte am Mittwoch gegenüber SPIEGEL ONLINE: "Kein Politiker wird gezwungen, eine Doktorarbeit zu schreiben. Aber wer eine schreibt, muss korrekt zitieren." Ähnlich bissige Kommentare kommen von Grünen und Linken.

Und auch die Guttenberg-Verteidiger machen sich nun bemerkbar - an erster Stelle CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt: "Deutschland hat eine geistvollere Opposition verdient als SPD und Grüne, die sich mit dem Abzählen von Fußnoten und Anführungszeichen in juristischen Dissertationen abmühen." Verteidigungsstaatssekretär Christian Schmidt wies die Plagiatsvorwürfe gegen Minister Karl-Theodor zu Guttenberg als "ungehörig" zurück. "Da steckt eine Kampagne dahinter", sagte er.

Forum - Schaden die Plagiats-Vorwürfe Minister Guttenberg?
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Seite 1
ewsz 16.02.2011
1. Nein, sicher nicht ...
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Davon ist nicht auszugehen. Er ist nach wie vor telegen, hat eine schicke Frau, ist adelig und kann drei Sätze frei sprechen, ohne allzu verbindlich zu werden. Alles in Butter ...
mickimücke 16.02.2011
2. ch glaube eher nicht.
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Werden Sie ihm schaden? Ich glaube eher nicht. Ausgerechnet der Mann, der in seiner Doktorarbeit abschreibt nennt einen Mann wie Wilders einen Scharlatan! Aber welchen Wert haben schon die Worte des "von und zu`s" noch ? Keinen
vatsug 16.02.2011
3. Praktikum
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Nein, der Dr. zu Guttenberg wird mit seinem Freund Kerner ein Praktikum auf der Gorch Fock absolvieren und anschliessend zum Admiral befördert. Dann werden ihn Bild, Bunte, Focus zum nächsten Kanzler aufbauen , das deutsche Volk wird jubeln und ihn wählen und das wars.
lalito 16.02.2011
4. Aller guten Dinge sind drei!
Na, wenn er jetzt den dritten, innerhalb eines Tages, zum Thema veröffentlichten Strang auch noch liest, oder lesen lässt, dann könnt er schon einen dauerhaften Schaden davontragen ;-))
Florian Geyer, 16.02.2011
5. Da wird jemand gezielt "angepinkelt"
Zitat von sysopVor vier Jahren erhielt Karl-Theodor zu Guttenberg seinen Doktortitel, jetzt kritisiert ein Juraprofessor dessen Dissertation. Dann wurden gegen den Verteidigungsminister Guttenberg weitere Fußnotenvorwürfe laut. Schaden diese nachhaltig dem Minister?
Nein, höchstens kurzfristig. Schon die Kunduzaffäre hat ihm zurecht nicht geschadet, er war noch nicht im Amt. Die Gorch Fock Affäre, den Unglücksfall in AFG und die Öffnung von Privatpost der Soldaten wird er auch überstehen. Ein Rückblick in die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zeigt, dass Minister schon ganz andere Affären, ausgesessen haben. Zudem wird der Bogen überspannt und das merkt natürlich auch der Wähler. Ich bin überzeugt, bei Umfragen gibt es noch nicht einmal Kratzer. Warum? Ganz einfach, die Mehrheit der Bundesbürger hat das Gefühl, dass hier bewußt mit allen Mitteln zu Guttenberg "angepinkelt" werden soll! Das mögen die Leute nicht!
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