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Schavans Plagiatsaffäre: Frau Doktor unter Druck

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Bildungsministerin Annette Schavan kämpft gegen den Vorwurf, in ihrer Doktorarbeit getäuscht zu haben. Die Opposition fordert Aufklärung - und ausgerechnet jetzt verhält sich das eigene Lager der CDU-Politikerin auffällig ruhig. Verliert sie den Doktortitel, wäre sie kaum im Amt zu halten.

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Bildungsministerin Schavan: Kampf gegen Täuschungsvorwurf

Hamburg/Berlin - Es braut sich etwas zusammen über Annette Schavan, und fürs erste setzt die mit Plagiatsvorwürfen konfrontierte Bildungsministerin auf das Prinzip Verteidigung: "Die Unterstellung einer Täuschungsabsicht weise ich entschieden zurück", sagte die CDU-Politikerin am Sonntag.

Die 57-Jährige reagierte damit auf einen SPIEGEL-Bericht, in dem ein Gutachten der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität zitiert wird, die seit Monaten Schavans Doktorarbeit auf Plagiatsvorwürfe untersucht. Stefan Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien, wirft der Ministerin in seiner 75-seitigen Analyse nach SPIEGEL-Informationen Täuschung vor. Im letzten Satz des Gutachtens heißt es: "Eine leitende Täuschungsabsicht ist nicht nur angesichts der allgemeinen Muster des Gesamtbildes, sondern auch aufgrund der spezifischen Merkmale einer signifikanten Mehrzahl von Befundstellen zu konstatieren." Rohrbacher beanstandet insgesamt 60 Textstellen auf der 351-seitigen Doktorarbeit "Person und Gewissen".

Das hat Wucht, auch wenn Rohrbachers Urteil noch nicht bedeutet, dass der Theologin ihr Doktortitel aberkannt wird. Zunächst wird das Gutachten an die sechs weiteren Mitglieder des Promotionsausschusses der Philosophischen Fakultät weitergereicht. Das Gremium berät am Mittwoch über eine Empfehlung an den Fakultätsrat. Dort wird über die Aberkennung des Titels entschieden.

"Es wäre hochnotpeinlich, wenn Schavan ihren Doktortitel verlöre"

Vieles ist also noch offen in dem Fall, dennoch ist die Lage für Schavan ausgesprochen heikel. Eine Bildungs- und Forschungsministerin, die sich gegen den Vorwurf wehren muss, in ihrer Dissertation absichtlich getäuscht zu haben, ist alles andere als gelungene Eigen-PR. Vor allem wird Schavans Problem auch zu einer weiteren Belastung für die schwarz-gelbe Regierung.

Der politische Gegner brachte sich entsprechend bereits am Sonntag in Stellung. Das Gutachten der Düsseldorfer Universität sei ein "schwerwiegender Vorwurf" gegen Schavan, erklärte Thomas Oppermann, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Die Ministerin habe "an Herrn zu Guttenberg strenge Maßstäbe angelegt. Sie muss klären, ob diese Maßstäbe auch für sie selber gelten." Oppermann bezog sich damit auf Äußerungen Schavans während der Affäre um ihren damaligen Kabinettskollegen Karl-Theodor zu Guttenberg, der später wegen seiner Plagiatsaffäre zurücktreten musste. "Als jemand, der selbst vor 31 Jahren promoviert hat und in seinem Berufsleben viele Doktoranden begleiten durfte, schäme ich mich nicht nur heimlich", hatte sie damals gesagt.

Auch die Linke übte Kritik. "Schavan muss ihr Schweigen brechen. Eine Bildungsministerin, der die Aberkennung ihres Doktortitels droht, wäre eine schwere Belastung für die amtierende Regierung und jedenfalls keine Werbung für die Bundesrepublik", sagte Parteivize Heinz Bierbaum SPIEGEL ONLINE. Auch die Grünen forderten Aufklärung: "Es wäre hochnotpeinlich, wenn sie als Wissenschaftsministerin ihren Doktortitel verlöre. Sie muss schnellstmöglich und umfassend zu den Vorwürfen Stellung nehmen", sagte Kai Gehring, bildungs- und hochschulpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion.

Keine unterstützenden Worte aus dem eigenen Lager

Vom liberalen Koalitionspartner der Union kamen vorsichtig zurückhaltende Worte: "Frau Schavan muss in dem Verfahren jetzt eine faire Chance erhalten, sich zu allen Vorwürfen äußern zu können. Sobald das Ergebnis des Fakultätsrates auf dem Tisch liegt, muss es auch im politischen Raum diskutiert werden", sagte Patrick Meinhardt, bildungspolitischer Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion.

Schavans Parteifreunde blieben am Sonntag auffällig still. Zwar gilt die Ministerin als Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel. Dass aber die Regierungschefin noch einmal Stellung für ein wegen Plagiatsvorwürfen angeschlagenes Kabinettsmitglied bezieht, dürfte unwahrscheinlich sein. Während der Guttenberg-Affäre hatte Merkel gesagt, sie habe den CSU-Politiker nicht als wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt. Das kam damals nicht sonderlich gut an. Seit 1998 ist Schavan Mitglied im CDU-Parteivorstand, aber bei den vorigen zwei Stellvertreterwahlen erhielt sie jeweils das schlechteste Ergebnis. Inzwischen gilt in ihrem Ulmer Wahlkreis nicht einmal mehr ihre Aufstellung für die Bundestagswahl als sicher. Parteifreunde haben ihr unter anderem ihr Eintreten für den früheren baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus in der EnBW-Affäre übel genommen.

Immerhin: Ihr Ministerium führt sie vergleichsweise erfolgreich. Es gelang ihr, sich gegen den Spartrend zu stellen und mehr Geld für ihr Ressort herauszuschlagen. So drückte sie etwa ihr Prestigeprojekt "Deutschlandstipendium" gegen viele Widerstände durch, auch die Abkehr der CDU vom traditionellem Schulsystem bereitete sie vor. Vor allem diese Neuausrichtung nahmen ihr die Konservativen in der Union übel, sie beschwören noch immer den Dreiklang aus Haupt- und Realschule sowie Gymnasium.

Schavan kämpft jetzt um ihren einzigen Abschluss. Sie promovierte, ohne vorher ein Diplom oder einen Magister zu machen. Es dürfte auch ein Kampf um ihre politische Zukunft werden. Hat sie jetzt noch die Kraft, ihr momentan wichtigstes bildungspolitisches Vorhaben voranzutreiben, eine Grundgesetzänderung? Dabei geht es um das sogenannte Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern: Die Ministerin will erreichen, dass der Bund Hochschulprojekte dauerhaft mitfinanzieren darf - was die Verfassung noch untersagt. Bildung ist schließlich Ländersache. Doch der Plan geht den Landesministern nicht weit genug - sie traten auf die Bremse.

Viel wird jetzt davon abhängen, wie die Uni verfährt, an der Schavan vor über 30 Jahren promovierte. Ihr Fall ist nicht so eindeutig wie der von Guttenberg: Die Arbeit des Freiherrn ist in weiten Teilen zusammenkopiert. Bei den Vorwürfen gegen Schavan geht es vor allem um Verschleierungen. Es werde an vielen Stellen nicht deutlich, wie weitgehend sie sich bei anderen Autoren bediente. Sollte die Uni gegen sie entscheiden, wird es schwer werden für die Merkel-Vertraute.

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insgesamt 145 Beiträge
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1. Scheinheilig und verlogen !!
daslästermaul 14.10.2012
Zitat von sysopDPABildungsministerin Annette Schavan kämpft gegen den Vorwurf, in ihrer Doktorarbeit getäuscht zu haben. Die Opposition fordert Aufklärung - und ausgerechnet jetzt verhält sich das eigene Lager der CDU-Politikerin auffällig ruhig. Verliert sie den Doktortitel, wäre sie kaum im Amt zu halten. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/plagiatsvorwurf-opposition-fordert-aufklaerung-von-ministerin-schavan-a-861227.html
ist die Dame; und damit als Bildungsministerin kaum mehr tragbar. Der Rücktritt wäre da eigentlich nur noch das Beste !!
2. Ich fordere 5 Jahre Haft für Schavan
frank_rademacher 14.10.2012
Gutachten her Gutachten hin, selbst ist der Mann, schauen sie sich das doch mal unter www.schavanplag.wordpress.com selbst an! Wenn unter dieser Page, nicht frei erfundenes dargestellt ist, braucht es in meinen Augen, keinen Gutachter mehr, um Schavan zu überführen. Die Fundstellen zeigen klar auf, das Schavan beim Abschreiben nicht versehentlich und zufällig mal eine gleiche Formulierung, eines anderen Autors verwendet hat, ohne dessen Buch zu kennen. Nein, man kann ganz klar den Versuch der vorsätzlichen Täuschung erkennen. Eine Vielzahl von Indizien - etwa Umformulierungen der Originaltexte, Umstellung der Syntax, Verwendung von Synonymen sowie einzelne Auslassungen. Ich komme zum Ergebnis, das die Guttenbergtäuschungen besser waren. Herr Staatsanwalt, bitte übernehmen Sie!
3. Die Schavan ist gut im Aussitzen!
suplesse 14.10.2012
Da muss aber noch mehr kommen, sonst geht die nicht!
4. Ich würde Ihnen zustimmen,
derandersdenkende 14.10.2012
Zitat von daslästermaulist die Dame; und damit als Bildungsministerin kaum mehr tragbar. Der Rücktritt wäre da eigentlich nur noch das Beste !!
wenn nach einem Wechsel eine Verbesserung zu erwarten wäre. Dies bezweifle ich aber ganz energisch!
5. Schlechtachten
robine 14.10.2012
Gutachter, die ohne Diskretion in einem laufenden Verfahren ihre Arbeit veröffentlichen, diskreditieren sich selbst und widersprechen jeglichem Anstand
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