Planspiel der Rürup-Kommission Zahnbehandlung soll Privatsache werden

Drohen jedem Kranken 900 Euro Extrakosten im Jahr? Die Rürup-Kommission zur Reform des Sozialsystems erwägt offenbar eine solche Selbstbeteiligung der gesetzlich Krankenversicherten. Zudem soll kräftig beim Zahnarzt gestrichen werden.


Das tut weh: Zahnbehandlung nur noch auf eigene Kosten?
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Das tut weh: Zahnbehandlung nur noch auf eigene Kosten?

Frankfurt/Main - Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung sind eine Eigenleistung in Höhe von jährlich 900 Euro bei Krankheit und die komplette Streichung der heutigen Versicherungsleistungen für Zahnbehandlung im Gespräch. Nur mit solch radikalen Maßnahmen bleibe das Gesundheitssystem bezahlbar, zitierte die Zeitung Kommissionsmitglied Bernd Raffelhüschen.

"Die Patienten müssen sich darauf einstellen, deutlich mehr für die Gesundheit zu bezahlen", sagte der Wirtschafts- und Sozialexperte nach Angaben des Blattes. Eine nachhaltige Reform der Sozialsysteme werde zwangsläufig eine höhere Selbstbeteiligung und die Streichung von Leistungen wie Zahnbehandlung und Zahnersatz vorsehen müssen. Laut "Bild" schlägt Raffelhüschen vor, zunächst die Kassenerstattungen für Zahnarztleistungen ab 2005 in jährlichen Schritten um zehn Prozent zu verringern und von 2014 an ganz zu streichen.

"Arme nicht am Gebiss erkennen"

Der Sparbeauftragte für die Gesundheitspolitik: Bert Rürup
AP

Der Sparbeauftragte für die Gesundheitspolitik: Bert Rürup

Außerdem solle für die ambulante Behandlung und für Medikamente eine Selbstbeteiligung von 900 Euro im Jahr eingeführt werden. Der Kassenbeitrag könne dadurch von zurzeit durchschnittlich 14,4 Prozent auf 12,4 Prozent gesenkt werden.

Der Vorsitzende des Klinikärzte-Verbandes Marburger Bund, Frank Ulrich Montgomery, widersprach Raffelhüschen. "Dass man künftig die Armen an ihrem Gebiss erkennt, ist in unserem Sozialsystem nicht denkbar", sagte Montgomery der Berliner Zeitung "Der Tagesspiegel".

Die Deutschen seien zwar bereit, mehr für eine verbesserte Zahnprothetik zu bezahlen, die komplette Übernahme der Zahnheilkosten ließen sie sich aber nicht gefallen. "Da beißen sie zurück", zitierte das Blatt den Verbandschef.

Weitere Kritik an Bonusregelungen

Unterdessen wandte sich nach der Bundesärztekammer auch der Hartmannbund gegen Überlegungen der Krankenkassen für Bonusregelungen. Die bislang diskutierten Vorschläge seien sehr bürokratisch und schwierig umzusetzen, Hausärzte könnten eine gesunde Lebensweise ihrer Patienten kaum kontrollieren, sagte der Vorsitzende der Ärzteorganisation in Rheinland-Pfalz, Eckhard Schüler, im Südwestrundfunk.

Spezielle Untersuchungen, etwa um den Verzicht auf Nikotin zu belegen, verursachten zudem Kosten. Sinnvoller sei ein Ausbau der Prävention, sagte Schüler. Viele Vorsorgeuntersuchungen würden heute noch nicht umfassend in Anspruch genommen. Mit der Stärkung solcher Angebote könnten Patienten motiviert und von den Kassen belohnt werden, wenn sie sie in Anspruch nähmen, sagte der rheinland-pfälzische Hartmannbund-Vorsitzende.

Die Techniker Krankenkasse teilte unterdessen mit, dass die Arzneimittelausgaben für ihre Mitglieder im vergangenen Jahr weiter gestiegen seien. Für den Zeitraum von Januar bis Oktober 2002 lag die Steigerungsrate gegenüber dem Vorjahreszeitraum bei 6,7 Prozent je Mitglied, wie die TK am Mittwoch in Hamburg erklärte. Betrugen die TK-Ausgaben für Medikamente von Januar bis Oktober 2000 noch 228 Euro pro Mitglied, waren es im gleichen Zeitraum des Jahres 2001 bereits 257 Euro und 274 Euro in den ersten 10 Monaten 2002.



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