Polit-Ikone Petra Kelly Tod einer Charismatikerin

Petra Kelly kämpfte für den Frieden, dafür schulterte sie das Leid der Erde. Politisch war sie damit erfolgreich - als Mensch zerbrach sie daran. Vor 15 Jahren wurde die charismatische Mitbegründerin der Grünen von ihrem Lebensgefährten Gert Bastian im Schlaf erschossen.

Von Saskia Richter


Konzentriert sitzt sie im Fernsehstudio. Die Kamera läuft. Die zierliche Frau trinkt noch einen Schluck Wasser, bevor der Moderator sie als "the best-known leader of West Germany’s Green Party" vorstellt. Dass Petra Kelly am 10. Juli 1983 in der US-Fernsehsendung "Meet the Press" auftritt, ist vielleicht der Höhepunkt ihrer Karriere.

Von dort geht es bergab - bis zu jenem bitteren und immer noch rätselhaften Ende vor nun 15 Jahren: In der Nacht zum 1. Oktober 1992 erschießt ihr Lebensgefährte, der ehemalige General Gert Bastian, Petra Kelly im gemeinsamen Haus und tötet sich anschließend selbst. Das Bild der Särge, die aus dem schlichten Reihenhaus im Bonner Stadtteil Tannenbusch getragen wurden, ist bis heute im kollektiven Gedächtnis haften geblieben.

Eine halbe Amerikanerin

Petra Kelly wurde am 29. November 1947 im schwäbischen Günzburg geboren. Ihr leiblicher Vater, Siegfried Lehmann, verließ die Familie als sie noch ein Kleinkind war. 1958 heiratete ihre Mutter John E. Kelly, Oberst der U. S. Army. Petra Lehmann nahm den Namen ihres Stiefvaters an und ging mit den Eltern in die USA - eine zutiefst prägende Erfahrung. Als sie 1970 nach Europa zurückkehrte, hob sie sich durch ihr "amerikanisches" Selbstbewusstsein ebenso von anderen Altersgenossen ab wie durch den intellektuellen Bezug zur US-Bürgerrechtsbewegung - und nicht zuletzt auch durch das Nicht-Erleben des für viele Deutsche dieser Generation prägenden "1968".

Initialzündung für Kellys politisches Engagement war der Krebstod ihrer zehnjährigen Halbschwester Grace 1970. Petra Kelly machte die "unmenschlichen" Therapieversuche für den tödlichen Verlauf der Krankheit verantwortlich. Sie gründete die "Grace P. Kelly Vereinigung zur Unterstützung der Krebsforschung für Kinder e.V." und entwickelte den "Kinderplaneten", ein psychosoziales Modellprojekt zur besseren Betreuung von Kindern in Krankenhäusern. Ihr 1983 erschienenes Buch "Um Hoffnung kämpfen" widmete sie Grace, die sie "durch ihr Krebsleiden auf den Weg in die Anti-Atom-Bewegung gebracht" habe.

Bald nahm die zierliche, aber energiegeladene Kelly die "globalen Überlebensfragen" ins Visier, die sie in einem SPIEGEL-Interview im Juni 1982 aufzählte: "Kriegsgefahr, Rohstoffraubbau, Bevölkerungswachstum, Verelendung der Menschen". Ende der siebziger Jahre war Petra Kelly allgegenwärtig, wo sich neue soziale Bewegungen bildeten: Anti-Atom-, Gleichberechtigungs-, Friedens-, Arbeitnehmerrechtsgruppen – überall war Kelly vorneweg dabei.

Leid als Leitmotiv

Ihr Weg an die Spitze der alternativen Polit-Szene war kometenhaft: 1977 wurde sie Mitglied im Bundesvorstand des Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz, zwei Jahre später Spitzenkandidatin der Wahlliste "Sonstige Politische Vereinigungen – Die Grünen" für die Europawahl 1979, im März 1980 dann erste Parteisprecherin der von ihr mitbegründeten Partei "Die Grünen". Es folgten Wahlkämpfe auf Landes- und auf Bundesebene. Nach dem Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 wurde Kelly, neben Marieluise Beck-Oberdorf und Otto Schily, Sprecherin der Fraktion.

Ihr Leitmotiv blieben das Leiden des Menschen und die Ungerechtigkeiten dieser Welt. An der litt Petra Kelly selbst, und nicht zu knapp. Oft schrieb sie darüber, wie schwach sie sich fühlte, wie wenig als Teil einer Gemeinschaft. Seit ihrer Kindheit war sie nierenkrank. Sie litt unter der Schule, sie litt unter dem Verlust des Vaters und dem sozialen Stigma der Scheidung. Später, als sie zwischen 1972 und 1982 als Verwaltungsrätin bei der Europäischen Gemeinschaft arbeitete, litt sie unter der Brüsseler Bürokratie, als Grünen-Politikerin unter ihren Parteigenossen und als Bürgerin unter den Vorgaben der Regierenden.

Doch statt Rückzug suchte sie die Offensive in der Verkündigung ihrer persönlichen Utopie von einer gewalt- und herrschaftsfreien Gemeinschaft aller Erdenbürger. Und sie stieß damit auf Resonanz: Waschkörbeweise gingen Zuschriften bei ihr ein, einhundert Briefe an einem Tag registrierte sie im April 1985. Die Absender waren politisch Gleichgesinnte, aber auch Hilfe- wie Heilsuchende. Kelly sei "ein grüner Hoffnungsschimmer in dieser grauen trostlosen Welt", schrieb ihr eine Frau im Dezember 1983.

Der General und die Pazifistin

Ihre Männer hatte Petra Kelly stets in ihrem beruflichen Umfeld gefunden. Den letzten, Gert Bastian, lernte sie im November 1980 kennen. Im gleichen Jahr war der Berufsoffizier nach einem öffentlichen Streit mit dem damaligen SPD-Verteidigungsminister Hans Apel über die Richtigkeit des NATO-Doppelbeschlusses aus dem Dienst ausgeschieden. Sein Seitenwechsel zur Friedensbewegung und spektakulärer Abgang aus der Bundeswehr machten Bastian zu einem umworbenen Aushängeschild der alternativen Szene.

Der General und die Pazifistin gefielen sich in ihren jeweiligen Rollen, und sie gefielen einander. Als Erstunterzeichner des umstrittenen "Krefelder Appells" zur einseitigen Abrüstung begann ihre Beziehung. Mitte der achtziger Jahre bezogen sie ein gemeinsames Haus in Bonn. Von hier aus arbeiteten sie gemeinsam, auch als sie ihre früheren Ämter und Funktionen und den Kontakt zu den Grünen verloren hatten – Bastian seit dem Ende seiner Zeit als Bundestagsabgeordneter 1987, Kelly nach dem Scheitern der Grünen bei der Wahl 1990.

Mit der Professionalisierung der Grünen verblasste die Strahlkraft von Petra Kelly. Die Unbedingtheit, die zu Beginn der achtziger Jahre noch ihre große Stärke gewesen war, beschleunigte nun ihren Abstieg. Und sie scheiterte auch persönlich an ihren Ansprüchen: Nie gelang es ihr etwa, das friedliche Öko-Leben zu führen, dass sie predigte und von ihrer Umwelt verlangte. In die Natur ging sie beinahe nur zu Filmaufnahmen. Ihre Friedfertigkeit war begrenzt, sie eckte an, sie nervte, strapazierte Mitarbeiter mit endlosen Anweisungen und überzogenen Präsenzforderungen.

Und auch politisch manövrierte sie sich selbst in die Isolation. Die Friedensbewegung stieß sie mit ihrem Abrücken vom "Krefelder Appell" vor den Kopf, innerhalb der Grünen hielt sie sich fern von "Fundis" wie "Realos", den beiden sich formierenden Parteiflügeln. Sie konnte keine Kompromisse schließen, verlangte bevorzugte Behandlung und sparte nicht mit Kritik an Mitstreitern. Die Partei sollte etwa ihre Rentenversicherung finanzieren, während sie sich gleichzeitig weigerte, weiter den vereinbarten Teil der Abgeordnetendiäten an die Partei abzuführen. Schließlich trieb sie den Konflikt mir Partei und Fraktion auf die Spitze, als sie ihr Abgeordnetenmandat behielt, anstatt der Beschlusslage der Grünen zu folgen und es im Zuge der "Rotation" zur Halbzeit der Legislaturperiode abzugeben.



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