Politik im Netz Wenn Angela zum Plausch lädt

Auch Angela Merkel ist jetzt drin. Seit heute hat die CDU-Chefin eine neue Internet-Homepage und wagte zur Einweihung den Chat mit dem Bürger. Wer eine offene Debatte erwartete, sah sich getäuscht: Kritische Fragen mussten leider draußen bleiben.

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Angela Merkel bei der Präsentation ihrer Homepage: Kritische Fragen müssen draußen bleiben
DDP

Angela Merkel bei der Präsentation ihrer Homepage: Kritische Fragen müssen draußen bleiben

Berlin - Merkels Website glänzt mit ausgeklügelter Dialektik: "Politik ohne Lüge" lautet das mutige Motto gleich auf der Eingangsseite. Darüber eine CDU-Chefin, die offenbar per elektronischer Frischzellenkur um mindestens zehn Jahre verjüngt wurde.

Dass Merkel das klassische Paradoxon "Politik ohne Lüge" zum "Projekt" erhebt, sagt viel aus über die deutsche Politik an sich, und zu der gehört bekanntlich auch die CDU. Im Chat wollen wir es wissen: Bedeutet das Ohne-Lügen-Projekt eine Abkehr von früheren, ganz anders gearteten Projekten der CDU, wie etwa der Kostenprognose für die Wiedervereinigung oder der milliardenschweren Versprechen vor der letzten Bundestagswahl?

Keine Antwort. Die Frage taucht nicht einmal auf der Chat-Seite auf.

Vielleicht ein technischer Fehler? Ein zweiter Versuch: Warum hält man es bei der CDU offenbar für nötig, mit retuschierten Bildern die Attraktivität der Parteichefin zu steigern? Wieder nichts. Ob Frau Merkel mit der "Politik ohne Lüge" nicht in Konflikt gerate mit der Vergangenheit ihres Parteifreundes Roland Koch? Noch eine Frage, die draußen bleiben muss.

Andere Teilnehmer haben größeres Glück: Ob sie noch nie gelogen habe und in der Politik Notlügen erlaubt seien, will ein gewisser Herr Werner wissen. "Ich glaube, man darf in der Politik auch einmal nicht alles sagen, was man weiß", antwortet Merkel. Entfernt klingelt ein leises Glöckchen. War da nicht ein Lügen-Ausschuss, der sich einzig um die Frage dreht, ob die Bundesregierung vor der Wahl das Desaster der öffentlichen Haushalte verschwieg?

Angela-Merkel.de: Wo kann man hier seine Meinung sagen?

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Eine Steilvorlage für bohrende Fragen ist das. Man sieht sie förmlich, die Finger, die überall in Deutschland fieberhaft auf Tastaturen einhämmern, um die CDU-Chefin in Bedrängnis zu bringen. Es folgt ein einminütiges Hoffen, ein kritischer Geist möge den Elfmeter verwandeln. Es folgt die Frage: "Guten Tag Frau Merkel, die neue Seite ist ja echt chic. Wie viele Fremdartikel kommen denn da noch?" Wieder sieht man vor dem geistigen Auge die Finger der Chatter. Sie hören auf zu tippen und raufen stattdessen die Haare ihrer Besitzer.

Verzweifeltes Warten auf die nächste Frage. Nach einer weiteren endlosen Minute: "Machen Sie auch mal Urlaub? Und wie ist es, wenn Sie Gerhard Schröder treffen und die Kameras sind nicht dabei? Können Sie dann ganz normal miteinander reden?" Man glaubt die Köpfe der Chatter zu sehen, wie sie auf die Tastaturen krachen.

Es beschleicht einen das Gefühl, irgendwo säßen ein paar Mitglieder der Jungen Union und spielten der Chefin die Bälle zu. "Wie schnell könnten die katastrophalen Beziehungen zu den USA wieder hergestellt werden, wenn ein Regierungswechsel stattfinden würde?", will einer wissen. Der nächste fragt, warum die CDU in Niedersachsen so viele neue Anhänger gefunden hat.

Endlich Zeit für klare Antworten: Ende Februar, erklärt Merkel, werde sie in die USA reisen, um zu "zeigen, dass wir uns der Freundschaft mit diesem Land bewusst sind". Und Christian Wulff stehe deshalb so gut da, weil er "eine wirklich redliche Politik macht und nicht jeden Tag eine neue Sau durchs Dorf jagt".

Immerhin darf eine Userin den Verdacht äußern, dass Merkel nur "die ihr genehmen" Beiträge zulasse. Die CDU-Chefin kontert prompt: Ein Teilnehmer habe ja bereits kritisch gefragt, und außerdem sei die Zweiflerin "extra aufgefordert, Ihre Meinung auf meiner Homepage zu hinterlassen". Wir suchen lange. Doch die entsprechende Feedback-Funktion, die sich im Bereich "Politik ohne Lüge" befinden soll - sie existiert nicht.



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