Politik-Quereinsteiger Siegfried Balke Franz-Josef Strauß' generöser Geldeintreiber

Schwarze Kassen inklusive: Der Manager Siegfried Balke förderte den jungen Franz Josef Strauß - vor allem mit Geld. Der wiederum ebnete ihm dafür Weg in die Politik und bis ins Bonner Postministerium. Doch dort scheiterte Balke am lahmen Beamtenapparat und fehlendem politischen Instinkt.

Von Robert Lorenz


Er füllte die schwarzen Konten von Franz Josef Strauß. Schon in den Gründerjahren der Bonner Republik finanzierte Siegfried Balke die politische Imagekampagne des wortgewaltigen Bayern über verdeckte Spendenkanäle. In den fünfziger Jahren wechselte er dann aber die Seiten und machte selbst in der Politik Karriere. Das Außergewöhnliche daran: Balke war ein politisch Spätberufener, zum Zeitpunkt der Ernennung zum Minister noch nicht einmal Parteimitglied. Dennoch – oder gerade deshalb – erschien der seinerzeitige Direktor der traditionsreichen Wacker-Chemie GmbH für das Amt des Post- und Fernmeldeministers, immerhin Dienstherr von annähernd 300.000 Beschäftigten, prädestiniert.

Siegfried Balke: Zu pragmatisch für die Politik
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Siegfried Balke: Zu pragmatisch für die Politik

Gleichwohl: Balkes Berufung im November 1953 geriet zum Überraschungscoup. Denn kaum jemand kannte seinerzeit den promovierten Chemiker und Vorsitzenden des Vereins der Bayerischen Chemischen Industrie, der da auf dem Ticket der CSU ins Kabinett gekommen war. Außerdem passte er soziologisch überhaupt nicht zu den Bayern: Balke war 1902 in Bochum in der preußischen Provinz zur Welt gekommen, ein Zugezogener und Protestant. Doch hatte er der Politik, besonders aber der CSU, zum Zeitpunkt seines Seiteneinstiegs keineswegs fern gestanden.

Balke war ein waschechter Lobbyist. In Bayern sorgte er als Vertreter dortiger Unternehmer dafür, dass die CSU vor wichtigen Wahlen rechtzeitig zu genügend Geld kam – schließlich galt es für die Wirtschaftsbosse, eine sozialdemokratische Regierung zu verhindern. Ganz besonders galt seine Aufmerksamkeit jedoch einem vielversprechenden Nachwuchspolitiker: Franz Josef Strauß. Der spätere Übervater der Christlich-Sozialen stand Anfang der fünfziger Jahre als Chef der CSU-Landesgruppe noch am Beginn seiner turbulenten Karriere, zeichnete sich aber bereits als zukünftig wichtiger Mann ab. Ihn speziell hatten die bayerischen Industriellen auserkoren, um sich auch in Bonn Einfluss auf die Regierungsgeschäfte zu verschaffen. Balke finanzierte Strauß mit Unternehmergeldern in der Bundeshauptstadt ein schickes Büro und überwies ihm jeden Monat auf ein Spezialkonto einen für damalige Verhältnisse opulenten Geldbetrag – man sprach von 3500 bis 5000 Mark.

Balke erwarb sich seine innerparteilichen Meriten deshalb nicht Plakate klebend auf der Straße oder während bierseliger Ortsvereinssitzungen in miefigen Hinterzimmern bayerischer Gaststätten, sondern als Strauß' "Finanzminister", wie er sich amüsiert zu bezeichnen pflegte. Und als solcher bedurfte er dann auch keiner weiteren Druckmittel und Qualifikationen, um von der CSU an die Spitze des Postministeriums gehievt zu werden, als es dieses nach der Bundestagswahl 1953 neu zu besetzen galt. Als eifriger Spendensammler hatte sich Balke um die Partei ausreichend verdient gemacht.

Ob Strauß ihm damit allerdings einen Gefallen erwies, ist zu bezweifeln. Denn der energische Manager konnte in der Politik seine Ideen, Reformvisionen und Projektabsichten nicht mehr geradewegs umsetzen. An Balke lässt sich mithin illustrieren, wie Politiknovizen aus der Wirtschaft – effiziente Strukturen, rasche Entscheidungsfindung, präzise Vorgaben und Ziele sowie eindeutige Kompetenzen gewohnt – mit der hauptberuflichen Politik auf eine enervierende, ihrem Handlungsverständnis häufig genug verrückt anmutende Veranstaltung treffen. Denn im Postministerium ließ sich nicht nach betriebswirtschaftlichen Maßstäben kalkulieren, die Briefmarkengebühren etwa waren "politische Preise", mit denen sich die Regierung schnell Ärger bei den Wählern einhandeln konnte. Als Atomminister, der er 1956 als Nachfolger von Strauß wurde, hatte er sich den verworrenen Restriktionen des Föderalismus und den Eigeninteressen der Landesregierungen zu fügen. Und am Kabinettstisch musste er sich von seinen Ministerkollegen regelmäßig anhören, wie verschwenderisch seine Etatforderungen mal wieder seien.

Der Wirtschaftsmann Balke konnte darüber nur die Augen verdrehen. In Verhalten und Mentalität war Balke insofern ein typischer Seiteneinsteiger. Dieser Politikertypus verhält sich in aller Regel unkonventionell und bringt für die Spielregeln des Politischen wenig Verständnis auf. So auch Balke: Seine Zuarbeiter verblüffte er, weil er seine Reden selbst schreiben wollte. In der von Beamten durchzogenen Bundespost hätte er am liebsten den Leistungslohn eingeführt, die Behäbigkeit politischer Aushandlungsprozesse war ihm ein Graus. Und natürlich mokierte sich der gestandene Manager auch gerne über "die" Politiker. Doch ein solcher Esprit gestaltet sich in der Politik schnell zum Problem. Wo es auf die präventive Einbindung politischer Gremien wie der CSU-Landesgruppe oder das informelle Koalieren und Konspirieren mit Kabinetts- und Fraktionskollegen ankam, verließ sich Balke allein auf die Autorität sachlich richtiger Maßnahmen und die Protektion seines Mentors Strauß.

Wie die meisten Seiteneinsteiger haderte Balke mit den oftmals frustrierenden Charakteristika des Politikbetriebs: dem Zwang zur Rücksichtnahme auf sachfremde Aspekte, aufgesplitterten Zuständigkeiten, komplizierten und langwierigen Entscheidungsprozessen, erst Recht der unzureichenden Autorität des Amts. In dieser Hinsicht war Balke zweifelsohne apolitisch: Ihn interessierte die möglichst effektive Bewältigung seiner Aufgaben, nicht aber genuin politische Techniken wie Loyalitätsbeschaffung und Gefolgschaftssicherung. Seine Ministerkarriere endete dann auch schlagartig.



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