Politik und Alkohol: Tabubruch im Berliner Trinkbetrieb

Von Annelie Naumann

"Ich bin alkoholkrank": Der CDU-Abgeordnete Schockenhoff bricht mit seinem mutigen Bekenntnis ein Tabu. Trinkende Politiker gibt es in Berlin zuhauf, doch niemand redet gerne darüber. Beginnt jetzt eine neue Debatte über das Thema Sucht und Politik? 

Unionsfraktionsvize Schockenhoff: "Ich brauche Hilfe" Zur Großansicht
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Unionsfraktionsvize Schockenhoff: "Ich brauche Hilfe"

Berlin - Der Abgeordnete Andreas Schockenhoff fiel bislang eher selten auf. Als Außenpolitik-Experte der CDU/CSU-Bundestagsfraktion arbeitete er ruhig seine Themen ab. Doch nun steht er plötzlich im Rampenlicht. Sein Bekenntnis ist äußerst ungewöhnlich: " Mir ist bewusst, dass ich alkoholkrank bin", gab er in einer persönlichen Erklärung zu.

Auslöser für das Geständnis war ein Problem mit der Justiz: Dem stellvertretenden Unionsfraktionsvorsitzenden steht ein Ermittlungsverfahren wegen Unfallflucht und Trunkenheit im Verkehr bevor, seine Immunität soll aufgehoben werden.

"Die letzten Jahre haben mich gesundheitlich und beruflich sehr gefordert", so Schockenhoff. Zugleich entschuldigt sich der 54-Jährige bei seiner Familie, die er durch seine "Krankheit schwer belastet" habe.

Der Fall Schockenhoff wirft ein Schlaglicht auf ein heikles Thema: Politik und Sucht. Leben und Beruf des Politikers sind kein Kindergeburtstag, sondern eine ständige Versuchung: ein Sommerfest einer Landesvertretung, ein Besuch im Wahlkreis, ein Stammtisch im Restaurant - viele Abgeordnete kommen ständig mit Alkohol in Kontakt. Manch einer trinkt mehr, als ihm guttut.

Hinzu kommt: Alkohol baut Stress ab, zumindest gefühlt. Viele Politiker stehen unter Druck, unter ständiger Beobachtung der Medien. Miriam Meckel, ehemalige Staatssekretärin in Nordrhein-Westfalen, stellt fest: Politiker seien gefangen in einem "Zwangssystem aus Terminen" und "einer Menge Alkohol" - und damit im Grunde "bedauernswerte Existenzen".

Man wird misstrauisch und hart. Und einsam, wie Michael Glos (CSU) kürzlich in einem SPIEGEL-Gespräch bestätigte. Der damalige Wirtschaftsminister, der in seinem Amt oft unglücklich wirkte, ist seit 35 Jahren Mitglied des Deutschen Bundestags. Er beschreibt das Leben eines Abgeordneten als permanenten Ausnahmezustand: "Ich kann mich an keinen sogenannten parlamentarischen Abend eines Verbandes, einer Botschaft, einer Lobby erinnern, bei dem das Alkoholangebot nicht reichhaltig war."

Auch der ehemalige Bundestagsabgeordnete Wolfgang Kubicki (FDP) hat sich vor der Bundespolitik in Sicherheit gebracht. Er wolle nicht in den Bundestag, um nicht Alkoholiker zu werden und seine Frau zu betrügen, erzählte er.

Neu ist das Phänomen nicht, allerdings wurde bislang eher selten darüber gesprochen. Wer es dennoch tat, galt schnell als Nestbeschmutzer.

1983 sagte Joschka Fischer: "Der Bundestag ist eine unglaubliche Alkoholikerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt. Je länger die Sitzung dauert desto intensiver." Die Empörung bei seinen Kollegen war groß - obwohl jeder wusste, dass er recht hatte.

Franz Josef Strauß konnte einige Gläser vertragen

Als starker Trinker galt CSU-Legende Franz Josef Strauß. Mehr als einmal trat er alkoholisiert vor Parteifreunden auf, debattierte lallend im Bundestag über Staatsverschuldung, damals noch im Schwarzweiß-Fernsehen übertragen. Auch ein FDP-Abgeordneter leistete sich einen ähnlichen Fauxpas. Die alkoholgeschwängerte Rede aus dem Jahr 1994 wurde inzwischen 835.000-mal bei YouTube angesehen.

Nur wenigen wurde die Trinkerei bislang zum Verhängnis. Man kann durchaus Politiker sein und gleichzeitig ordentlich einen heben. Es ist in Berlin ein akzeptiertes Vergehen, sozusagen gesellschaftsfähig. Brenzlig wird es für die Karriere nur dann, wenn man im Rausch Unfug anstellt.

So wurde der Wahlkampfchef der Berliner Grünen, André Stephan, vor einigen Tagen am Steuer seines Autos aufgegriffen. Nach dem Hoffest des Regierenden Bürgermeisters fanden ihn Polizeibeamte offenbar alkoholisiert in seinem Auto vor, dem 31-Jährigen wurde der Führerschein entzogen. Drei Monate vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus wurde der Wahlkampfmanager von seinen Aufgaben entbunden. Stephan wollte sich gegenüber SPIEGEL ONLINE wie auch in anderen Medien nicht dazu äußern.

Ehemaliger Innensenator mit 1,96 Promille

Auch früher gab es schon ähnliche Fälle. Der damalige Bundestagsabgeordnete Heinrich Lummer (CDU) wurde 1996 mit 1,96 Promille am Lenkrad erwischt. Ein Unfall des CSU-Politikers Otto Wiesheu endete dramatisch. Unter Alkoholeinfluss verursachte der damalige Parteigeneralsekretär 1983 einen Unfall, bei dem ein Mann starb. Allerdings hinderte das die CSU nicht daran, ihn später zum Verkehrsminister zu machen.

Alkohol im Politikbetrieb ist kein deutsches Phänomen: Der österreichische Rechtspopulist Jörg Haider starb mit 1,8 Promille Alkohol im Blut, als er gegen einen Betonpfeiler raste. Der erste russische Präsident Boris Jelzin dirigierte sturzbetrunken das Berliner Polizeiorchester - nicht sein einziger Alkoholaussetzer.

Wie es mit dem mutigen Bekenner Schockenhoff weitergeht, ist ungewiss. Er will nach eigenen Angaben in den nächsten Tagen eine stationäre Therapie beginnen. Während seiner Behandlung wird er für Rückfragen nicht zur Verfügung stehen. Allerdings glauben viele in Berlin: Seine politische Karriere dürfte damit beendet sein.

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insgesamt 225 Beiträge
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1. ...
McMacaber 08.07.2011
... darauf erstmal ein gläschen :-) apropos " Die alkoholgeschwängerte Rede aus dem Jahr 1994 wurde inzwischen 835.000 Mal bei YouTube angesehen." über einen link würde ich mich sehr freuen, danke!
2. ...
dhanz, 08.07.2011
Zitat von sysop"Ich bin alkoholkrank": Der CDU-Abgeordnete Schockenhoff bricht mit seinem mutigen*Bekenntnis ein Tabu.*Trinkende Politiker gibt es in Berlin zuhauf, doch niemand redet gerne darüber.*Beginnt jetzt eine neue Debatte über das Thema Sucht und Politik?* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,773205,00.html
Trinkende Politiker? Nun, das erklärt Einiges.
3. Sätze streichen
hypnos 08.07.2011
Zitat von sysop"Ich bin alkoholkrank": Der CDU-Abgeordnete Schockenhoff bricht mit seinem mutigen*Bekenntnis ein Tabu.*Trinkende Politiker gibt es in Berlin zuhauf, doch niemand redet gerne darüber.*Beginnt jetzt eine neue Debatte über das Thema Sucht und Politik?* http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,773205,00.html
Man könnte bei den Diäten ja den Anteil für Alkohol und Zigaretten streichen (und das im richtigen Verhältnis zu Hartz IV).
4. Wo ist das Problem
followthemoney 08.07.2011
CDU ... das ist doch Opposition, die dürfen doch Trinken, oder?
5. Nein!
panzerknacker51, 08.07.2011
Zitat von dhanzTrinkende Politiker? Nun, das erklärt Einiges.
Das erklärt leider gar nichts. Man sollte die Damen und Herren nur noch im Rausch ans Mikro lassen; dann werden wir wenigstens weniger belogen. Betrunkene sagen ja angeblich die Wahrheit...
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