Politiker a.D. Die "rote Lilo" schwingt jetzt den Wischmopp

Von wegen Aufsichtsratsposten und Bestseller-Biografie: Eine aktuelle Studie belegt, wie schwer sich viele Spitzenpolitiker nach ihrem Ausscheiden aus dem Beruf tun – auf dem Arbeitsamt ernten die exotischen Jobsucher nur ungläubige Blicke.


Ihr Markenzeichen, die knallige Haarfarbe, ist geblieben – viel mehr aber auch nicht: Das Leben der "roten Lilo" hat sich im vergangenen Jahr radikal geändert. Bis dahin saß Lilo Friedrich, 57, für die SPD im Bundestag und half Gerhard Schröders Kanzlermehrheit sichern. Heute schwingt Friedrich hauptberuflich Wischmopp und Staubsauger, als Putzfrau für 11,50 Euro die Stunde.

"Die Zeit nach Ende des Mandats war grausig", erzählt die Sozialdemokratin über den Knick in ihrer Berufskarriere. "Vorher habe ich gedacht, dass jeder, der arbeiten will, auch Arbeit bekommt." Das denkt die gelernte Näherin, die in mehreren Sozialverbänden arbeitete, nach rund 100 fehlgeschlagenen Bewerbungen nun nicht mehr. "Da kamen Absagen über Absagen."

Dabei hätte Friedrich einen neuen Job dringend gebraucht, denn die Familie ist auf das Einkommen angewiesen. Friedrichs Mann ist Frührentner, zwei der sechs Kinder sind noch in der Ausbildung. Der einzige Ausweg: "Ich mache mich als Putzfrau selbständig", eröffnete die "rote Lilo" ihrer verdutzten Familie am Frühstückstisch.

Schwierige Rückkehr

Glaubt man einer neu erschienenen Studie, dann ist das Schicksal von Lilo Friedrich keine Ausnahme: Ehemalige Bundestagsabgeordnete tun sich sehr schwer damit, nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament wieder in einem Beruf Fuß zu fassen. Zu diesem Ergebnis kommt die Sozialwissenschaftlerin Maria Kreiner von der Universität Oldenburg, die die Lebenswege ehemaliger Volksvertreter analysiert hat. Für ihr Buch ("Amt auf Zeit. Eine Verbleibsstudie über ehemalige Bundestagsabgeordnete") befragte Kreiner Ex-MdBs aus allen im Bundestag vertretenen Parteien.

Fast alle werten das Ausscheiden aus dem Parlament als tiefen Einschnitt in ihrem Leben: Mit dem Mandat verlieren sie Status und Macht – Weihen, für die man, so ein Ex-Abgeordneter, "jahrelang Zettel" verteilt und sich die "dümmsten Veranstaltungen" angetan habe. Den Verlust müsse man "erst mal verkraften".

Mitleid mit seinen ehemaligen Repräsentanten muss das Wahlvolk sicherlich nicht haben: Die Tätigkeit ist gut bezahlt, überstehen die Politiker zwei volle Wahlperioden, dann bekommen sie eine ansehnliche Pension. Doch die winkt erst mit 65, und bis dahin ist der Weg häufig noch weit.

Einige Volksvertreter stürzen sogar in die Arbeitslosigkeit. "Man sieht nur immer die, die ordentlich kassieren, aber das Heer derjenigen, die auf die Nase fallen, sieht man nicht", zitiert Kreiner einen Abgeordneten. Das Dilemma: Für viele potenzielle Berufe sind Ex-Politiker hoffnungslos überqualifiziert. "Da bleiben eigentlich nur Führungspositionen oder die Selbständigkeit", analysiert Kreiner.

Ungläubige Blicke auf dem Arbeitsamt

Antje Radcke, 46, saß zwar nicht im Bundestag, war aber Bundesvorsitzende der Grünen, danach Vorstandssprecherin der GAL in Hamburg. Als im Jahr 2001 der rot-grüne Senat in Hamburg abgewählt wurde, musste sie gehen. "Nach drei Monaten Übergangsgeld war dann Arbeitsamt angesagt", erzählt Radcke. Dort erntete sie ungläubige Blicke, man habe zunächst nicht so richtig gewusst, was mit der ehemaligen Spitzenpolitikerin anzufangen sei: "Ich passte in kein Raster", erzählt Radcke.

Bei ihrer Partei wollte sie nicht betteln, sie bewarb sich stattdessen bei Verbänden und Organisationen. Dort habe sie sich zumeist Absagen eingehandelt nach dem Motto "Wir würden ja gerne, Frau Radcke, aber wir sind unabhängig." Diese Zurücksetzung aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit habe sie als "entwürdigend" empfunden, erzählt Radcke. Bei einem Gesundheitsverband klappte es, Radcke arbeitete zwei Jahre lang als Geschäftsführerin.

Mittlerweile hat sich Radcke als PR-Beraterin und Kommunikationstrainerin selbständig gemacht und berät vor allem kleinere und mittlere Unternehmen aus der Branche der Erneuerbaren Energien. "Das war der richtige Schritt", so Radcke. "Eine Fähigkeit habe ich als Politikerin ja ganz automatisch erworben: Reden."

Die finanzielle Ausstattung von Ex-Politikern werde in der Öffentlichkeit überschätzt, sagt Radcke: "In der Bevölkerung herrscht die Meinung, dass jeder, der einmal Berufspolitik gemacht hat, unglaublich reich sei. Das ist natürlich nicht so."

"Ihr Gesicht ist verbrannt"

Für den Statusverlust werden die Ehemaligen nicht unbedingt mit neu gewonnener Freiheit entlohnt, erzählt Kreiner: "In der Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger bleiben die ehemaligen Abgeordneten bis ans Ende ihres Lebens Politiker. Das ist etwas, was sie nicht mehr als Image losbekommen, auch wenn sie wieder in neue Arbeitszusammenhänge treten." Das Dauer-Etikett empfänden viele Ex-Politiker als Stigma: "Es wird ihnen die Möglichkeit genommen, sich selbst neu zu definieren."

"Ich bezahle jetzt den Preis dafür, dass mit meinem Gesicht immer etwas verbunden wird", erzählt Angela Marquardt. Die heute 35-jährige saß von 1998 bis 2002 für die PDS im Bundestag, sie fiel dort unter anderem durch ihren Haarschnitt auf, der ihr den Spitznamen "Polit-Punkerin" einbrachte. Marquardt brach mit der PDS, beendete ihr Politikstudium an der Freien Universität in Berlin und ging danach "ganz normal auf Jobsuche, so normal wie das für jemanden wie mich möglich ist".

Die Erfahrungen waren ernüchternd: "Mein Bekanntheitsgrad stand mir im Weg", sagt Marquardt. Eine Firma habe sogar eine Absage mit der Begründung geschickt "Ihre Biografie passt nicht in unser Unternehmen". Marquardt versuchte es über Praktika bei verschiedenen Medien, doch auch dort sei ihr deutlich gemacht worden: "Ihr Gesicht ist für die nächsten zehn Jahre verbrannt." Erschwerend sei hinzugekommen, dass "viele Leute sich gar nicht vorstellen können, dass Ex-Abgeordnete einen Job suchen müssen". Sie selbst war direkt vom Abitur in die Politik gegangen und schrieb nun mit Anfang 30 ihre ersten Bewerbungen.

Marquardt arbeitet mittlerweile als wissenschaftliche Mitarbeiterin der SPD-Bundestagsabgeordneten und ehemaligen Juso-Vorsitzenden Andrea Nahles und ist dort für das Fachgebiet Rechtsextremismus zuständig. Bei den mühsamen Versuchen, einen neuen Beruf zu finden, sei ihr deutlich geworden: "Meine Resozialisierung in der Gesellschaft ist derzeit nur über eine Partei möglich."

Parteien lassen ihre Ex-Soldaten fallen

Insbesondere Abgeordnete aus Ostdeutschland gerieten häufig in wirtschaftliche Kalamitäten, erzählt Kreiner: Beruf oder Arbeitgeber seien häufig mit der Wende weggefallen, die Abgeordneten hatten keine Gelegenheit, sich eine neue berufliche Existenz aufzubauen. "Die Abgeordneten werden im Prinzip dafür abgestraft, dass sie sich in der Wendezeit um die deutsche Einheit bemühten anstatt um ihr eigenes Fortkommen."

Doch auch im Westen fallen die Abgeordneten teilweise tief. So berichtet Kreiner von einem CDU-Bundestagsabgeordneten, der es als Postbeamter im gehobenen Dienst ins Parlament geschafft hatte. Nach seiner Rückkehr war der gelbe Riese aber privatisiert, der Ex-MdB nicht mehr zu gebrauchen. Er sei vor die Alternative Frühpensionierung oder Briefsortierzentrum gestellt worden und habe schließlich nach großen Mühen wieder ein kleines Auskommen in der Kommunalpolitik gefunden.

Auf Starthilfe von den eigenen Parteigenossen dürfen die Ex-Abgeordneten nicht hoffen, die hätten sich, so ein Abgeordneter, einen "feuchten Kehricht gekümmert". Angela Marquardt betont, sie habe erst gar nicht versucht, über PDS-Kontakte an Jobs zu kommen, auch Antje Radcke wollte nicht bei den Grünen vorstellig werden.

Besonders schlecht auf die Parteifreunde ist Lilo Friedrich zu sprechen: Diese hätten auf ihren neuen Beruf mit "Naserümpfen" und Überheblichkeit reagiert. "Dort herrscht die Vorstellung, dass man so etwas nicht tut, wenn man in Berlin war. Als weibliche Abgeordnete darf man nach deren Meinung vielleicht später ein Nagelstudio aufmachen oder sich in der Kultur engagieren."

Zum Glück für Friedrich reagieren die ehemaligen Wähler mit weniger Berührungsängsten auf ihre, so Friedrich, "ehrliche Dienstleistung". Friedrich ist ausgebucht, mittlerweile beschäftigt sie drei Mitarbeiterinnen als Putzhilfen.



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