Von Florian Gathmann und Anna Reimann
Berlin - Sie werde auf keinen Fall zulassen, dass ihre Familie am Ende immer den Kürzeren ziehe. Als SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles diesen Satz sagte, war sie hochschwanger. Nahles ahnte im November 2010, ein paar Wochen vor der Geburt, dass es schwer werden würde mit Job und Kind. Sie sagte, ihr Job sei einer, der Begehrlichkeiten wecke.
Eigentlich müssen Politiker aus der ersten Reihe allzeit verfügbar sein. Sonst sind sie bei den Verteilungskämpfen möglicherweise außen vor, auch bei wichtigen Entscheidungen. Spitzenpolitiker erleben ständig, wie sehr ihre Karriere davon abhängt, dass sie auch am Abend und am Wochenende mitten in ihrem Beruf stehen - obwohl sie politisch vielleicht genau für andere Lebensmodelle streiten. Es ist kein Zufall, dass Bundestagsabgeordnete im Durchschnitt weniger Kinder haben als der Rest der Bevölkerung. In kaum einem anderen Berufsfeld gilt es als so wichtig, immer erreichbar zu sein, immer dabei zu sein.
So war es zumindest bisher.
Zu Zeiten von Helmut Kohl war der sonntägliche Kirchgang oft die einzige Zeit, die der CDU-Chef mit seiner Familie verbrachte. Das Problem: Politikerfreunde waren auch im Gotteshaus. "Wir liefen auf seiner politischen Bühne mit", schreibt Sohn Walter in seinen Erinnerungen, "als Teil des Bühnenbildes, aber ohne tragende Rolle." Eine Auszeit für den Spitzenpolitiker Kohl, der Kanzler als Vater oder als Privatmensch, das gab es wohl nicht.
Aber die Zeiten ändern sich: Das Modell Kohl - so wollen manche Top-Politiker nicht mehr leben. Immer mehr von ihnen wagen es, Auszeiten zu nehmen. Oder sie sehnen sich zumindest öffentlich danach. Es ist der Wunsch, ein bisschen mehr vom normalen Leben zu haben, nach einer Work-Life-Balance mit einem größeren Anteil Life.
Modell von der Leyen
Als Vorreiterin des Anti-Kohl-Modells sieht sich Arbeitsministerin Ursula von der Leyen. "Ich kann nur richtig abschalten, wenn ich mich an den Wochenenden aktiv mit anderen Sachen als Politik beschäftige", sagt die Mutter von sieben Kindern. Ihr Sprecher ruft dann nur an, wenn es unumgänglich erscheint - offenbar ist das eher die Ausnahme als die Regel. Nachrichten schaut die CDU-Ministerin am Wochenende gar nicht, heißt es, die Sonntagszeitungen liest sie erst spätabends auf dem Weg zurück nach Berlin. Es klingt beinahe zu schön, um wahr zu sein. Immerhin ist von der Leyen auch CDU-Vizechefin.
Bei der Auszeit aus der Politik sei "die Dynamik der Kinder natürlich enorm hilfreich", sagt die Ministerin. "Ich bin sehr froh über diese starke Gegenwelt zu meinem Leben als Ministerin in Berlin."
Von der Leyen ist ein Beispiel dafür, dass man auch als "Freizeit-Politikerin" oben mitmischen kann. Allerdings hat sie es dabei auch deutlich leichter als andere: Zum einen gibt es keine Frau, die ihr in der CDU das Wasser reichen könnte. Vor allem aber kann die Arbeitsministerin von der Leyen der Republik vorleben, wie man Karriere und Familie unter einen Hut bekommt. Ein besseres Rollenmodell als die Ministerin hätte sich ihr Haus gar nicht ausdenken können.
Das gilt auch für Familienministerin Kristina Schröder: Sie ist die erste Politikerin der Republik, die als Kabinettsmitglied ein Kind bekam. Seit einem Dreivierteljahr taktet die Ministerin ihren Alltag auch nach den Bedürfnissen von Tochter Lotte. So vermeidet es die CDU-Politikerin, vor acht Uhr morgens aus dem Haus zu gehen, Auftritte im Morgenmagazin von ARD und ZDF sagt sie grundsätzlich ab. Dahinter steckt die Überzeugung, dass ihre Tochter so einen sanfteren Start in den Tag hat.
Termine am Wochenende nimmt Schröder ungern wahr, gemeinsam mit ihrem Mann Ole Schröder - er ist Staatssekretär im Bundesinnenministerium - versucht sie, möglichst einen Tag in der Woche politikfrei zu halten. Erreichbar ist Schröder aber per E-Mail und Handy trotzdem. Selten dauert es länger als zehn Minuten, bis es auch an Sonntagen eine Antwort der Ministerin auf wichtige Anfragen gibt. "Wenn ich gefragt werde, ob ich einen bestimmten Termin wahrnehme, bin ich ehrlich und sage: Diesen Sonntag möchte ich mit meiner Tochter verbringen", sagt die Ministerin. "Wenn ich als Familienministerin mich nicht traue, zu meinen familiären Pflichten zu stehen, wie sollte ich das Selbstbewusstsein dazu dann überzeugend anderen Arbeitnehmern empfehlen?"
Nahles und Schröder haben Probleme
Die Familienministerin scheint zunächst in einer ähnlich komfortablen Situation wie ihre Kollegin von der Leyen zu sein. Der Unterschied: Schröder konnte politisch bisher nicht profitieren. Ganz im Gegenteil. Die Ministerin dringt, genau wie SPD-Generalsekretärin Nahles, kaum mehr durch, seit sie ihr Kind bekommen hat.
Ist es also unmöglich, Kinder, Familie und Spitzenpolitik erfolgreich unter einen Hut zu bekommen? Weil eben die Mehrheit keine Rücksicht nimmt, so lange es sich nur um Ausnahmen handelt? Oder machen Nahles und Schröder ihren Job einfach nicht gut genug?
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