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Politiker im Fernsehen: Der Tsatsiki-Trick

Sie sind die ausgebufftesten Studio-Gäste, der Alptraum der Moderatoren: Franz Müntefering, Markus Söder und Hans-Christian Ströbele. Um vor TV-Kameras gut auszusehen, wenden sie diverse Tricks an: Schmusekurs, modische Gemeinheiten oder Trödelei. Von Peer Schader

Wenn Hans-Christian Ströbele in eine Talksendung eingeladen ist, läßt er sich vorher schon mal viel Zeit. Er schaut sich in seinem Büro vielleicht noch den Beginn der "Tagesschau" an, steigt dann auf sein Fahrrad und radelt in aller Seelenruhe in Richtung Fernsehstudio, wo der Moderator schon schweißgebadet darauf wartet, daß der Grünen-Politiker endlich eintrifft, weil es nicht gerade ein Traum ist, eine Live-Sendung ohne Gäste anzufangen. Es ist fast Viertel nach acht, aus dem Studiofenster kann man sehen, wie Ströbele gemütlich um die Ecke radelt, dann läuft der Vorspann, der Moderator steht an seinem Platz, Ströbele hat sein Rad abgeschlossen, kommt ins Studio und stellt sich ans Pult, als sei nichts gewesen.

Kurz darauf geht die Kamera an. Und der Zuschauer zu Hause hat nichts von alldem gemerkt. "Ströbele drückt dadurch seine Distanz zur Politik im Fernsehen aus", glaubt Frank Plasberg, der im WDR den Polittalk "Hart aber fair" und für die ARD den "Wahl-Check 05" moderiert. Wenn er schon ins Fernsehen muß, signalisiert Ströbele mit seinem Timing, dann bitte schön nach seinen Regeln.

Ein bißchen Strategie ist natürlich auch dabei. Plasberg: "Wenn der Gast erst in der letzten Sekunde eintrifft, macht das einen Moderator nervös." Soll es ja auch.

Natürlich nehmen nicht alle Politiker ihre Fernsehauftritte so locker wie Ströbele, vor allem nicht, wenn Wahlkampf ist. Viele haben ihre eigene Strategie, um im Fernsehen eine gute Figur zu machen. Beim TV-Duell zwischen Gerhard Schröder und Edmund Stoiber gab es deswegen vor drei Jahren unzählige Absprachen. In diesem Jahr soll es entspannter werden.

Im Tagesgeschäft geht es vielen Politikern oft um eher harmlose Details, die sich ihre Berater ausgedacht haben. Helmut Kohl achtete stets auf ein angemessenes Sitzmöbel, um vor der Kamera nicht zu massig zu wirken. Angela Merkel kann es nicht leiden, von der Seite gefilmt zu werden. Gerhard Schröders Pressesprecher Bela Anda schaut penibel darauf, vor welchem Hintergrund der Kanzler steht, und ist bei Kameramännern gefürchtet dafür, immer noch im letzten Moment Änderungswünsche zu haben.

Viele Journalisten glauben jedoch, daß der Einfluß der Spin Doctors, also solcher Leute, die einen Politiker in seinem öffentlichen Auftreten beraten, überschätzt wird. Thomas Leif, Chefreporter TV beim SWR, sagt: "So viele Leute, die einen direkten Zugang zu einem Politiker haben, gibt es gar nicht." Wer wie Schröder im Umgang mit Medien geübt sei, setze sich gerne auch mal über die guten Tips der Ratgeber hinweg.

Oder verzichtet ganz darauf. Als Sat.1-News-Chef Thomas Kausch für das Talk-Experiment "Flurfunk Berlin" vor wenigen Wochen Wirtschaftsminister Wolfgang Clement interviewte, standen keine nervösen Berater daneben, um Clement Anweisungen zu geben, wie er sich verhalten solle. "Wolfgang Clement ist ein typisches Beispiel für absolute Uneitelkeit", sagt Kausch. "Das Interview begann in dem Moment, als wir das Mikrophon angemacht haben. Es gab vorher keine Absprachen, keine Maske, keine Sonderwünsche." Die beiden lehnten einfach auf dem Balkon des Wirtschaftsministeriums und unterhielten sich. Vielleicht hat Clement aber auch geahnt, daß kaum jemand zusehen würde, und den Sat.1-Schnellschuß deshalb nicht ganz so ernst genommen.

Zuviel Lockerheit ist aber riskant. Manchmal brauchen Politiker deshalb einen guten Trick, um sich gegen allzu kritische Fragen eines etwas zu gut vorbereiteten Moderators zu wappnen. Franz Müntefering beherrscht das perfekt. Als der SPD-Chef bei "Hart aber fair" zu Gast war, sollte er nach einem Einspielfilm Stellung zu einer kritischen Aussage von Bundeskanzler Gerhard Schröder nehmen. Der Film war zu Ende, Müntefering hätte eigentlich antworten sollen, lenkte Moderator Plasberg aber erst einmal ab: "Ist das Ihr Wasserglas, oder ist das meins?" Plasberg erinnert sich: "Dabei standen zwei völlig eindeutig zugeordnete Wassergläser auf dem Tisch." Müntefering aber hatte erst einmal ein paar Sekunden Zeit gewonnen, um sich eine passende Antwort zu überlegen. Er habe das erst gar nicht als Trick erkannt, sagt Plasberg, bis nachher der Produzent darauf hinwies: "Genial, der Müntefering, wie er das mit dem Glas gemacht hat." Der gutgelaunte Müntefering sah das ähnlich.

Der SPD-Vorsitzende ist Spezialist für kleine Irritationen. Als er einmal bei "Vorsicht Friedman!" eingeladen war, verunsicherte er Moderator Michel Friedman, der seinen Gästen im Laufe der Sendung gerne auf die Pelle rückte, um unangenehme Fragen zu stellen, ganz einfach damit, daß er während des Vorspanns seine Brille abnahm, plötzlich völlig ungewohnt aussah und dann auch noch so weit auf seinem Stuhl vorrückte, daß er schon zu Beginn des Gesprächs dort saß, wo Friedman hingewollt hätte. Beim Griechen sei er vorher auch gewesen und habe ordentlich knoblauchgesättigten Tsatsiki verdrückt, erzählt man sich.

Markus Söder ist ähnlich gewieft. Zu "Hart aber fair" kam der CSU-Generalsekretär nicht mit Anzug und Krawatte, sondern im bunten, offenen Hemd. Dabei ist das eigentlich ein Merkmal, mit dem sich der Moderator von seinen Talkgästen unterscheiden will. Als Söder von Plasberg auf sein ungewöhnliches Outfit angesprochen wurde, erwiderte der: "Ich hab' mir Ihre Sendung genau angesehen, Sie wollen sich mit Ihrem Hemd und der fehlenden Krawatte wohl von Ihren Gästen unterscheiden."

Politiker können aber auch ungemütlich werden. Nach einem Interview, in dem die Moderatoren seinem Gespür zufolge viel zu lange über den verdrängten FDP-Spaßwahlkampf mit dem "Guidomobil" reden wollten, verließ FDP-Chef Guido Westerwelle wutschnaubend das Studio, um seinen Ärger lautstark in der Garderobe zu entladen. Ein andermal wäre eine Talkrunde mit Westerwelle fast daran gescheitert, daß die Redaktion nicht den von ihm kurz vor der Sendung gewünschten Pfefferminztee besorgen konnte. Immerhin stand das gewünschte Bügelbrett bereit, auf dem sich der FDP-Chef sein Sakko aufbügeln ließ.

Dem saarländischen Ministerpräsidenten Peter Müller sagt man nach, er knöpfe sich Journalisten persönlich vor, wenn er sich über einen kritischen Beitrag geärgert habe, und rufe deswegen auch beim Intendanten an. Wenn Gerhard Schröder in einem Interview auf einer Veranstaltung merkt, daß ihm die Fragen nicht passen, beendet er das Gespräch, indem er sich elegant zur Seite dreht, woraufhin sich seine Leibwächter nachschieben und so den unerwünschten Fragensteller wegdrängen.

Auch der im Fernsehen stets so gelassen wirkende niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff ärgert sich schon mal über unangenehme Nachfragen vor laufender Kamera, insbesondere wenn ihm das bei "seinem NDR" passiert. Dann kann es sein, daß Wulff Einladungen des Senders über ein paar Wochen boykottiert. Ungerecht behandelt fühlt sich aber jede Seite mal. Richtig sauer war auch die schleswig-holsteinische SPD, die sich nach der Ablösung von Ministerpräsidentin Heide Simonis durch ihren CDU-Konkurrenten Peter Harry Carstensen beim NDR beklagte, Heide Simonis sei während ihres TV-Duells mit Peter Harry Carstensen vor der Landtagswahl vom Sender bewußt negativ dargestellt worden. Beim NDR erinnert man sich ein klein wenig anders an die Situation. Carstensen habe sich intensiv von seinen Beratern auf die Diskussion vorbereiten lassen. Simonis hingegen habe das TV-Duell offenbar nicht so ernst genommen und sei während der Sendung auf ihrem Stuhl in sich zusammengesackt. Das hinterließ tatsächlich einen merkwürdigen Eindruck. Carstensen hingegen wirkte längst nicht so tumb, wie er zuvor in den Medien dargestellt worden war. Das hatte keiner so erwartet - vor allem Simonis nicht. Und wahrscheinlich ist das der größte Fehler, den man als Politiker im Fernsehen machen kann: die Wirkung auf den Zuschauer zu unterschätzen - selbst nach zwölf Jahren Amtserfahrung.

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.

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