Von Mathias Zschaler
Berlin - Der eine tut es, obschon er es nicht unbedingt muss, der andere sträubt sich, obwohl er eigentlich müsste. Es gibt als Motiv die Haltung, aber auch das Gegenteil davon, bloßes Festhalten - bis es zu spät ist und nur noch ein Stolpern bleibt. Ein Rücktritt kann hier eine kleinliche, peinliche Angelegenheit sein und dort ein großer, Respekt gebietender Akt, eine geradezu stilbildende Tat sein. Hierzu bedarf es allerdings des Bewusstseins, dass jenseits aller persönlichen Angreifbarkeit die Kategorie der politischen Verantwortung existiert.
Willy Brandt hat hierfür einen Standard gesetzt, als er seinen Abschied wegen der Guillaume-Affäre nahm. Dass er nicht zwingend hätte gehen müssen, weil ihm die DDR einen Spion im Vorzimmer platziert hatte, war später weithin verbreitete Überzeugung. Er hielt sozusagen, fast wie ein Märtyrer, den eigenen Kopf hin für das Versagen anderer.
Georg Leber, der als Verteidigungsminister zurücktrat, weil der Militärische Abschirmdienst sich einen Abhörskandal geleistet hatte, handelte gleichfalls auf diesem politisch-moralischen Niveau. Er ging gegen den Willen des damaligen Kanzlers Schmidt. Und für den liberalen Innenminister jener Zeit, Werner Maihofer, war es selbstverständlich, aus den polizeilichen Pannen im Zuge der Schleyer-Entführung im "deutschen Herbst" die Konsequenzen in Form der Amtsaufgabe zu ziehen.
Aufrechten Gangs die politische Bühne verlassen
Wenn es denn so etwas wie eine Rücktrittskultur gibt, so hat sie sich hier gezeigt. Das letzte eindrucksvolle Beispiel lieferte der Innenminister Rudolf Seiters, als er 1993 für das RAF-Fahndungsdesaster von Bad Kleinen geradestand und aufrechten Gangs die politische Bühne verließ.
Es bedarf offenkundig auch einer gewissen Dimension des Anlasses, um dem Rücktritt seinen Nimbus der souveränen Entscheidung zu verleihen. Und dabei kann es sich - wenn auch selten - schlichtweg um politische Überzeugung handeln, etwa um ein Nein zu solch einem illiberalen Projekt wie dem Großen Lauschangriff, der mit Kohls Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nun mal nicht zu machen war.
Ob es tatsächlich nur politische Essentials waren, die den Finanzminister Oskar Lafontaine dazu trieben, wenige Monate nach Amtsantritt die Brocken hinzuwerfen, mag bis heute dahingestellt bleiben. Jedenfalls hat er es verstanden, seinen Abgang als Folge einer generellen Absage an den Schröder-Kurs ziemlich spektakulär zu inszenieren. Die Bilder, wie er sich vom Balkon seines Hauses, den kleinen Sohn auf dem Arm, der irritierten Öffentlichkeit präsentierte, taten ein Übriges, das Ganze beinahe mythisch zu überhöhen.
Von etwas anderer Qualität waren jene Bilder des Verteidigungsministers Rudolf Scharping, der mit seiner neuen Lebensgefährtin im Pool badete, während die Bundeswehr auf dem Balkan stand. Hierdurch wie aufgrund seiner Kontakte zum Image-Berater Hunzinger wurde er untragbar, ohne es lange selbst zu merken, sodass er letzten Endes mehr oder weniger aus dem Amt getragen werden musste.
Dabei lässt sich aus der rechtzeitigen Erkenntnis der eigenen Untragbarkeit infolge persönlichen Fehlverhaltens durchaus noch Ansehenskapital schlagen, wenn denn der Rücktritt prompt und überzeugend einsichtig erfolgt. Der Grüne Cem Özdemir, der zeitweilig abdankte, als er ein Problem mit Bonusmeilen bekam, hat das ebenso vorgeführt wie Margot Käßmann, die sich seit dem promillebedingten Verzicht aufs Bischofsamt in regelrecht neuem Glanz sonnt. Auch dem früheren Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff hat seinerzeit der Karriereknick infolge der Flick-Affäre langfristig nicht geschadet, weil er selbstverständlich prompt sein Amt zur Verfügung stellte.
Man klebt an seinem Stuhl und blendet die Realität aus
Aber solche Einsicht, ob mit oder ohne Anstoß durch juristische Widrigkeiten, will sich oftmals gerade eben nicht einstellen. Man klebt an seinem Stuhl, will nicht wahrhaben, dass die Stunde längst geschlagen hat, blendet die Realität einfach aus wie einst Erich Honecker - und liefert damit dem Wahlvolk die Bestätigung für all die negativen Klischees, die über die postenversessene politische Klasse ohnehin im Umlauf sind.
Lange, quälend lange hat es gedauert, bis etwa Guido Westerwelle dämmerte, dass ihn niemand mehr als FDP-Chef haben mochte. Und nicht von ungefähr bewirkte sein Rücktritt, als er dann endlich vollzogen war, eben nicht jenen erhofften Neubeginn, sondern mündete in neue Komplikationen, einschließlich des Rücktritts des Generalsekretärs Christian Lindner, von dem bis heute keiner so recht weiß, weshalb genau er eigentlich stattfand. Das hat er, wenn auch auf anderer Ebene, mit der inzwischen nahezu legendären Flucht Horst Köhlers aus dem Schloss Bellevue gemein - einem Rücktritt, der sich letzten Endes nur unter der Rubrik Rätselhaftes einordnen lässt.
Womit wir bei seinem Nachfolger wären respektive seinem Vorgänger in puncto zweifelhaftes Rücktrittsverhalten, dem Freiherrn Karl-Theodor zu Guttenberg. Der war es nämlich, bei dem so gut wie alles zusammenkam, was man beim Zurücktreten nur falsch machen kann. Erst machte er sich glanz- und absichtsvoll mit dem Boulevard und überhaupt den Medien gemein - um sich, als es eng wurde, beleidigt abzuschotten und ein taktisches Verhältnis zur Wahrheit an den Tag zu legen. Zum persönlichen Fehlverhalten kam der stümperhafte öffentliche Umgang mit demselben.
Er verließ sich bis zum Schluss auf eine vermutete Popularität, die sich längst verbraucht hatte. Und als dann irgendwann unwiderruflich doch das Ende kam, war es nicht einmal mehr eines mit Schrecken, sondern lediglich mit einem Seufzer erleichterten Aufatmens allerseits.
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