Politikerkarriere Abschied von Fischosaurus Rex

Um 16:38 Uhr war es so weit: Nach 23 Jahren hat Joschka Fischer seine parlamentarische Existenz beendet und ein neues Leben als Privatmann begonnen. Seiner Fraktion hinterließ er ein kleines politisches Vermächtnis.

Von Yassin Musharbash


Berlin - Auf den heutigen Tag habe er sich "voller Wehmut gefreut", sagte Joschka Fischer, als alles vorbei war. All die Widersprüchlichkeit, die mit dem Abschied des Vollblutparlamentariers von seiner Fraktion verbunden ist, lag in dieser Formulierung. Denn natürlich ist sein Abgang eine Zäsur - für viele in Fraktion und Partei aber auch ein Schritt, den sie noch länger als Fischer und weniger wehmütig herbeigesehnt haben. Fischer redete denn auch gar nicht erst drum herum: Ausdrücklich bedankte er sich "auch für den Streit", den er gehabt hatte, und entschuldigte sich sogar dafür, dass er selbst nicht immer freundlich und geduldig gewesen sei. Nach 23 Jahren als Abgeordneter, erst in Hessen und dann im Bund, hat Joschka Fischer, der Politdinosaurier der Grünen, heute seinen Abschied aus dem Parlamentsleben genommen.

Ich will ich sein, anders kann ich nicht sein / Ich will nicht sein wie der und der Ich will sagen, was ich denke / Ich will ich sein, anders kann ich nicht sein

Mit ihm endet eine Schicksalsgemeinschaft. Eine Symbiose, zwischen einer Partei, die ohne ihn nie den Impetus erzielt hätte, den sie heute hat. Und dafür den Preis bezahlte, sich jahrzehntelang inoffiziell von ihm führen zu lassen. Dafür haben viele ihn zumindest zwischenzeitlich gehasst - und doch gewusst, dass es ohne ihn nicht gegangen wäre. Denn zugleich war er ja auch fast im Alleingang der, der den Grünen die Lust an der Macht beibrachte, der sie bis zur Unterstützung eines Krieges überzeugen konnte.

Hast 'ne Pause verdient, aber mehr auch nicht. / Morgen gehts weiter, warte nicht. / Spring mitten rein ins süße Leben, / du brauchst dein Geld nicht der Heilsarmee geben.

Fischer weigerte sich heute trotzdem standhaft, pathetisch zu werden. "Ich bin einer, der Türen abschließt, den Schlüssel wegwirft und dann auch nicht wiederkommt, um sie einzutreten", hatte er zuvor hinter verschlossenen Türen seiner Fraktion mitgeteilt. Es war eine kurze Ansprache, die er dort hielt, emotional, aber nicht rührig.

Zu lang war schon klar, dass er gehen würde. Auch dass Fischer ab Herbst an der US-Eliteuni Princeton lehren würde, ist seit über einer Woche bekannt. Ja, sogar seinen Rückzug aus der Politik hatte Fischer ja bereits unmittelbar nach der verlorenen Bundestagswahl angekündigt - es ging heute also nur noch um den formalen Vollzug des Abschieds. Dass dieser überfällige Tag für Fischer eine Befreiung sein würde, hatte er selbst zuletzt oft genug angedeutet. "Ich wäre, auch wenn wir gewonnen hätten, nach einem Jahr gegangen", sagte der Ex-Außenminister heute mit Blick auf die vorgezogene Bundestagswahl 2005. Entzugserscheinungen, erklärte er trotzig, werde er sicher nicht haben.

Ich will raus aus dem Ghetto,/  ich kann da nicht mehr rein. / Ich will alles und das schon heute sein

Die Grünen hatten aus diesem Grund schon zuvor angedeutet, der "Bahnhof" um den Abschied werde auch von ihrer Seite aus nicht allzu groß ausfallen. Also hielten auch Fraktionschef Fritz Kuhn, Partiechefin Claudia Roth nur kurze Ansprachen. Grünen-Urgestein Marieluise Beck erinnerte an alte Zeiten, an die erste Bundestagsfraktion der Grünen, in der auch Joschka Fischer gesessen hatte.

Ach, was waren das für Zeiten / Als ich noch jung und hübsch war,/  frisch und knackig aussah / niemals meinen Körper schonte

Sein Vermächtnis konzentrierte Fischer auf zwei Punkte: Nie, bimste er seinen Parteifreunden ein letztes Mal ein, dürften sie vergessen die Machtfrage zu stellen. Und auch das "Schwarzbrot"", die inhaltliche Arbeit, dürften sie nicht vernachlässigen. Er prophezeite sogar, dass die Partei "früher, als viele meinen" eine ernsthafte Machtoption haben könnte - vielleicht schon vor 2009. Außenpolitisches, Internationales - seit seiner Amtszeit als Außenminister sein Leib-und-Magen-Thema, fiel heute ausnahmsweise aus.

Zum Abschied gab es dann noch Champagner - und, natürlich, Geschenke: Von der Fraktion 12 Flaschen edlen Wein, von der Partei einen i-Pod und eine Doppel-CD mit einem Berliner Live-Konzert der Band "Ton, Steine, Scherben". Claudia Roth war einmal deren Managerin gewesen, und die Linksrocker standen in den Achtzigern in dem 68er-bewegten Plattenschrank. Heute sind die altvertrauten Lieder wohl eher ein wehmütiges Stück Erinnerung - aber vielleicht kann Joschka Fischer den Texten ja auch noch wegweisendes für sein neues Leben entnehmen, wie eine grüne Bundestagsabgeordnete hoffte.

"Bewegend", sagten Teilnehmer anschließend, sei die Veranstaltung gewesen. Auch Fischer nannte es einen schönen Abschied, als er kurz darauf noch zehn Minuten den dutzenden versammelten Journalisten Rede und Antwort stand. Und dann, dann gingen die Grünen wieder rein in den Sitzungssaal - und Fischer ging langsam raus aus dem Reichstag. Tat die Hände in die Taschen, dachte vielleicht schon an Princeton, und ein bisschen hörte es sich an, als würde er pfeifen.

Es ist Zahltag, Junge, und die Arbeit ist vorbei. / Tu, was du tun willst und du bist frei./  Frei!

Die Zitate stammen aus den Liedern "Shit-Hit", "Feierabend", "Ich will ich sein," "Raus (aus dem Ghetto)" von "Ton, Steine, Scherben". Sie sind auf der CD enthalten, die die Partei Joschka Fischer heute schenkte.



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