Politikveteran Glos "Ich habe Kollegen durch Alkohol sterben sehen"

Er redet sich den Frust von der Seele: Im SPIEGEL spricht Michael Glos offen darüber, dass er auf den Job als Wirtschaftsminister nicht vorbereitet war. Auch rechnet der CSU-Mann mit dem aus seiner Sicht von einsamen Karrieristen dominierten Politikbetrieb ab.

Michael Glos: Seit 35 Jahren sitzt der CSU-Politiker im Bundestag
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Michael Glos: Seit 35 Jahren sitzt der CSU-Politiker im Bundestag


Hamburg - Michael Glos wurde oft belächelt. Aber eins muss man dem früheren Bundeswirtschaftsminister und langjährigen CSU-Landesgruppenchef lassen: Er ist unter all den glatten Politikern so etwas wie einer der letzten echten Charaktertypen.

Nun geht Glos mit dem deutschen Politikbetrieb scharf ins Gericht. "Es dreht sich heute viel zu viel um die Show", sagte er dem SPIEGEL. "Als ich in der Politik anfing, gab es zwei Fernsehanstalten. Es wurde weniger diskutiert, ob jetzt einer einen gestreiften oder einfarbigen Anzug trug. Ob die Krawatte zum Anzug gepasst hat. Mein Ehrgeiz war es nie, Krawattenmann des Jahres zu werden."

In dem Gespräch über seine lange politische Karriere kritisierte Glos auch die gestiegene Zahl von reinen Berufspolitikern im Bundestag. "Es gibt zu viele Karrieristen, die sich selbst zu wichtig nehmen", sagte er. "Jeder ist sich selbst der Nächste. Alle sind Konkurrenten. Jeder möchte ein Stückchen weiterkommen. Das alles macht einsam."

Ein Abgeordnetenleben in der Hauptstadt sei "ein permanenter Ausnahmezustand", sagte der CSU-Politiker, der seit 35 Jahren dem Bundestag angehört. Die Versuchungen seien vielfältig. "Ich habe Kolleginnen und Kollegen durch den Alkohol sterben sehen. Das hat auch etwas mit der Einsamkeit des Politikers zu tun." Er habe "tragische Schicksale erlebt, bis hin zum Freitod".

Freimütig gestand Glos ein, dass er von seiner Berufung zum Wirtschaftsminister im Herbst 2005 überrumpelt worden und für die Aufgabe nicht vorbereitet gewesen sei: "Ich wusste damals nicht mal, wo dieses Wirtschaftsministerium genau stand. Ich habe sogar in der Nähe gewohnt, aber es hat mich nie interessiert. Ich hatte kaum eine Ahnung davon, was die Aufgaben dieses Ministeriums sind, um was es sich alles zu kümmern hat."



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Seite 1
Der zu spät geborene, 19.02.2011
1. Auch wenn ich Ihn...
Zitat von sysopEr*redet sich den Frust von der Seele: Im SPIEGEL spricht*Michael Glos offen darüber, dass er für den Job als Wirtschaftsministers nicht vorbereitet war. Auch rechnet der CSU-Mann*mit dem aus seiner Sicht von einsamen Karrieristen dominierten Politikbetrieb ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746524,00.html
....überhaupt nicht leiden kann, scheint Er hier wenigstens mal ehrlich zusein. Wünscht man sich von seinesgleichen öfter.
spon-1277755831106 19.02.2011
2. ein anständiger Kerl ...
... der leider nicht gesagt hat: ich mach' das nicht! Schade. Ich hätte ihn gern weiter im Politikbetrieb gesehen. Wirtschaft geht es ihm aber vermutlich gut.
fc-herrenturnverein 19.02.2011
3. Ein Anti-Guttenberg eben ...
Zitat von sysopEr*redet sich den Frust von der Seele: Im SPIEGEL spricht*Michael Glos offen darüber, dass er für den Job als Wirtschaftsministers nicht vorbereitet war. Auch rechnet der CSU-Mann*mit dem aus seiner Sicht von einsamen Karrieristen dominierten Politikbetrieb ab. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,746524,00.html
... und exakt das ist sein Fehler. Glos sah in der Politik noch eine Aufgabe, die er im Sinne Deutschlands zu bewältigen hatte. Alter Stil. Völlig passé. Dieser Druck machte ihn unsicher im Amt, aber nicht völlig dämlich oder arrogant - seine fühen Forderungen bez. der Wirtschaftskrise wurden verlacht. Danke Bild. Danke Mutti. Sein Hyperkarrieristen-Nachfolger hatte kein Konzept nur seine "teilgefälschte" Vita und den forschen Auftritt des Machers. Der Messias für brave Kleinbürger ... naja, den Empfehlungen von Glos folgten Steinbrück und Merkel dann doch, während der VzG operettenreif und substanzlos den wackeren Held auf dem Schwan im Opeldesaster spielte. Lächerlich. Auch hier wieder ohne greifbares Ergebnis. Aber die Show, die Frau, die Kinder und die Frisur stimmte. Und dafür liebt das Volk moderne Karrierepolitiker. Versprechen ohne Substanz. Ölige Stromlinienform mit nur gespielter Ernsthaftigkeit. Glänzende Fassade vor einem modrigen Inneren. Ein Typ Glos ist zu ehrlich, zu kantig, zu ehrenhaft, zu plump. Zu Sachorientiert. Das wollen "wir" scheints nicht mehr. Danke Bild. Danke Mutti M. Danke RTL. Danke die Herren Barth und Raab. Brot und Spiele, blenden, tanzen, winken ... das reicht. Deutschland schafft sich ab. Korrekt, aber um das aktuelle Deutschland ist es ja auch nicht schade, wenn ein überführter Betrüger sich mit Beliebtheitswerten von 80 % sich weiter dilettieren und filettieren darf. Wir verzeihen so kleine Fehler wie erschlichene Doktorarbeiten, gell BILD? Ein Guter Mann? Ja, ein Glos wäre das.
Europa! 19.02.2011
4. Das klingt interessant
Einen richtigen Menschen in der Politik zu sehen und ehrlich über den Betrieb reden zu hören ist eine wichtige Erfahrung. Es ist nicht gut, wie in der Öffentlichkeit über "die Politiker" geschimpft wird, die letztlich nichts andereres tun, als unsere oft widersprüchlichen und widerstreitenden Interessen und Meinungen zu einem möglichst gerechten Staatsgebilde zusammenzufügen. Ein Knochenjob, um den ich niemand beneide.
ABXEcki 19.02.2011
5. Politikveteran Glos
Genau das, was Glos hier beschreibt, ist unsere reale Politik. Es geht nur um Macht, Machterhalt und möglichst schnell Karriere machen. Viele Abgeordnete sowie Minister haben vor ihrem Posten Null Ahnung, dafür können sie aber rhetorisch mit Fachausdrücken das Wahlvolk beeindrucken bzw. hinters Licht führen. Es kann doch keiner behaupten, dass ein studierter Jurist gleich Wirtschafts- oder Verteidungsminister werden kann und entsprechend hervorragende Leistung bringt. Natürlich haben die Minister ihre Zuarbeiter und Lobbyisten, die ihnen die meiste Arbeit abnehmen. Entscheidungen trifft letztendlich der verantwortliche Minister, egal ob sie gut sind oder nicht. Verkauft werden beide Entscheidungen auf jeden Fall immer positiv. So wechselt eine Familienministerin in das Sozial- und Arbeitsministerium. In dem ersten Amt setzt sie sich für Familie und Kinder ein. Nach dem Wechsel in das andere Amt rechnet sie den maroden Staatshaushalt schön und spart ausgerechnet bei denen, für die sie sich vorher stark gemacht hat. Das ist nicht nur eine verlogene Politik, sondern zeigt, dass man aus Karrieregründen auch "über Leichen" geht.
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