Ein Debattenbeitrag von Paul Nolte
Intellektuelle in der Politik - da steigen in der bundesrepublikanischen Erinnerung unweigerlich Bilder der späten sechziger und frühen siebziger Jahre auf: Hat es nicht damals, quer durch die Parteien, brillante intellektuelle Köpfe gegeben, die Schreibtisch und Denksessel des Professors hinter sich ließen, um sich in das politische Getümmel zu stürzen, und die trotzdem originell und widerborstig blieben?
Schwarzweiß und wie im Weichzeichner sieht man Horst Ehmke vor sich, der für Willy Brandt das Kanzleramt in eine moderne Managementzentrale verwandelte; Werner Maihofer, den kunstsinnigen Strafrechtler als Innenminister; und Kurt Biedenkopf, der nach brillanter akademischer Frühkarriere Helmut Kohl half, die CDU der siebziger Jahre an veränderte Realitäten heranzuführen.
Sicher neigt der Blick in die Vergangenheit oft zur Verklärung. Kann man diese drei zum Zeitpunkt ihres Seitenwechsels bereits als "Intellektuelle" bezeichnen - oder handelte es sich nicht eher um Professoren, die ihre strahlende intellektuelle Aura erst im Laufe vieler Jahrzehnte, gestählt durch unzählige Podiumsdiskussionen und fortgesetztes Grenzgängertum erwarben? Wie viel hat sich also wirklich verändert - ist die Distanz der Intellektuellen zur Politik größer geworden? Man könnte etwa meinen, inzwischen wechselten weniger Intellektuelle, Akademiker und Professoren in die Politik, weil die Politiker mehr Wert auf ihre eigenen akademischen Titel legen.
Aber die Probleme liegen tiefer - und sind doch, gerade im deutschen Fall, auch nicht so dramatisch, wie ein Blick auf die amerikanische politische Kultur, auf die Rolle von Intellektuellen in der Politik der USA zeigt.
Die Intellektuellen sind im politischen Alltag angekommen
Im Grunde haben sich die Intellektuellen der Politik in den letzten zwei, drei Jahrzehnten sogar eher angenähert: Sie schweben nicht mehr in einer getrennten Sphäre, die ihnen freilich von manchen Politikern früher auch gerne zugewiesen wurde. Sie stellen nicht immer gleich von links die Systemfrage, oder erklären sich von rechts im Gestus des Anti-Intellektuellen, wie ihn Helmut Schelsky kunstvoll kultivierte, für inkompetent. Sie sind in der parlamentarischen Demokratie vollständig angekommen, nicht nur im Sinne des großen Bekenntnisses, sondern auch des Verständnisses für den mit ihr verbundenen Kleinkram, die alltäglichen Probleme und Reibungsverluste.
Sie sind, so könnte man pointiert sagen, inzwischen weder "Dissidenz-Intellektuelle" (Ost) noch "romantische Utopiker" (West). Aber bleibt dabei nicht die Kritik auf der Strecke, die M. Rainer Lepsius vor einem halben Jahrhundert als Kern des "Berufs" von Intellektuellen erkannt hat? Lepsius selber gehörte zu einer Generation, den jetzt oft so genannten "45ern", die mit ihrem Bekenntnis zur liberalen Demokratie des Westens dieser Ankunft in der Realität, dieser Überbrückung des alten deutschen Gegensatzes von Macht und Geist, entscheidend vorgearbeitet hatten.
Danach entstand gelegentlich wieder ein anderer Eindruck: Teile der 68er-Generation schienen sich in der Bundesrepublik dezidiert unwohl zu fühlen; und die wenigen Konservativen derselben Jahrgänge kultivierten eine überpolitische Blasiertheit wie Botho Strauß. Unter diesem Eindruck mussten die wiederum Jüngeren neu lernen, dass das berühmte "J'accuse" von Emile Zola sich auf die Anprangerung eines konkreten Missstands beziehen konnte, nicht darauf, die Demokratie in den Anklagestand zu versetzen.
Dem Volk selbst den Spiegel vorhalten
Aber nicht nur das - es geht inzwischen auch in anderer Hinsicht um einen anderen Angeklagten. Früher waren das zweifellos die Obrigkeit, der Staat, die für ihn handelnden Politiker. Die Erfahrung der Diktaturen im 20. Jahrhundert hat diese aus dem 19. Jahrhundert, von Heinrich Heine bis Zola, kommende Prägung noch verstärkt; nur allzu verständlich. Im Grunde ist darin aber ein obrigkeitsstaatlicher Gestus enthalten geblieben: dem Aufbegehren des Volkes gegen die da oben eloquenten Ausdruck zu verleihen - der in der Demokratie weiterhin notwendig ist, aber nur eine Seite der Medaille bildet.
Die andere, schwerer zu lernende Seite - und Aufgabe der Intellektuellen - jedoch ist es, dem Volk selber den Spiegel seiner eigenen Ignoranz, seiner Vorurteile, seiner Kleinkariertheiten vorzuhalten.
Man könnte das die Rolle des Eulenspiegel-Intellektuellen nennen, wenn das nicht zu sehr nach Narrheit und Schelmerei klänge. Warum sollten Intellektuelle heute automatisch auf der Seite der Gegner von "Stuttgart 21" stehen? Haben die Protestierer das Gemeinwohl gepachtet, das ihnen eine böse Obrigkeit vorenthalten will? Oder ist es die Aufgabe der Intellektuellen, darauf hinzuweisen, dass die Dinge eben etwas komplizierter liegen? Die Menschen treten für ihre Interessen ein, oder für das, was sie so wahrnehmen. Genauso soll Demokratie, im pluralistischen Modell, auch sein.
Aber nicht mit jeder St.-Florians-Position müssen sich Intellektuelle identifizieren, weil sie sich gegen die bösen Buben da oben richtet. Es kann geradezu ihre Aufgabe sein, die Demokratie zu verteidigen gegen den populistischen Defätismus ihrer Verächter.
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