Politischer Aschermittwoch Stoiber, der Ranschmeißer

Vorsichtig rutscht Parteichef Edmund Stoiber am "größten Stammtisch der Republik" in Passau an seine CSU heran. Gaudi, Suff und derbe Sprüche öffnen die verschlossenen Herzen des Parteivolks. Doch hinter den wohltuenden Jubelarien verbirgt sich Skepsis.

Von , Passau


Passau - Eigentlich ist der politische Aschermittwoch ein bierseliger Rhetorikwettbewerb für deutsche Politspitzen. Das gilt insbesondere für die CSU. Da wird auf den politischen Gegner eingedroschen, dass die Wände der Dreiländerhalle in Passau wackeln. Diesmal ist das anders: Nach Stoibers Berliner Schaukelpolitik im vergangenen Herbst ist die Partei noch immer mehr mit sich und ihrem Vorsitzenden beschäftigt als mit dem politischen Gegner. Größte Befürchtung der C-Funktionäre in den vergangenen Tagen: Die Parteibasis könnte Stoiber in Passau ausbuhen - während die Republik an den Fernsehgeräten live dabei ist.

Um aus dieser Falle herauszukommen, müsste Stoiber als Aschermittwochs-Matador ordentlich aufdrehen, dem politischen Gegner heimleuchten, sich an die eigenen Leute ranschmeißen und die Reihen hinter sich schließen. Aber weil die CSU als kleinster Koalitionspartner mit den ungeliebten Sozis am großkoalitionären Berliner Kabinettstisch sitzt, kann diese Offensivwaffe nur eingeschränkt eingesetzt werden.

"Überall in Deutschland schauen die Menschen heute auf uns"

Untypisch für die krachlederne Passauer CSU-Show appelliert Stoiber zu Anfang an die Ratio der Besucher: "Überall in Deutschland schauen die Menschen heute auf uns", sagt Stoiber, "die Leute schauen, wie ist die CSU beieinander? Wie ist der Stoiber beieinander?" Dabei schauen die Passauer Politiktouristen nur traurig in ihre Bierkrüge: "Legt's endlich los!", ertönt es von einem Tisch. Rund 3500 Besucher sind angereist, aus dem ganzen Bundesgebiet. Bayerns Wirtschaftsminister und treuer Stoiber-Adlatus Erwin Huber spricht sogar - "nach gewissenhaften Schätzungen" - von 6000 Anhängern.

Huber gibt den Einheizer für Stoiber: "Viele wollten diese Veranstaltung im Vorfeld kleinschreiben, kleinreden, klein machen", diese Kritiker werde das Parteivolk heute widerlegen. Im Übrigen sei der Passauer Aschermittwoch für die CSU "ein Jungbrunnen, hier machen wir uns stark fürs ganze Jahr".

Von Jungbrunnen ist bei Stoiber nicht viel zu merken. Er hat sich für gedeckten Anzug statt Trachtenjanker entschieden, spricht fahrig und leise, hält sich am Rednerpult fest: Die CSU sei stark, "weil wir das bayerische Lebensgefühl verkörpern", die CSU habe eine "legendäre Geschlossenheit" und so weiter. "Lauter!" rufen sie von den Bänken - und "langweilig!". Nur wenn Stoiber auf Franz Josef Strauß zu sprechen kommt, dann wird gejohlt und applaudiert in der Dreiländerhalle. Strauß, der Prototyp des Aschermittwoch-Agitators, der in gutturalem Bayerisch die Halle zum Kochen brachte und den Besuchern eine weiß-blaue Welt malte. Das wollen sie wieder haben heute, deshalb sind sie gekommen aus Nah und Fern.

Stoiber als Aschermittwochs-Buhmann

Stoiber flüchtet sich in die Vergangenheit, da gab es immerhin noch Gegner: Den Schröder natürlich, den Trittin und den Fischer. Noch einmal wirft er ihnen ihr "Macho-Gehabe", ihren "Basta-Stil" und ihre "Desaster-Politik" vor. Doch jetzt habe "der rot-grüne Klamauk endlich ein Ende". Das bringt Stimmung in die Bude, wenigstens ein bisschen.

Derweil dreht 28 Kilometer die A3 hinauf SPD-Chef Matthias Platzeck bei den Genossen in Vilshofen auf: Das Land brauche keine Menschen, die nur reden, sondern die anpacken; die CSU sei "aus Berliner Wahrnehmung komplett verschwunden". Auch FDP, Grüne sowie die Freien Wähler schlagen bei ihren Veranstaltungen in die gleiche Kerbe. Sie machen Stoiber zum Aschermittwochs-Buhmann.

In der Dreiländerhalle redet Stoiber nun schon seit einer guten halben Stunde, der Funke will einfach nicht überspringen, die Hintergrundgeräusche nehmen zu. Jüngere Gruppen sind dazu übergegangen, Trinklieder zu singen. Dabei ist das Publikum grundsätzlich bereit zum Jubel, nur ganz vereinzelt gibt es Buhrufe, auf den selbstgemalten Plakaten steht "Edmund halt' durch, Bayern braucht dich" - nur werden sie noch unter den Biertischen gehalten. Stoiber will wieder bei der Partei sein, die CSU wieder bei ihm. Aber wie?

Mit Haushaltspolitik und Ausländerthematik ran ans Publikum

Stoibers Trick: Sich selbst bringt er mit der Haushaltspolitik, das Publikum mit der Ausländerthematik in Fahrt. Jede Sparmaßnahme des Staates werde "bejammert, jede Kürzung als sozialer Kahlschlag gebrandmarkt". Das sei er leid, ruft Stoiber in die Halle, denn wo sei eigentlich die Aufregung darüber, "dass wir jedem Kind 80.000 Euro Schulden in die Wiege legen?" Jetzt ist Edmund Stoiber ganz bei sich: Zahlen und Zukunft kann er, da wirkt er echt. Die Stimme wird rauher und tiefer, der Blick intensiver.

Jetzt noch das Publikum über die Integrationspolitik mitnehmen: Bei ausländischen Kindern setze die CSU auf Fördern und Fordern, ohne gemeinsame Sprache gebe es kein gemeinsames Lernen. Für die Schulen gelte: "Wer randaliert, fliegt raus, und wer kein Deutsch kann, kommt gar nicht erst rein." Das gibt johlenden Applaus und endlich die ersten "Edmund, Edmund"-Rufe. Das Publikum kann das noch rhythmischer und anhaltender, als Stoiber Staatsbürgerkurs und -test für Einbürgerungswillige fordert: "Hier gilt das Grundgesetz, nicht die Scharia, hier gilt das Strafgesetzbuch, nicht die Blutrache." Wer das nicht akzeptiere, "braucht gar nicht erst zu kommen", so Stoiber.

Und endlich lächelt der CSU-Chef wieder ein zaghaftes Siegerlächeln. Jenes Lächeln, das er zuletzt 2003 bei seinem überragenden Landtagswahlsieg aufgesetzt hatte. Als er die Unterdrückung christlicher Minderheiten in arabischen Ländern anspricht, stehen die ersten im Publikum auf den Tischen, reißen die Arme wie beim Jubel über ein Fußballtor hoch: "Wer den Ruf des Muezzins in Berlin verlangt, sollte auch in Riad und Teheran das Glocken-Läuten zulassen", sagt Stoiber. Jubel auch bei der Frage nach einer türkischen EU-Mitgliedschaft: "Das kommt für uns, die CSU, nicht in Frage."

Zehn Minuten Applaus und "Edmund, Edmund"-Rufe

Jetzt hat er sie im Griff, der Jubel scheint grenzenlos. Während die einen noch seinen Namen skandieren, singen die anderen vom so schönen Tag, der nie vergehen dürfe. CSU-Generalsekretär Markus Söder hechtet auf die Bühne, brüllt seinem Chef ein "Super!" ins Ohr. Zehn Minuten Applaus gönnen sie dem lange Verstoßenen, jetzt recken alle ihre Huldigungsplakete nach oben.

Fragt man aber nach, sagen einige ganz unemotional: "Der Stoiber ist schon gut, aber wir müssen abwarten." Ja, was denn? "Ob dem Reden auch Taten folgen." Stoiber ist jetzt knapp 13 Jahre Ministerpräsident, eigentlich Zeit genug, einen Politiker kennen zu lernen. Zwei Besucher haben eine kleine Büste von Franz Josef Strauß mitgebracht, sie wird umrahmt von zwei Masskrügen. "Ja, beim Strauß war das anders, der war ein Lump und eine Größe", sagt der eine. Stoiber, nun ja, der sei "auch eine Größe, aber eben kein Lump" - und das, so scheint es, blockiert ihm bei den Bayern den Weg zum verehrten Politiker. So warten sie noch ein bisschen ab, bis irgendwann Stoibers Ablösung kommt. Heute aber sind sie erstmal zufrieden. Oder, wie das ein anderer ausdrückt: "Die Britney Spears kann a Schlampen sein, aber wenn sie dann vor dir steht, lächelst du ihr doch zu und applaudierst."



insgesamt 150 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
elas, 02.12.2005
1.
---Zitat von sysop--- Die CSU ist ein mitunter sperriger Partner für die Schwesterpartei CDU. Die Bayern kultivierten stets das eigene weiß-blaue Profil, und in den 60 Jahren des Bestehens war ihre Stellung im Freistaat nie gefährdet. Doch die Festung wankt. Ist Edmund Stoiber nach seinem Berlin-Verzicht noch der richtige Spitzenmann? Wie geht es nach dem Jubiläum mit der CSU weiter? ---Zitatende--- Zum ersten Teil muss man sagen dass Bayern ein extrem erfolgreiches Land nach dem Krieg war und ist. Zum 2. Teil: Da die Bayern gescheiter sind als viele glauben werden sie wissen was sie an ihrer CSU haben und sie deshalb bestätigen. PS: Die Bremer und andere sollten froh sein dass es zahlungskräftige Bundesländer gibt. Nur von den linken Träumerein lässt sich schlecht leben.
SaT 02.12.2005
2.
---Zitat von sysop--- Die CSU ist ein mitunter sperriger Partner für die Schwesterpartei CDU. Die Bayern kultivierten stets das eigene weiß-blaue Profil, und in den 60 Jahren des Bestehens war ihre Stellung im Freistaat nie gefährdet. Doch die Festung wankt. Ist Edmund Stoiber nach seinem Berlin-Verzicht noch der richtige Spitzenmann? Wie geht es nach dem Jubiläum mit der CSU weiter? ---Zitatende--- Die CSU ist zum Glück noch nicht so weich gespült und bei den Medien weniger einschleimend wie ihre Schwesterpartei – ich hoffe dies bleibt so. Gut auch, dass die CDU auch zu gesellschaftlichen Themen Bezug nimmt, die keine Wirtschaftpolitik sind. Die Menschen respektieren wenn jemand klar seine Meinung vertritt – dies wird dann auch bei Wahlen belohnt.
Sachzwang, 02.12.2005
3.
---Zitat von sysop--- Ist Edmund Stoiber nach seinem Berlin-Verzicht noch der richtige Spitzenmann? ---Zitatende--- Ihn wird wohl seine Aussage einholen, dass nicht "Frustrierte" über Wahlausgänge entscheiden sollten. Weder als Wähler noch als zu Wählende.
freqnasty, 02.12.2005
4.
würde mich doch sehr wundern, wenn es stoiber gelänge, nochmal als ministerpräsident zu kandidieren. er ist politisch verbrannt, und hat sich unsäglich blamiert. beckstein wird wohl sein nachfolger werden.
JanSouth 02.12.2005
5.
---Zitat von sysop--- Wie geht es nach dem Jubiläum mit der CSU weiter? ---Zitatende--- Einfache Frage, einfach zu beantworten: Die Partei wird weiterhin Bayern beherrschen. Zugegebenermaßen keine besonders gewagte Prognose, aber ich will halt auch mal was prophezeien *g*
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.