Politischer Exorzismus Unsere Stadt soll sauber werden

Früher wurden Straßen leider nach Menschen benannt, die noch nicht so klug waren wie wir. Der Botaniker Carl von Linné zum Beispiel hatte vor 200 Jahren das falsche Frauenbild - weg mit ihm! Und was ist mit Willy Brandt?

Botaniker Carl von Linné (1707-1778): Zweifelhaftes Frauenbild
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Botaniker Carl von Linné (1707-1778): Zweifelhaftes Frauenbild

Eine Kolumne von


Die Ernst-Moritz-Arndt-Universität in Greifswald möchte ihren Namen loswerden. Die Mehrheit im Senat der mehr als 500 Jahre alten Einrichtung hat beschlossen, dass die Hochschule nur noch Universität Greifswald heißen soll, weil der bisherige Name nicht mehr in die Zeit passe.

Eigentlich bringt der Schriftsteller und Gelehrte Ernst Moritz Arndt alles mit, was man braucht, um als würdiger Namensgeber zu gelten. Arndts Vater war einst Leibeigener, wie man bis Anfang des 19. Jahrhunderts die Sklaven in Deutschland nannte. Er selbst hat erst gegen den Feudalismus angeschrieben, dann gegen Napoleon und die Fremdherrschaft, als sich der französische Usurpator ganz Europa Untertan machen wollte. Als 1848 in der Frankfurter Paulskirche das erste Parlament zusammentrat, war Arndt unter den Abgeordneten. Wer will, kann in ihm einen der Wegbereiter der deutschen Demokratie sehen.

Leider hat Arndt auch ziemlich wüste Sachen über die Juden und die Franzosen geschrieben. Vor allem die Franzosen hatten es ihm angetan, weshalb er regelmäßig über ihren "Leichtsinn" herzog, ihre "Geschwätzigkeit" und "Flatterhaftigkeit". "Darum lasst uns die Franzosen nur recht frisch hassen, wo wir fühlen, dass sie unsere Tugend und Stärke verweichlichen und entnerven", heißt es an einer Stelle. Das ist in einer Welt, in der alle gegen Hasskriminalität kämpfen, natürlich ganz und gar unakzeptabel.

Seit Jahren geht in Greifswald der Streit um die Umbenennung. Es gab Menschenketten, Mahnwachen und Demonstrationen. Im ersten Anlauf scheiterte der Vorstoß an der Uneinsichtigkeit des Senats. Im Januar entschied die Uni endlich, der Umbenennung stattzugeben. Leider unterlief ihr dabei ein Formfehler, weshalb nun alles wieder von vorne losgeht.

Vergangenheitsbewältigung im Straßenbild

Ich habe keine Statistik zur Hand, aber mein Eindruck ist, dass wir gerade eine neue Welle des symbolischen Geschichtsexorzismus erleben. Mit den Nazi-Größen war man nach dem Krieg ziemlich schnell durch. Die Hitlerstraßen und Göringplätze waren so schnell verschwunden wie die Parteiabzeichen, die man notfalls verschluckt hatte, um unbelastet in die neue Zeit zu gehen. Dann gab es einige Nachhutgefechte um ein paar Wehrmachtsgeneräle, aber das blieben sporadische Ereignisse.

Jetzt wird die Sache sehr viel methodischer betrieben. In München ist seit vergangenem Sommer eine Kommission dabei, alle 6100 Straßen auf bislang unerkannte historische Belastungen zu prüfen. Die Stadt hat festgestellt, dass geschichtlich interessierte Münchner immer wieder auf "dunkle Flecken" stoßen, wenn sie durch die Stadt laufen.

In Freiburg, wo man als erste deutsche Stadt mit einer umfassenden Bewertung aller Straßennamen begann, liegt seit einiger Zeit ein Abschlussbericht vor, der zwischen Hochbelasteten (Kategorie A) und historischen Mitläufern (Kategorie B) unterscheidet.

Weil man es nicht bei Antisemitismus und Militarismus als Bewertungskriterien belassen hat, sondern auch Chauvinismus, Kolonialismus und Verfolgung von Minderheiten einbezog, ist die Liste etwas länger geraten. Wenn alles gut geht, kann Freiburg dafür von sich sagen, die erste Kommune zu sein, in der die Vergangenheitsbewältigung demnächst auch im Straßenbild konsequent umgesetzt wird (Heidegger und Hindenburg sollen weichen, Richard Strauss und Johann Gottlieb Fichte sind unter Auflagen weiter geduldet).

Risikofaktor Willy Brandt

Das Unglück bei vielen Straßen- und Gebäudenamen ist, dass die Leute früher nicht so klug waren wie heute. Wenn man ihnen gesagt hätte, dass es mehr Geschlechter als Planeten gebe und Europa von Brüssel aus regiert werde, hätten sie nur gelacht. Das Beste wäre, man könnte in der Geschichte nach hinten aufklären. Da diese rückwirkende Aufklärung an den Gesetzen der Natur scheitert, ist man darauf angewiesen, dem Fortschritt über die nachträgliche Bereinigung zum Sieg zu verhelfen.

Das Problem der retroaktiven Geschichtshilfe ist, dass sie theoretisch unendlich ist. Auf der Liste der als problematisch empfundenen Namen findet sich in Freiburg der des Botanikers Carl von Linné, dem sein "umstrittenes Frauenbild" zum Verhängnis wurde. Die Einteilung und Hierarchisierung der Pflanzen in männlich und weiblich habe die Grundlage dafür geliefert, wie die Geschlechter von den Menschen im Alltag wahrgenommen wurden und werden, erklärte die Soziologin Nina Degele, die für die Albert-Ludwigs-Universität in der Kommission saß.

In einigen Jahren wird man auch darüber nachdenken, ob man Konrad Adenauer oder Willy Brandt noch als Namensgeber akzeptieren kann, von Franz Josef Strauß müssen wir gar nicht erst reden. Hat Brandt nicht für die Notstandsgesetze die Hand gehoben und den Radikalenerlass auf den Weg gebracht? Das klingt verdächtig nach der Verfolgung von Minderheiten.

Jede Generation geht davon aus, dass die Zivilisation mit ihr den Höhepunkt erreicht hat. Wenn man in 20 Jahren auf die Namen blickt, die jetzt als erinnerungswürdig gelten, wird man sich an den Kopf fassen. Es gibt vorausschauende Menschen, die zum Beispiel davon überzeugt sind, dass man über unser Verhältnis zu Tieren so denken wird wie wir über die Sklaverei. Tieresser stehen dann in dem Ansehen, das heute bei uns Rassisten und Kolonialisten genießen.

In einigen Berliner Bezirken hat man sich entschieden, so lange nur noch Frauen bei Straßennamen zuzulassen, bis die Geschlechterparität erreicht ist. Das ist ein weiser Beschluss. Da sich die Textproduktion von Frauen bis zum 20. Jahrhundert weitgehend auf die Herstellung von Literatur und Lyrik beschränkte, werden künftige Namenskommissionen weniger zu tun haben. Wenn man jetzt noch zur Auflage macht, dass die Dichterseele sich vegan ernährt hat, ist man vorerst auf der sicheren Seite.

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insgesamt 187 Beiträge
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Seite 1
Flugzeugfreak1 03.04.2017
1. Haben wir keine größeren Probleme
als politisch korrekte Straßennamen? Linee hat die Botanik vorangetrieben, Richard Wagner die Musik revolutioniert. Von seinem Judenbild wollen wir nicht reden. Leider können die "Soziologen" nicht erkennen, das seine Schriften in der damaligen Zeit vollkommen angebracht war. Ich fahr jetzt vom Richard Wagner Platz mit dem Bus.
seamanslife 03.04.2017
2.
solange wie Straßen und Plätze nach einem ehemaligen NS-Journalisten (Kurt-Georg Kiesinger) benannt werden sollte man sich den Blick auf das "seltsame Frauenbild" sparen. Bei Goebbels durfte nur arbeiten wer auch strammer PG war. Es sollte mich nicht wundern wenn es im Rheinland nicht irgendwo einen Globkeplatz gibt!
streifenpuppe 03.04.2017
3. einen hat er vergessen.... Martin Luther
Im Luther-Jahr sollte man das problematische Verhältnis Luthers zu Frauen, Juden und Bauern (Werktätige!) auch in Bezug auf Denkmäler, Städte (*-Wittenberg) Straßen etc. mal kritisch hinterleuchten. Vorschlag für die Kommission: die Feminismus-Beauftragte der EKD, die hat auch dem "Negerkönig" bei Pippi Langstumpf den Garaus gemacht
romeov 03.04.2017
4. Ich erinnere mich noch
...als die Straße, in der meine Großmutter wohnte, von "Friedhofstraße" in die Zeitgeist entsprechende, politisch korrekte "Marie-Juchacz-Straße" umgetitelt wurde und sie jedesmal, wenn sie einen Brief schreiben wollte, fluchend zum Straßenschild ging, um die korrekte Schreibweise zu sehen.
newline 03.04.2017
5. Mit den Frauen
und ihrer literarischen Produktion ist das so eine Sache. In meiner Stadt wird gerade eine Strasse umbenannt, weil die bisherige Namensgeberin, eine Schriftstellerin, Hitler sehr verherrlicht hat, weit über das damals übliche Maß.
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