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06. Juni 2007, 18:10 Uhr

Polizeidebakel in Heiligendamm

Gipfel-Blockierer wollen bis Freitag durchhalten

Die Polizei hat in Heiligendamm ein Debakel erlebt. Wenige Stunden vor dem Beginn des G-8-Treffens stürmten Tausende Demonstranten an den Sicherheitszaun am Tagungsort vor, bis sie zurückgedrängt wurden. Bis zum Freitag wollen die Gipfelgegner ihre Blockaden durchhalten.

Heiligendamm - "Solange der Gipfel läuft, wird hier blockiert", kündigte der Koordinator des globalisierungskritischen Netzwerks Attac, Sven Giegold, an. "Wir haben schon jetzt ein Zeichen gesetzt gegen den G-8-Gipfel, der dort hinter dem Stacheldraht beginnt", hieß es in einer Erklärung. Die Blockaden mit mehreren tausend Teilnehmern seien ein "Erfolg". Die Demonstranten hätten gezeigt, "dass 10.000 Menschen entschlossen, aber ohne jede Gewaltanwendung an der Polizei vorbeikommen und ein Blockadeziel erreichen können".

Mit einem Coup hatten die Blockierer das Großaufgebot der Polizei in der Gegend um Heiligendamm düpiert. Unmittelbar vor dem Eintreffen der Staats- und Regierungschefs überschritten Tausende Demonstranten Sicherheitslinien und versammelten sich am zwölf Kilometer langen Schutzzaun rund um den Konferenzort. Polizisten gingen schließlich mit Schlagstöcken gegen Demonstranten vor. Wasserwerfer hielten die Menge, aus der Steine flogen, auf Distanz. Hubschrauber flogen Verstärkung ein. Über Verletzte auf beiden Seiten gibt es noch keine exakten Angaben.

Am Sicherheitszaun standen sich am Nachmittag noch immer mehrere Hundertschaften Polizei und Tausende Demonstranten gegenüber. Die Beamten drängten die Protestgruppe etwa 50 Meter zurück. Die G-8-Gegner waren bis auf 20 Meter an den Zaun vorgedrungen. Die Polizei markierte den eingeforderten Abstand mit einem Absperrband, das auch akzeptiert wurde.

Von einer Blamage wollte die Polizei nichts wissen. "Die Polizei ist nicht überrascht worden. Sie ist mit starken Kräften im Einsatz", sagte ein Sprecher der Sondereinheit Kavala.

Es gelang den G-8-Gegnern auch, mehrere Zufahrten zum Tagungshotel zu blockieren. Augenzeugen berichteten, dass die Demonstranten flexibel die Aufmarschorte der Polizei umgingen. Nach dem Einsatz der Wasserwerfer zogen sie über Wiesen weiter, um nahe der Ostsee eine Straße Richtung Heiligendamm zu blockieren.

Globalisierungskritiker besetzten nach Polizeiangaben auch die Autobahn 19 bei Rostock-Laage. Auf der Strecke sollten die Delegationen der G-8-Länder in Richtung Heiligendamm fahren. Ebenso brachten sie den Verkehr auf der Bundesstraße 105 bei Sievershagen zwischen Rostock und Bad Doberan zum Stehen. Eine weitere Blockade bestand zwischen Reddelich und Bad Doberan, hieß es.

Nach den Angaben gelang es weiteren 300 Demonstranten zum Zaun am westlichen Kontrollpunkt Vorder Bollhagen durchzukommen. Die Einsatzkräfte mussten auch südlich von Heiligendamm an der Bundesstraße 105 mit Wasserwerfern und Tränengas eine Blockade auflösen.

Die seit mehreren Tagen trainierte Aktion verlief nach dem sogenannten Fünf-Finger-System. Die G-8-Gegner teilten sich also in fünf Gruppen auf, die sich getrennt auf den Weg machten - zunächst auf der Bundesstraße 105 nach Bad Doberan, aber auch durch Wälder und Rapsfelder, um eine Polizeisperre zu umgehen.

Pech hatten auch die Journalisten, die über den Mammutgipfel berichten wollen. Denn die Gipfelgegner blockierten auch die für den Transport der Presse vorgesehene Bahnverbindung zwischen Kühlungsborn und Heiligendamm, den Dampfzug "Molli", der normalerweise Touristen von Bad Doberan an die nahe Ostsee bringt.

Die Medienvertreter mussten deshalb aufs Meer ausweichen: Sie wurden ersatzweise mit Booten der Bundeswehr und Barkassen in das Tagungshotel gebracht, sagte eine Sprecherin der Bundesregierung. Vor Antritt der nur wenige hundert Meter langen Seereise mussten die Journalisten wegen der "Gefährlichkeit des Transportmittels" eine Haftungsausschlusserklärung unterschreiben.

als/AFP/dpa

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