Polizeischutz: Vorkämpfer für Islam-Austritte mit dem Tod bedroht

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Muslime dürfen ihrer Religion nicht den Rücken kehren: Mit diesem Glaubensgesetz bricht die Exil-Iranerin Mina Ahadi und ihr neu gegründeter "Zentralrat der Ex-Muslime". Jetzt steht sie unter Polizeischutz, die Mitglieder werden bedroht.

Berlin - Wenn ein Muslim seiner Religion den Rücken kehren will, wird er in vielen islamischen Ländern von der Todesstrafe bedroht. In Iran, Saudi-Arabien, Afghanistan, Pakistan, Sudan und Mauretanien können Abtrünnige des islamischen Glaubens im Sinne der Scharia hingerichtet werden. In anderen Ländern werden Konvertiten zwar nicht von Gerichten bestraft, aber ausgegrenzt: Familie und Freunde wenden sich ab, Menschen verlieren ihren sozialen Rückhalt.

Mina Ahadi, Gründerin des Zentralrats der Ex-Muslime: "Ich hoffe auf mehr Frieden"

Mina Ahadi, Gründerin des Zentralrats der Ex-Muslime: "Ich hoffe auf mehr Frieden"

Auch in Europa ist der Abschied vom Glauben unter Muslimen ein Tabu. Er vollzieht sich allenfalls hinter verschlossenen Türen - und wehe, wer sich nicht an diese Regel hält. Das muss gerade die in Deutschland lebende Exil-Iranerin und Menschenrechtlerin Mina Ahadi erfahren. Sie hat mit etwa vierzig anderen ehemaligen Muslimen den "Zentralrat der Ex-Muslime" gegründet, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Jetzt lebt sie unter Polizeischutz.

Seit der Verein existiert, wird sie "terrorisiert" - so nennt es Ahadi selbst. Im Internet wurden die Mitglieder mit dem Tod bedroht: Es brauche gar keine offizielle Fatwa gegen Ahadis Zentralrat, also keinen offiziellen Aufruf von Religionsgelehrten, stand da zu lesen. Vielmehr schreibe der Koran vor, was mit solchen Menschen zu machen sei.

Im Klartext: Das islamische Recht der Scharia droht nach radikaler Auslegung Konvertiten mit der Todesstrafe - und damit drohen die Internet-Islamisten auch dem Zentralrat der Ex-Muslime (der Koran selbst allerdings verbietet weltliche Bestrafung für Konvertiten).

Vor einer Woche dann wandte sich die Polizei an Ahadi. Sie wurde unter Personenschutz gestellt - wie die Grünen-Politikerin Ekin Deligöz, die kürzlich Musliminnen in Deutschland zum Ablegen des Kopftuchs aufgefordert und damit den Zorn der Islamisten auf sich gezogen hatte.

"Ich hoffe auf mehr Frieden"

Die Eskalation zeigt, wie groß das Tabu ist, an dem der Zentralrat der Ex-Muslime rührt. In genau einer Woche wollen sich die Mitglieder erstmals auf einer Pressekonferenz vorstellen und öffentlich ihre Abkehr vom Islam bekennen - mit Fotos und dem Slogan "Wir haben abgeschworen".

Sie habe sich nicht ausgesucht, dass sie als Muslimin geboren wurde, sagt Ahadi. Mit dem Zentralrat der Ex-Muslime wolle sie vor allem unterdrückten Frauen einen Ausweg bieten. Säkulare Menschen, die in Deutschland leben und integriert sind, müssten verteidigt werden. "Wir wollen unserer Gesellschaft zu einem besseren Zusammenleben verhelfen. Ich hoffe auf mehr Frieden."

Ahadi und ihre Verbündeten haben für ihre Vereinigung einen provokanten Titel gewählt - schließlich gibt es den Zentralrat der Muslime in Köln. Dessen Vorsitzender Ayyub Axel Köhler sagte der "taz", er könne die Motivation des Vereins "einfach nicht verstehen". Aber "in diesem Land kann sich jeder organisieren, das Recht dazu haben sie natürlich".

Vizevorsitzende soll Arzu Toker werden, Publizistin, gebürtige Türkin und Ex-Mitglied des WDR-Rundfunkrats. Mehrere Vorstandmitglieder sind nach "Focus"-Informationen Mitglieder kommunistischer Parteien in Iran und im Irak. Ahadi sagt dazu, zwar seien manche links - aber in dem Verein gehe es nicht um politische Ausrichtungen. Es gehe um das gemeinsame Anliegen.

"Auch in der arabischen Welt wird das diskutiert werden"

Der Fall Deligöz, jetzt der Fall Ahadi, dazu die Geschichte von Ayaan Hirsi Ali, die in den Niederlanden für die Rechtsliberalen im Parlament saß, sich unter Kritik vom Islam abwandte und nach Morddrohungen in die USA übersiedelte: Die Probleme gerade muslimischer Frauen in westlichen Gesellschaften sind offensichtlich.

Ein Austritt aus dem Islam gelte als "Hochverrat", sagt Islamwissenschaftlerin Melanie Kamp vom Zentrum Moderner Orient. Wenn man als Muslim öffentlich und in der Gruppe den Austritt erkläre, provoziere man Reaktionen islamischer Theologen. Ahadi kann sich vorstellen, "dass es Aufrufe zur Fatwa gegen uns geben wird. Auch in der arabischen Welt wird unser Projekt diskutiert werden".

Der Zentralrat der Ex-Muslime sei eine Chance, sagt Cem Özdemir, Abgeordneter der Grünen im Europaparlament. Denn die größte Herausforderung sei, dass Menschen muslimischer Herkunft sich gegenseitig respektieren - "dass Aleviten Sunniten anerkennen, aber auch Atheisten respektiert werden". Wenn der Zentralrat der Muslime den Zentralrat der Ex-Muslime anerkenne, sei schon viel erreicht, sagt Özdemir.

"Es kann nicht darum gehen, den Glauben zu bekämpfen"

Noch eine Hoffnung verbindet der Grüne mit Ahadis Projekt: einen differenzierten Blick auf Menschen aus muslimischen Ländern in Deutschland. "Wir müssen begreifen und aushalten, dass die 3,5 Millionen Muslime in Deutschland in höchstem Maße heterogen sind, einige eben mit Religion nichts am Hut haben und sich nicht als Muslime identifizieren, auch wenn sie als Muslime geboren sind."

Dass sich viele Menschen dem neuen Zentralrat der Ex-Muslime anschließen werden, glaubt Özdemir allerdings nicht. Wenn sich ein Muslim gegen seine Religion entscheide, mache er das in aller Regel privat, indem er seine Religion schlicht nicht mehr praktiziert. "Das öffentliche Bekenntnis zum Atheismus ist eher ungewöhnlich."

Mit gemischten Gefühlen sieht Deligöz Ahadis Vorhaben. "So etwas muss es geben können. Schließlich haben die jetzigen Verbände keinen Alleinvertretungsanspruch", sagt die Grünen-Politikerin. Vielfalt fördere die Diskussion.

Aber durch die Bezeichnung Ex-Muslime bekomme das Vorhaben einen negativen Beigeschmack. "Es kann doch nicht darum gehen, den Glauben zu bekämpfen. Es muss die Religion modernisiert werden." Denn Glaube sei nicht per se negativ, er könne auch Halt geben. "Ich halte einen modernen, aufgeklärten Islam für möglich. Deshalb würde ich lieber dafür kämpfen."

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